Nicht mehr – noch nicht…

Für die gleichen Dinge sagen die einen, sie seien nicht mehr, während die anderen meinen, sie seien noch nicht. Nicht eigentlich Dinge sind es, auf die ich anspiele, sondern Zustände, Bewusstseinszustände, Erkenntniszustände, Zustände verwirklichter Sprache, Literatur, Philosophie.

Besonders verwirrend ist, dass sich die Sprache derer, die das NICHTMEHR bedauern, derjenigen der anderen, der Gegner sozusagen, die das NOCHNICHT zelebrieren, gleicht wie ein Ei von einer Henne dem anderen Ei der gleichen Henne gleicht. Und diese so gleichen Sprachen glauben alles im Auge haben, während sie an der Gegenwart vorbeischauen.

Die einen sagen, um das Thema auf das meistgelesene Buch der Welt zu beziehen, die Dinge, die in der Bibel stünden, seien nicht mehr von Bedeutung. Spätestens mit der Aufklärung begann der Thron Gottes zu wackeln. Inzwischen ist es gar keine Frage mehr, dass es ihn nicht gibt. Die Sache ist einfach nicht mehr relevant. Und das mit der Backe hinhalten, wenn auf die andere draufgehauen wird, diese und all die anderen weltfremden Geschichten sind nicht mehr relevant. Überhaupt wird jede Sprache heiligen Inhalts verworfen. Sie tauge nichts mehr, heißt es von der NICHTMEHRFRAKTION. Die Werte der alten Mystiker, auch die der neuen, könne man nicht mehr verstehen, man habe keinen Antrieb sie umsetzen, das funktioniere sowieso nicht, gehe einfach nicht mehr.

Die anderen sagen, wir Menschen könnten die moralischen Beispiele und die Wundergeschichten im Neuen Testament noch nicht verstehen. Es sei noch nicht die Zeit, dass sie Wirklichkeit würden. Wir seien noch nicht zum Bewusstsein einer Geistigkeit vorgedrungen, aus der heraus wir die alten Texte auffassen könnten. Sowohl was ihren Inhalt als auch ihre Sprache betreffe, könnten wir noch nichts damit anfangen. Die NOCHNICHTFRAKTION spricht der Vergegenwärtigung dessen, was ihr heilig ist, die Berechtigung ab und vertröstet die Sinnsucher auf irgendwann später.

Beide Fraktionen sind wortgewandt, engagiert, besserwisserisch. Sie sind nicht vom Eindruck durchseelt, dass Staunen die Welt voranbringe. Sie müssen keinen Augenblick darüber staunen, dass wir uns nicht mehr wie früher aufgehoben fühlen in der Welt, sei es die Welt draußen unter den Menschen, sei es die in den eigenen vier Wänden. Sie staunen nicht, dass es Worte gibt, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden das Geheimnis ihrer Wirkkraft durch die Menschheitskulturen tragen und weder das NICHTMEHR noch das NOCHNICHT bedienen, sondern in ihrer ewig sich in der Gegenwart verströmenden Bedeutung nur immer mehr aufladen.

Manchmal denke ich, wer diese Dinge in den Wind schlägt und über die Rätsel von Kunstwerken (was sind das, Kunstwerke?) Worte verliert, ist noch nicht angekommen und wird es auch nicht mehr…

Gute Nacht, herzlich