Schwarmintelligenz und Dialog

Die Dialoge, die Berenike und ich mit anderen Leuten durchführen, lassen sich als gemeinsames Denken beschreiben. Normalerweise stellen wir uns unter Denken einen autonomen Akt vor, der alleine durchgeführt wird. Viel von dem, was in der Schule, bei der Arbeit, im Alltagsleben zu bewältigen ist, ist darauf angewiesen, dass ich es gedanklich meistere, also denke und zwar allein. Descartes hätte den Begriff ‹gemeinsam denken› verworfen, Philosophen tun das bis heute mit großer Überzeugung.
Für den Quantenphysiker und Kommunikationsforscher David Bohm (1917-1992) ereignet sich im Dialog ein gemeinsamer Sinnfluss. Diesen Sinnfluss gestalten wir gemeinsam und werden gleichzeitig werden die Einzelnen von ihm beeinflusst. Das braucht etwas Mut, schenkt jedoch Freude, denn bei meinen Gedanken, bei dem, was ich erzähle und überall da, wo ich wirklich zuhöre, entstehen Farben, die in meinem Weltbild bisher unterbelichtet waren. Ich löse mich von gewohnten Denkbahnen – dank meiner erhöhten Achtsamkeit und dank des Geschehens um mich herum. Plötzlich bin ich Teil eines tiefergründigen Prozesses und werde ein Teil davon. Nur keine Angst, ich verliere deshalb noch lange nicht meine Autonomie. Das Gegenteil ist oft der Fall, ich finde sie überhaupt erst, diese von uns so geliebte und zumeist überbewertete Autonomie.

Schwarmintelligenz ist das falsche Wort, um dieses Geschehen zu beschreiben, denn das dialogische Geschehen, das ich meine, ist nicht leicht oder gar nicht beschreibbar. Die Schwarmintelligenz von Vögeln oder Fischen, die ihre Bewegungen in millionenfacher Teilung in Sekundenbruchteilen aufeinander abstimmen und Kehrtwendungen in der Luft und im Wasser vollziehen, bei denen uns der Vestand stehenbleibt, ist, wenn vielleicht auch schwer, so doch immer berechenbar.

Anders die Intelligenz im Dialog, sie verwandelt sich, sie geht manchmal durch Tode hindurch und aufersteht in einem neuen Kleid. Dieses Geschehen ist unberechenbar, unvergleichbar mit jeder schon bekannten Intelligenz. Im voraussetzungslosen, demokratischen, weil hierarchiefreien Dialog dringen wir als Einzelne und als gemeinsam Denkende zu neuen Quellen vor. Das ereilt uns und ist weder planbar noch methodisch absicherbar. Es kann geübt werden, wenn auch nicht unbedingt gelernt, weil durch das Üben, wie erfolgreich es sich im Leben auch auswirken mag, keine Verfügbarkeit entsteht. Das gefällt mir an dieser Sache am allermeisten!

Übrigens, Intelligenz im herkömmlichen Sinn spielt bei unseren Dialogen gar nicht mehr eine so große Rolle wie gewöhnlich im Leben, eigentlich spielt sie gar keine Rolle mehr oder wenn doch, dann eine dienende.

Mich dünkt, das im Dialog gemeinsam geübte Denken ist das Tor in die Zukunft, manchmal fürchte ich, das einzige noch verbliebene.

Herzlich