Systemrelevant

Was ist das System? Und wer ist systemrelevant. So einfach ist es nicht, dass Selbständige oder Künstler durchs System fallen, während Angestelle, ob in der Bankfiliale oder in der Autoindustrie, alle systemerhaltend wären. Es kann alle erwischen und ist für alle, wenn nicht genau gleich, so doch letztendlich unberechenbar.

Was allerdings für alle gleich und gleich unangenehm ist, das ist der Begriff selber: ’systemrelevant‘. Wie unmenschlich, Teilnehmer einer Gesellschaft in solche einzuteilen, die für das System Nutzen bringen oder eben keinen solchen Nutzen bringen. Was ist der Nutzen? Wer sagt, welcher Mensch wie nützlich oder unnütz ist? Wieder einmal ist ein falscher Begriff für etwas im Umlauf, was es so und was es eigentlich überhaupt nicht gibt. Wer mit diesen Menschen zu tun hat, weiß beispielsweise, wie systemrelevant Behinderte sind.

In der Schweiz gab es eine Zeit lang den Igelschutz. Dieser Verein sammelte offensiv Spenden für den Schutz der durch Autos und Straßen gefährdeten Igel. Ein Plakat des Igelschutzes wollte mir einfach nicht gefallen. Groß auf dem Plakat war ein Igel zu sehen. Zu lesen waren zwei kurze Sätze, einmal die Sequenz „Achte auf mich“ und dann: „Der Igelschutz dankt“. Die ganze Komposition des Plakat war so konzipiert, dass das Wichtigste an dieser Botschaft der Igelschutz war. Sicherlich war der Hinweis auf einen tierfreundliche Verein mit viel ehrenamtlicher Arbeit zugunsten des Lebens der Igel angebracht, doch mir kam es immer so vor, als würde ich Igel schützen sollen, damit dieser Verein seine Legitimation und seine Bedeutung erfahre. Nicht eigentlich der Schutz des Igels stand im Zentrum, sondern ein Verein, der bestimmt hat, wie bedeutend für uns alle der Schutz der Igel sei.

Wer bestimmt, welcher Mensch, welche Tätigkeit, welche Arbeitsystemrelevant sei?! Das kann doch kein Mensch wirklich bestimmen, denn nicht nur behinderte Menschen, alle Menschen sind wichtig oder eben relevant. Dies gilt für die Gesellschaft und jeden Einzelnen. Manchmal ist in meinem Leben im Nachhinein gerade derjenige besonders entwicklungsfördernd und also für meine Biografie systemrelevant, den ich als mein größtes Entwicklungshemmnis, als den größten Feind erlebe. Und eine Gesellschaft, weiß sie denn wirklich, auf was sie verzichtet und was für Schäden sieheraufbeschwört, wenn sie Berufe nach irgendwelchen letztlich fiktiven Systemen mit mehr oder weniger Bedeutung versieht? Nein, weiß sie nicht und sie sollte nichts anderes tun als jetzt sofort dafür zu sorgen, dass dieser die Menschen auseinanderreißenden Unbegriff, der nichts abbildet, sondern nur Unglück schafft, so schnell wieder verschwindet wie er in schwieriger Zeit gekommen ist.