Ohrwurm

Seit einigen Tagen laufe ich mit einem Ohrwurm rum. Den sieht niemand und hören tue nur ich ihn, dies allerdings rund um die Uhr.

Was ist das eigentlich, ein Ohrwurm? Wäre er zu vermeiden, wenn es nur gute und sehr gute Musik geben würde, Musik, die man immer wieder hören muss, weil sie beim Anhören einmal die Sehnsucht zur Wiederholung weckt, dann einen Wiedererkennungswert aufweist und schließlich eine Vielschichtigkeit ins Ohr und ins Bewusstsein hineinlegt, die die Musik neu zusammenstellt und insgesamt weiterentwickelt? Vermutlich ja. – Nur der Ohrwurm an sich, der bleibt.

Wann schlägt dieses komplizierte Geschehen in Ohrwurmigkeit um? – Der Ohrwurm, der mich zur Zeit beseelt und gleichzeitig quält, ist Teil einer wahrlich komplizierten Komposition, die ich, weil mir dieser eine Teil von ihr dauernd im Hirn rumgeistert, einerseits weit von mir weghalten, gleichzeitig aber unbedingt hören möchte. Ist das nun ein Armutszeugnis für diese Musik? Oder kommt das zwangsläufig, wenn man zu lange die gleiche Musikkonserve anhört?

Unlösbare Fragen. Und während ich sie vor meinem Geist hin und her bewege, höre ich die immer gleichen Musiklinien im Ohr. Dieser Ohrwurm! Er ist so kompliziert, dass er mit dem Wort ‚Ohrwurm‘ schlecht umrissen ist. Die Wellenlinien meines Ohrwurms gliedern sich in viele intermittierende Cluster und sehen anders aus als ein Wurm, nämlich sehr viel differenzierter. Wenn ich an die Töne, Melodielinien und Klänge denke, die in meinem Ohr rumkriechen, dann hat es allerdings denn doch etwas eindeutig Wurmartiges.

Tja, es ist Sonntag abend, draußen ist es still, die Jogger und Hundeausführer sind zu Hause vor den Bildschirmen. Ich sitze da in der Stille und hüte einen Ohrwurm. Er ist so gut dressiert, dass er keinen Schritt von mir weicht. Irgendwann während des Einschlafens wird er irgendwo in mir abtauchen, wie ein Regenwurm, der durch ein kleines Loch im Rasen verschwindet.

Ich wünsche eine allseits gute Nacht,

herzlich