«Übereilungen»

«Theorien sind gewöhnlich Übereilungen eines ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gern los sein möchte und an ihrer Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt.»

Im Sinne dieses Ausspruchs von Goethe ist unsere Welt nichts anderes als gewöhnlich allzugewöhnlich. Der Verstand regiert die Welt, unsere Mainstreamwelt, wenn vielleicht auch nicht die ganze Welt. Denn es gibt sie noch, die Menschen und Menschengruppen, die an der wirklichen Welt teilhaben und dehalb einen Teufel tun, ihr Zusammenleben auf den Verstand zu reduzieren.

Diese Feststellung plädiert nicht für die niedern Regionen des Menschseins, sie meint keineswegs den Unverstand, dem wir so schnell verfallen, sondern sie meint unsere höheren Regionen, die in der Vernunft und, noch höher, in der Vernunft des Herzens gründen. Vernunft- und Herzensgründe wiederum haben Anschluss an das, was ich den gesunden Menschenverstand nenne. Goethe – immer wieder dieser Goethe, aber er hat mir einfach immer wieder was Entscheidendes zu sagen – sprach vom gesunden Menschenverstand als «der Menschheit Genie».

Wir leben in geniefremden Zeiten. Die Genies von heute leben oft auf der Straße, verkatert, verkifft, verzweifelt. Jedenfalls die mit gesundem Menschenverstand. Die anderen, die genialen Autisten und Autistinnen werden dort, wo sie ihre Spezialleistungen abliefern, gefeiert. Anders die, denen es um allgemein Menschliches zu tun ist. Dieses lässt sich nicht so leicht, lässt sich kaum je, eigentlich nie als Spitzenleistung verkaufen. Das allgemein Menschliche ist gratis, wie die Natur. Deshalb wird es – wie sie – mit Füßen getreten. Da sollten wir alle umlernen. Was das allgemein Menschliche sei, wissen nur noch wenige, am ehesten wohl die, welche sich an der Menschheit Genie, am gesunden Menschenverstand ausrichten.

Goethe hatte diese hohe Form des Verstandes oder Verstehenwollens. Er hatte Geduld und ging ohne Übereilungen immer wieder an die gleichen Phänomene des Leben heran. Er wies seinen auf Besitzstand und sicheres Wissen ausgerichteten Verstand in die Schranken und hielt sich der schnellen Begriffe, der Bilder, Zahlen und Worte eher fern.

Wer diese Lebenshaltung für falsch, überholt, unpassend hält, hat eine falsche und unpassende Sicht auf das Leben, finde ich, oder auf die Wirklichkeit, die von Transhumanisten neuerdings so gern durch eine selbsterfundene, ‹bessere› Wirklichkeit abgelöst werden soll.

Ich komme aus den Bergen. Da wägt man jeden Schritt ab, denn im Gebirge ist jeder Schritt, ob es aufwärts oder abwärts geht, mit Anstrengung verbunden. Die angeborene Faulheit macht aus Berglern langsame, bedächtige Menschen, die sich jeden Tag, jeden Moment neu den Phänomenen zuwenden und beispielsweise das Wetter beobachten und dabei nichts übereilen. Ein Bergler, der weiß, wie das Wetter wird, auch wenn er nicht Radio hört, hat Vorteile und viele Erleichterungen in seinem abgezirkelten Leben.

Mit winterlichen Grüßen