Schönheit des Sterbens

Heute Morgen, die Sonne stand schwächelnd etwas über dem Horizont, gingen wir an einer nassen Wiese entlang, auf welcher halb im Schatten Blätter vom nahen Waldrand herangeweht worden waren. Drei abgefallene Herbstblätter lagen ausgestreckt und leicht übereinander gelegt im Gras, ein Ahorn-, ein Eichen- und ein Buchenblatt, verschieden groß, verschieden gefärbt und erst recht verschieden gestaltet und trotz des fortgeschrittenen Stadiums ihres Sterbens immer noch ganz so, dass sie idealtypisch die Bäume repräsentierten, von denen sie einen Tag zuvor abgefallen waren.

Wieso ich weiß, dass sie vor einem Tag abgefallen waren? Sie waren alle drei im gleichen Stadium des beginnenden endgültigen Zerfalls. Weshalb sie mir während des ganzen folgenden Gangs durch Wälder und über Wiesen nicht aus dem Sinn mehr gingen, waren die Blattränder, die alle drei Blätter auf die gleiche Weise gezeigt hatten. An den fein ziselierten Rändern hatte sich in noch viel feinerer Ziselierung der Frost festgefressen. Er saß rundherum an den feinrissig gezackten Blätterenden und gab ihnen eine Art eisernen Bands. Bissig, als hätte er sie mit seiner bitteren Kälte im Würgegriff.

Die Blattoberfläche selbst war durch die Oberflächenspannung, die die Blätter auch im Zerfall noch besaßen, frostfrei. Als wollten sie auch in diesem Zustand und bei dem bisschen Sonne nochmals aufleben und, wer weiß, das Unmöglich versuchen, nämlich die Fotosynthese – es sah nur so aus, klar, dass sie wussten, dass dieses Kräftespiel vorbei war, aber ausgesehen hatte es, als wollten sie es nocheinmal probieren.

Oh dachte ich, jedes dieser Blätter ist zuersts verdurstet, und als gar kein Saft mehr vom den Zweigen in die Blätter kam, fielen sie ab. Erstickungstod. Doch ihr vegetatives Leben war noch lange nicht zu Ende. Unter anderen abfallenden Blättern verschwindend, verloren sie das Lichtbewusstsein, ein zweiter Tod. Und die, die etwas weiter wegflogen, zum Beispiel in die Wiese, auf der ich gerade stand, bei denen fraß sich der Frost an den Seiten fest, dritter Tod.

Und noch immer lagen die drei Blätter da, als hätten sie ein Geheimnis zu bewahren, und sie schenkten meinen Augen Freude und Heiterkeit, diese Lebens- und Verwandlungskünstler ganz am Ende ihres so gekonnten, ästhetischen Sterbens.