Raum der Ruhe

Eckhart Tolle schreibt in wenigen Tagen ein Buch zur Zeitsituation, es heißt Neue Erde. Er liest es auch gleich und stellt das Elfstundending ins Netz. Charles Eisenstein winkt mit einem zigseitigen Artikel unter deim Titel Die Krönung, Johannes Stüttgen predigt von seinem Arbeitszimmer in Düsseldorf eine Dreiviertelstunde in einem Podcast des Buses für Direkte Demokratie über die neue Qulität der Stille. Christina von Dreien ist wieder im Netz präsent, nachdem es um sie herum sehr ruhig war in letzter Zeit – sie gibt kleine Interviews zur Wohnzimmerrevolution angesichts der Weltlage.

Alle haben sie wie nur gewartet auf ihre Efforts, die sie der Menschheit zur Verfügung stellen und wenn der Anlasse, weshalb diese ganzen Stimmen erklingen, nicht ein solches Elend wäre, könnten wir schlichtweg einfach nur jubeln. So viel Empathie in die Natur, die wieder auflebt, so viel Einigkeit über die verrückte Menschheit, die, weil sie von sich aus weitergemacht hätte wie bisher, nun durch ein Nichts, das sie irgendwie bedroht, zu neuen Erkenntnisse kommt.

Ich frage mich, was daran wirklich ganz neue Erkenntnisse sind. Bei genauem Hinschauen wird es mit diesen wirklich neuen Erkenntnissen dünn. Die Eloquenz, bisherige Erkenntnisse mit neuen Wortverbindungen an die gegenwärtige Situation anpassen, die ist immens, aber das ist noch nicht die Garantie für wirklich Neues. Auch ich werde schnell still, wenn ich mich streng frage, was ich Neues durch die neue Zeit entdecke.

Kürzlich stand unster Nachbar am Gartenzaun,über achtzig Jahre alt,gebrechlich und lieb. Recht verloren stand er mir gegenüber. Er werde keine Gesichtsmaske überziehen, die Gasmasken im Krieg hätten ihm genügt. Und er werde keine Hamsterkäufe machen, und das Einkaufen müssten für ihn nicht Jüngere machen, das könne er schon selbst. Also nicht einmal das Bild mit den Masken vor Mund und Nase ist neu, das mit den Hamsterkäufen auch nicht. Das mit dem Heraustreten aus dem Hamsterrad, das ist vielleicht das einzige, was einigermaßen erstaunt, aber es ist absolut unfreiwillig, dass wir nicht lange rätseln müssen, wie es weitergeht, sobald wir wieder ins Hamsterrad reindürfen.

Die Frage mit den Erkenntnissen treibt mich um. Das Philosophiemagazin belästigt mich, nein es bedient mich vielmehr alle paar Tage mit einem neuen Newsletter. Lauter Beiträge zur gegenwärtigen Lage, die dieses Magazin, wie es seine Aufgabe ist, denkend reflektiert. Ab und zu ein einigermaßen neuer Begriff, aber neue Gedankenzusammenhänge? Eigentlich kaum, eigentlich nicht.

Es sind Jahrzehnte her, dass ich über meiner Lizentiatsarbeit saß, heute würde man sie Masterarbeit nennen. Es ging um Anselm von Canterbury, der im 11. Jahrhundert lebte, einer im Vergleich zu unserer Zeit ruhige, menschenarme und verkehrsarme, informationsarme, überhaupt arme Welt. Anselm schrieb das Proslogion, es gilt als das erste Werk der abendländischen Philosophie, das einenontologischen Gottesbeweis brachte, das ist ein aus dem Denken generierter Beweis der Existenz Gottes. Seit nunmehr tausend Jahren wurde sein Buch stets nur auf diesen Gottesbeweis hin gelesen. Er beginnt in Kapitel zwei. Das erste Kapitel ist eine kurze Hinführung zum Thema in Gebetform, dann folgt der berühmte Gottesbeweis in Form einer logischen Abhandlung, dann kommen weitere Dankgebete. Das Buch enthält sechundzwanzig Kapitel, interessiert hat man sich stets nur für die vergleichsweise kurze Textstrecke mit dem Gottesbeweis.

Mich interessierte damals mehr als der Gottesbeweise selbst das Drumherum. Der Text beginnt mit einem Anruf an den Leser. „Tritt ein in DeinKämmerlein“, bittet Anselm uns, seine Leser, „werde still und finde Deine Ruhe.“ Das ist die Grundvoraussetzung für Erkenntnis. – Dann kommt bei Anselm wirklich die Erkenntnis, nämlich die Erkenntnis Gottes, und dann gibt es noch weit über zwanzig Kapitel, in denen er Gott für diese Erkenntnis dankt.

Ruhe, Stille, Einkehr, Dank und natürlich ein Verbundenheitsgefühl mit dem Göttlichen, das begegnet uns in diesem längst vergessenen Buch. Aber es war alles schon mal da, in größter Reinheit. Neu ist es keineswegs, höchstens von Vielen vergessen, aber nicht von allen, das nicht. Und es gibt heute Menschen, die nichts an ihrem bisherigen Leben ändern müssen, weil sie so gut wie ihnen dies möglich war und weiterhin ist, an diesen Themen dran und darin aufgehoben sind. Sie hätten der Eyeopener, der uns nun weltweit die Augen öffnen soll, nicht gebraucht. Das möchte ich zubedenken geben.