Tod in Schrittchen

Beim Joggen habe ich eine Route, bei der ich eine Runde von so und so vielen Kilometern zurücklege. Auf halber Strecke habe ich die Möglichkeit, Zwischenrunden einzulegen, wenn ich gut drauf bin. Eine solche Zwischenrunde ist auf den Meter genau ein Kilometer lang. Ich kann also ohne Laufuhr die Kilometerzahl erhöhen.

Ein solcher Zusatzkilometer geht zur Hälte leicht abwärts und zur anderen leicht aufwärts. Kürzlich hatte ich die Schlaufe mehrere Male hintereinander gemacht. Etwa nach der dritten Wiederholung merkte ich, dass ich gegen Ende der Strecke, die leicht aufwärts geht, stärker atmen musste. Auf der darauf folgenden Abwärtsstrecke konnte ich mich erholen. Bei der nächsten Aufwärtsstrecke musste ich erneut den Atemrhythmus erhöhen und zwar ein bisschen früher. Die nächste Runde fühlte sich insgesamt anstrengender an. Und plötzlich hatte ich eine Art Entdeckerfreude daran, zu beobachten, wie es weitergeht und wann ich erschöpft und nicht mehr in der Lage bin, noch eine Zusatzschlaufe dazuzunehmen.

Wenn ich irgendwo normal unterwegs bin und Joggerinnen an mir vorbeilaufen sehe oder Jogger, denke ich neuerdings: Ihr könnt noch so ruhig laufen, bald kommt der Punkt, wo ihr nicht mehr so schnell laufen werdet. Logisch. Aber jetzt weiter. Bald kommt der Punkt, wo du kämpfen wirst. Auch logisch. Und bald wirst du unterbrechen, einbrechen, zusammenbrechen. Ebenfalls logisch, es sei denn du hörst mit dem Joggen auf, bevor du zusammengebrochen bist.

Beim Joggen kannst du diesem Punkt zuvorkommen, richtig, aber nicht bei deinem Lebenslauf. Wenn du jemanden in seinem ganz normalen Lebenslauf an dir vorbeigehen siehst, denkst du nicht, der wird bald am Punkt ankommen, wo er unterbrechen muss, einbrechen wird und zuletzt zusammengebrochen liegenbleibt. Aber das wird genau geschehen. Finde ich bemerkenswert. Bei Joggern liegt die Sache auf der Hand, bei Spaziergängern sehen wir es nicht, obwohl es die gleiche Sache ist.

Und ich sage mir, ist das nicht Beides wunderschön?! Jedesmal wenn ich mich zum Laufen aufraffe und losrenne, freue ich mich. Und jedesmal wenn ich daran denke, dass ich ohne zu rennen an einem Lauf mitmache, der ebenfalls zu einem Ziel führt, den ich aber nicht stoppen kann, denn er wird mich, nicht ich ihn stoppen. Das ist der Unterschied zwischen dem Joggen und meinem eigentlichen Lebensweg, auf dem ich ununterbrochen unterwegs bin. Dieses Glücksgefühl möchte ich mir nicht nehmen lassen. Mit den Versprechungen der Transhumanisten, die sie mich von diesem Ziel, auf das wir alle zugehen, befreien würden, kann und will ich nichts verbinden, sie würden mein Glück nicht erhöhen, im Gegenteil.