Schweigt die Welt

Ich ließ es auf einen Versuch ankommen. Als die Grenzen aufgingen, machte ich mich auf den Weg in die Schweiz. Es würde eine Reise werden mit vielen Terminen. Durch die vielen Verunmöglichungen in den letzten Monaten galt es einiges nachzuholen. Familie, Freunde, Kontakte.

Die Fahrt von München nach Zürich war befremdlich. Ist Corona länderspezifisch unterschiedlich? In Zürich am Bahnhof war Volksfeststimmung. In D war ich bis zum letzten Moment darauf bedacht, nur ja keine unbemerkten Annäherungen zu vollziehen, ich dachte nur noch daran, die Abstände einzuhalten, möglichst umfassend vorauszudenken und jeweils wenigstens eine meiner Gesichtsmasken dabei und auf dem Gesicht zu haben, diese sperrigen Gesichtsmasken, die mitzunehmen ich mir noch immer nicht verläßlich angewöhnt hatte und die sofort meine Brille beschlugen. In D mit Rüge und Veweis rechnend und im Vorhinein mit der Frage umgehend, wie mit heftigen Aggressionen gegen mich umzugehen wäre, in der CH von Anfang an keine Maskenpflicht. Wo ist da die Wahrheit? Im einen Land verhalten sich die Leute so, als wäre Corona geradezu willkommen, weil man den anderen Leuten auf der Straße endlich mal mit bestem Gewissen seine Meinung sagen konnte, im anderen war es so, als wollte man den Störenfried, diesen oder dieses Virus, dadurch so schnell wie möglich loswerden, indem man ihn oder es mit Missachtung bestrafte.

Die Erlösung kam dann in den Bergen, wo ich die Menschen, die Verhaltensanweisungen, den Strom in der Steckdose und den Anschluss ans Internet hinter mir ließ. Deshalb auch die Funkstille in den letzten drei Wochen, ich war einfach verschwunden, nicht auf dem Mond, nicht auf einer abenteuerlichen Reise, ich war in den Alpen, wo die Natur zur Zeit geradezu Urstände feiert, war nah bei den Bäumen, am Himmel, im Wasser und in der Luft.

Wenn unsere Nachbarin in Deutschland vor einigen Wochen sagte, einen solch offenen, farbenintensiven, stillen, erhabenen Himmel habe sie seit dem Krieg nicht mehr gesehen, so konnte ich dasselbe zu den Bergen sagen. Sie schenkten sich in einer Präsenz, wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte.

Ach wie wäre das schön, wie käme das gut, wenn wir eine Synthese hinbekämen, dachte ich oft und denke es noch. Bei diesem Gedanken habe ich ebenfalls unterschiedliche Wahrnehmungen, was den Umgang mit diesem sogenannten unsichtbaren Feind in D und in der CH angeht. Dort scheint es viele Menschen zu geben, die sagen, es werde nie wieder so sein wie vor Corona, während man in unserem Nachbarland anscheinend fast fächendeckend davon ausgeht, dass das ganze eine unangenehme Störung sei, eine Schlechtwetterfront, die bald vorbeigezogen sein dürfte – und danach ist dann wieder gutes Wetter, das ist immer so in den Bergen und es wird diesmal auch wieder so sein.

Nun, vermutlich schätze ich Deutschland und seine Denkerinnen und Denker eines umfassenden Verwandlungswillen zu hoch ein – und die veränderungswilligen Stimmen in der CH hört man bekanntlich nicht mal so schnell auf der Durchreise.