Ödöns Tod

Der Schriftsteller Ödön von Horvath hatte sein Leben lang Angst, von einem Baum erschlagen zu werden. Als berühmter Mann nachts in einem Gewitter auf dem Heimweg wurde er in den Champs Elysees mitten in Paris unter einem Baum von einem herunterfallenden Ast erschlagen.

Das würde ihm heute nicht mehr passieren. Hier im Hessischen Wald jedenfalls nicht. Je nach Wetterbericht wird der Wald für Fußgänger neuerdings einfach gesperrt. Noch vor wenigen Wochen war der Wald für viele ein Ort des Überlebens und Energietankens, wenn sie mal aus ihren vier Wänden mussten, wo ihnen der Himmel auf den Kopf zu fallen drohte – jetzt ist er je nach Wettermeldung vom Forstamt abgeriegelt.

Denn noch sind nicht alle kranken Bäume gefällt und so könnte es sein, dass jemand von einem herunterfallenden Ast erschlagen würde, egal ob er abergläubisch ist wie Ödön von Horvath abergläubisch war, oder ob er weder an Vorsehung noch sonst was glaubt. Vielleicht, wenn einst alle angezählten Bäume im Habichtswald liquidiert sind, dürfen wir wieder stundenweise hinein zwischen das Buchengrün und Walddrosselgezwitscher.

Was aber ist das mit den angezählten Bäumen? Wie sieht die Statistik mit totgeschlagenen Waldspaziergängerinnen aus? Muss wirklich jeder mit dem potentiellen Tod rechnen?

Wir sind selbstverständlich, als wir zu zweit an die Abschrankungen kamen, durchgewitscht und sind froh und vergnügt durch die Waldesstille gegangen, weder abergläuisch noch glaubenlos. Sind wir wirklich Verbrecher? Gesetzesbrecher jedenfalls waren wir. Und dies mit bestem Gewissen.