Schnecken können kopfrechnen

Dass Schnecken rechnen können ist bekannt, nur vielleicht etwas langsam.

Inhaber von Nacktschnecken, habe ich mir erzählen lassen, bereiten ihre Nacktschneckenlieblinge mit einer solchen Inbrunst für ein Schneckenrennen vor, dass sie sie vor dem Start liebevoll in den Mund nehmen und mit der eigenen Spucke so glitschig wie möglich machen, damit sie ein gutes Rennen kriechen. Das macht die Schnecken manchmal übermütig. An einem Renntag ist das in Ordnung, doch im echten Leben kann dieser Übermut gefährlich werden. Ohne solche Kriechstarthilfe muss eine Schnecke genau berechnen, wieviel Flüssigkeit sie in sich gespeichert hat, um sie zur Überquerung einer Straße als dünne Gleitschicht zwischen sich und den trockenen Boden zu legen.

Vergangene Nacht hat in unserem Quartier ein Gewitter sämtliche Wiesen und Straßen überschwemmt und kräftig eingefeuchtet. Kein Wunder, dass heute die Nacktschnecken auf den Straßen Urstände feierten, geil wie Kröten im Frühlingsvollmond.

Dass sich die eine oder andere Schnecke dabei verrechnet hat, sieht man an solchen Tagen an jeder absurden Straßenecke. Ich jedenfalls fand mitten auf einem asphaltierten Radweg eine solche Schnecke. Sie wurde nicht etwa überfahren oder angefahren oder sonstwie aus der Bahn geworfen. Sie hatte sich verrechnet, tödlich verrechnet! Kam vermutlich mit einem Grinsen aus dem nassen Gras, kroch leichtfüßig (leichtfüßig?) auf dem nassen Asphalt herum, kam sich vor wie eine frisch eingespeichelte Rennnacktschnecke, glitschig und schnell. Doch sie hatte sich im Berechnen ihrer Schleimvorräten ebenso gründlich verhauen wie im Zeigerstand der steigenden Sonne. Und mitten auf dem Asphalt, der zu dampfen begonnen hatte und bald nicht nur trocken, sondern heiß wie in den Tagen zuvor sein würde, mitten in diesem die Sinne verwirrenden Geschehen drin drehte sie ihre übermütigen Kurven, dachte, nein, heute musst du nicht schnurstracks quer über die Straße, nein, heute ist Ausnahmezustand wie in Israel, wenn es regnet, nein, du tanzt heute mal um deine eigene Achse wie vor dreitausend Jahren die Abgefallenen Gottes um das Goldene Kalb – und tanzte und verendete.

Dies ist der Amsel, die von der Lehne einer nahen Sitzbank aus den eingedrehten Todesschleichweg beobachtete, nicht entgangen, und sie erlöste das sanfte, saftlose Moluskentier, bevor es ganz vertrocknet war.

Vielleicht kommt diese Nacht noch ein zweites Gewitter, das wäre eine Erleichterung für die Natur trotz der vielen Gefahren für einzelne ihrer Vertreter.

Herzlich grüßt