Papiertiger

Meine Quintessenz des heutigen Tages ist: Papier ist ungeduldig, es nimmt Buchstaben und Worte und Sätze nicht auf wie eine wiederkäuende Kuh, sondern es faucht wie ein Tiger, faucht uns an und zerfleischt uns, uns, die lesenden Opfer.

Das Zerfleischende sind die Missverständnisse des Geschriebenem. Alles zur falschen Zeit am falschen Platz mit falschen Worten. Die Intention eines Textes und seine Aufnahme liegen Erddiameter auseinander. Der Urheber des Textes und sein Leser wissen nicht, dass zwischen ihnen ein Ausmaß vollständigen Missverstehens das gegenseitige Bemühen bestimmt. So arbeitet Papier, und es arbeitet so, ohne dass jemand das Problem erkennt. In aller Regel bleibt es unerkannt. Der Papiertiger zerreißt seine Beute, den Leser und die Leserin, und sie merken es nicht.

Dostojewski schrieb einen Roman in neun Briefen. Die beiden Briefeschreiber schreiben aneinander vorbei ohne es zu bemerken. Sie könnten anhand ihrer Briefe nicht rekonstruieren, wie es dazu kam, dass sich die Sache auf ein Duell zuspitzt. Beide bemühten sich um Verständlichkeit, beide beherrschten die Kunst des Formulierens, und wie gemeinsam in den Abgrund gerissen, gerieten sie – das alles geschieht meistens unbemerkt, das ist das besonders Abgründige dabei – tatsächlich in solche Abründe, dass sie darin untergingen. Ihre Frauen waren längst verloren, als sie etwas davon bemerkten…

Die einzelnen Buchstaben sind vor Missverständnissen einigermaßen geschützt, Worte schon weniger, ganze Sätze dann jedoch gar nicht mehr. Und dann sind da ja noch Abschnitte auf dem Papier, Unterkapitel, ganze Kapitel, galoppierender Dschungel. Ene Flut von Fehleinschätzungen.

Nur Verlangsamung kann da abhelfen, rundum komplette Verlangsamung. Und das mühsame Geschäft des Rückfragen stellens.

Keine Ahnung, wie missverständlich meine Zeilen rüberkommen. Hätte ich die Möglichkeit, die Leser danach zu befragen, kämen Antworten, die genau das, was ich geschrieben habe, bestätigen, ohne dass wir der Sache näher auf die Spur kommen. Ein Fazit.

Grüßend bin ich