Tracce – Spuren

‹Tracce›, auf deutsch ‹Spuren›, hieß eine Ausstellung von Joseph Beuys. Tracce hinterlassen wir im Schnee, wenn wir durch ihn waten. Wir verändern damit das Gesamtbild des Schnees. 

Inzwischen hat sich in Kasselder Schnee fast zwei Wochen gehalten. Nichts ist so geblieben wie in den Stunden, in denen er frisch gefallen ist. Im Kleinen begann sich die Sache schon mit jenem einen Menschen zu verändern, der vor meiner Haustüre, nachdem es über Nacht geschneit hatte, auf dem Gehweg entlanggegangen war. Dort wo sein Schuh in den Schnee drückte, war der Schnee sofort weg, dreißig Zentimeter Schneepulver waren mit einem einzigen Schritt auf einen halben Zentimeter zusammengepresst. Zurück blieb ein Loch in der Form einer Schuhsohle. Ich habe mich über diesen Menschen geärgert, als ich früh am Morgen mit der Schneeschaufel raus auf den Gehweg ging, um wenigstens einen schmalen Fußweg aus dem Schnee zu schaufeln. Überall war der leichte, duftende Pulverschnee wegzuheben, doch die Fußspur zeigte ihr wahres Gesicht, sie hatte sich auf dem Asphalt festgebissen und war nicht wegzukriegen, die Schaufel rutschte buchstäblich auf dem Fußabdruck aus Schnee aus.

Wenn der Schnee geschmolzen ist wie in den letzten Tagen, dann sind die ganzen Pulver- oder Feinschneemassen verschwunden, nur die Spuren des unter den Fußtritten zusammengepressten Restschnees bleiben zurück. Verkehrte Welt.

Im Moment ist die Welt hier in Kassel an jeder zweiten Hausecke eine schlichtweg verkehrte Welt. Der Schnee, der kürzlich noch den Straßenverkehr zum Erliegen und die Müllabfuhr und Postbotinnen zur Verzweiflung gebracht hatte, ist restlos verschwunden. In den Büschen sitzen die Spatzen und auf den Zweigen in den Bäumen die Meisen und alle Vögel sind in Frühlingsvorbereitungen. Winter ade. Doch an jeder zweiten Straßenecke höokt fett ein meterhoher Schneehaufen, fest zusammengestaucht, von Hunden vollgekackt und eingegelbt, wahrlich ein unschöner Anblick auf der ganzen Linie, der ehemalige Pulverschnee verpapptes Braun, die Parkplätze versperrend.

‹Tracce in Italia› hieß die Sache mit Beuys genau, ich glaube da hatte Klaus Staeck die Hand im Spiel. Unwichtig. Jedenfalls ist der Schnee dann am schönsten, wenn er von Menschen unberührt bleibt. Der Umkehrschluss dazu: Nirgends ist der Schnee hässlicher als in der Stadt.