Spiel

Anläßlich der Verleihung des Friedenspreisesdes Deutschen Buchhandels am 23. Oktober 2016 in der Paulskirche in Frankfurt spricht Carolyn Emcke über Frieden und Demokratie. An einer Stelle sagt sie: «Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen – oder auch nur ihr Niveau.“ Dieser Ausschnitt aus ihrer Friedenspreisrede auf Kinder und das Spielen übertragen, bringt Licht in eine Diskussion, die gar nicht mehr geführt. Bei der Frage nach dem Spiel vernebeln Fanatiker mit ihrer Macht unsere Orientierung. Und sie sorgen dafür, dass die Sprache der Kinder mehr und mehr verloren geht. Wer sich im Netz, beispielsweise über den Suchbegriff ‹Spiel›, Übersicht verschaffen will, was es für Spiele gibt und was weltweit gespielt wird, stößt ausschließlich auf tausende von digitalen Spielangeboten. Das Kind und sein Bedürfnis, draußen in der Natur oder zusammen mit anderen Kindern analog zu spielen, wird nicht angetroffen. Erst eingehende Recherchen führen auf die Spur der Spiels, wie es von Menschen während Jahrtausenden in unendlichen Abwandlungen und regionalen Ausprägungen überall auf dem Planeten gespielt wurde. Die Mächtigen haben es fertig gebracht, dass Kinder, wenn wir sie zum Spielen auffordern, die nächsten Steckdosen suchen – sie suchen das Spiel dort, wo sie ihre elektronischen Spielgeräte aufladen können.

Es hilft nichts, außer selber zu spielen. Wir als Erwachsene können damit anfangen, indem wir mit dem Denken ernst machen. Und wenn wir Kindern gegenüber in der Verantwortung stehen, müssen wir versuchen, lebendig für ihre über die Steckdose hinausgehenden Bedürfnisse zu werden, oder, wenn wir es noch sind, zu bleiben. Das ist viel und fordert uns zur Teilnahme heraus, zur Präsenz beim Spiel, allerdings so, wie es die Kinder von uns wünschen und nicht so, wie wir uns das gerne vorstellen würden.

Zur Zeit lese ich gerade das vor einem Jahr erschienene Buch Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist von Gerald Hüther und Christoph Quarch. Ihr Engagement für das analoge Spiel ist gewaltig. Beim Kapitel Angriff der Spielverderber mit dem Untertitel Wenn das Spielfeld zum Marktplatz wird begehen sie meines Erachtens einen Fehler, indem sie dem Topos der Fremdschuld verfallen. Die Bösen, Machtbesessenen und Geldgierigen mit ihren falschen, ökonomisierten, auf den Werten von Effizienz, Funktionalität und Verkaufszahlen ausgerichteten Spielen sind die Anderen. Es ist eine kleine Minderheit des Typus Homo oeconomicus, der uns, die wir alle als homo ludens geboren wurden, innerlich verdorben haben und durch ihre spielfernen Produkte fremdbestimmen. Es sind die Global Player, die weltweit das Spiel verhunzen und unsere bewegungsfreudigen Kinder in Zombies des Digitalen verwandeln.

Eine Argumentation wie diese holt die Eltern, Erzieherinnen und Lehrer aus der Schusslinie. Mir scheint, dies darf nicht geschehen. Im Gegenteil, ein Buch, das – wie Markus Lanz den Versuch von Hüther und Quarch kommentiert hat – ein «leidenschaftliches Plädoyer für das Spiel» sein will, sollte jeden einzelnen Leser und jede Leserin zum Spielen anregen. Wie schön, wenn es so geschrieben wäre, dass die Leser_innen Lust unmittelbar bekommen würden, mit Kindern die Zeit zu vertrödeln, im Regen rauszugehen und in Pfützen rumzupantschen, den eigenen Kindern zu erlauben, sich weit vom Wohn-, Schul- oder Kitazimmer zu entfernen und ohne Aufsicht ihre Lieblingsspiele zu spielen, auch wenn sie dabei schmutzig werden, und auch wenn ein Spiel mal ein bisschen unanständig oder ein anderes gar gefährlich sein sollte.

Die milliardenschweren Lobbyisten der digitalen Spielzeugindustrie lesen keine Bücher wie das von Hüther und Quarch. An die kommen wir also sowieso nicht heran. Aber wir, die kleinen Leute, die aus eigenem Antrieb ihre Zeit über ihren Computern und Smartphones vertun, könnten erreicht werden – und wir müssen aufwachen, denn wir sind für das Spiel unserer Kinder möglicherweise noch schädlicher als die Wirtschaft, dann nämlich, wenn wir unser eigenes Leben nicht mit spielerischer Leichtigkeit gestalten können.

Vielleicht gerade weil viele von uns so müde und illusionslos sind, kann uns nur noch eine Sprache erreichen die nicht mit Kriegsmetaphern agitiert (Originalton Hüther/Quarch: «Diesen Bedrohungen wollen wir jetzt in die Augen sehen – weil man das Spiel nur retten kann, wenn man seine Gegner kennt»), sondern einfach nur Freude macht und unsere Lebendigkeit erhöht.

Bevor ich euch nun noch lange weiterlamentiere und euch zusätzlich die Freude am Leben verderbe, höre ich mit dem Schreiben auf und gehe jetzt ins Bett – damit ich morgen fit bin für Gedanken, die hoffentlich so verspielt sind, dass ich glücklich mit ihnen bin.

Gute Wünsche und herzliche Grüße,