Platons Bart

Es gibt eine Büste mit der Abbildung des alten großen Platon, des griechischen Philosophen, der am Anfang der abendländischen Denkkultur steht. Er hat einen Blick in die Weite und einen langen, lichtdurchwirkten Bart. Die Büste ist aus Stein, doch der Bart kann nicht anders als schlohweiß sein.

Die Geschichte sollte ich nicht am Schwanz aufzäumen, sondern dort, wo ihr Anfang hingehört und der ist bei meinem Nachbarn. Er wohnt zwei Straßen weiter. Und wie es manchmal mit Nachbarn ist, man sieht sie seltener als jemanden, der am anderen Ende der Stadt wohnt und beispielsweise im gleichen Laden einkauft wie du. Jedenfalls lud ich kürzlich etwas aus dem Auto aus, als er dahergegangen kam. 

Nachdem wir einiges ausgetauscht hatten, fragte ich unvermittelt, seit wann er einen Bart trage. «Das ist mein Coronabart», sagte er, «zu Beginn des ersten Lockdowns vor einem Jahr sagte ich mir, so, jetzt rasierst du dich nicht mehr, bis das alles vorbei ist.» – Inzwischen hat er einen Bart, lang und prachtvoll wie der  wie der des alten Platon. Und er ist schlohweiß leuchtend. Und leuchtend sind auch die Augen des Nachbarn, der sich auf diesen Bart wirklich was einbilden kann, falls er das will!

Manchmal folgt die Weisheit in den Fußstapfen des Wahnsinns. Manchmal wird etwas groß, was größer nicht gedacht werden kann. Manchmal entsteht Würde, man sie uns weggenommen hat. Manchmal werden Masken demaskiert, ohne dass sich jemand aus dem Fenster lehnt.