Teekesselchen ‚Löwenzahn‘

Stimmt, das Wort ‚Löwenzahn‘ ist ein Teekesselchen, einmal bezeichnet es den Zahn eines Löwen und dann ist damit die gelb strahlende Blume in Wiesen und Gärten gemeint. Leider auch Gärten, sagen die Rasenfetischisten. Dabei gibt es nun verschiedene Möglichkeiten, Löwenzähne von ihren heiligen Plätzen wegzutilgen. Alle kommen zur Anwendung, manche sind lebensdynamischer, andere lebensfeindlicher.

Vielleicht ist die Bezeichnung ‚lebensfeindlich‘ nicht hilfreich, wenn wir die Technik, den Löwenzahn mit Gift vom eigenen Rasen zu bannen als schlichtweg lebensfeindlich bezeichnen. Ich meine allerdings, dass es genau so zugeht und sage deshalb: lebensfeindlich. Einige Straßen weiter steht ein Einfamilienhaus, der Standort ist direkt am Rand der Bauzone. Vor dem Haus ein perfekter Rasen, wie frisch ausgerollt und noch von niemand je betreten, gerade eben mit feinem Wasserstrahl besprüht, vom Mähroboter namens Bobby dauerkurzgehalten. Und da das Haus das letzte innerhalb der Bauzone ist, steht es einer riesigen blühenden Wiese gegenüber, die sich wie eine große Lunge vom Bergpark hinunter in die Innenstadt Kassels zieht und alles an Gräsern und Blumen anbietet, was eine solche Wiese anzubieten hat. Auf der einen Seite also ein vielbuntes Grün mit Kräutern und Stengeln und dickem, sonnig warm strahlendem Löwenzahn, dort ein Grün, ich wäre versucht zu sagen, es sei ein Ives-Klein-Grün, doch Ives Klein hat nicht mit Grün, sondern mit Blau gemalt, wissen wir alle, schon klar. Wie auch immer, bei diesem Rasen kann nur Gift im Spiel sein. Das Immunsystem des Idealrasens ist gegen Löwenzahn geimpft. Funktioniert und ist eine Augenweide für alle Extrem-Rasen-Freunde, zu denen ich mich gerne zähle.

Eine andere, arbeitsintensivere Methode, allerdings ohne Gift, dafür mit Hinterlist und Vorsätzlichkeit, ist, die gelben Löwenzahnköpfe abzuzwicken und in der Biotonne zu entsorgen – nur ja nicht auf dem Kompost im eigenen Garten, denn da macht die geköpfte Blume, ihrem Genius entsprechend, eine Notreifung durch und legt Millionen Samen in die entstehende Kompsterde, die dereinst im Garten ausgegeben wird.

Diese Methode ist recht erfolgreich, wenn auch nicht 100% sicher wie die andere mit der Vergiftung, Impfung, manche nennen es, siehe oben, Immunisierung. Unser Wieschen hinter dem Haus, das Räschen, erfährt diese Behandlung und ist weitgehend löwenzahnfrei, weitgehend – und das ist ein Unterschied. Es kommt vor, dass einer von uns mitten im Teetrinken oder einfach so Sitzen auf der Terrasse aufsteht und irgendwo in einer abgelegenen Ecke eine einzelne, verschämt das Sonnenlicht tankende Blüte sichtet, stracks darauf zusteuert und sie ausreißt und in der Biotonne, siehe ebenfalls oben, entsorgt. Endlagerung. Eine solche dauernde Geistesgegenwart und aufopfernde Rasen-Diene-Haltung dem simplen Leben gegenüber kann man natürlich nicht jedem Menschen abverlangen, aber wir leben so.

Nun schafft es bei dieser lebensnahen, chemiefreien Methode doch jedes Jahr der eine oder andere Löwenzahn, unsere regelmäßigen Razzien erfolgreich über sich ergehen zu lassen und zu überleben. Dann treibt er sofort seine pfahlenden Wurzeln bis tief in die Erde hinab. Dann wird er seinem Teekesselchen gleich – ich möchte es jedenfalls nicht versuchen, einem Löwen einen Zahn auszuziehen. Diese Wurzeln lassen sich nicht einmal sauber ausgraben, so tief und widerständig sind sie, herrlich eigentlich.

Ja, so ist das mit dem Löwenzahn im Garten und auf dem Rasen. Und wie ist das mit Bakterien und Viren in unseren Organen?