Unauflösbare Diskrepanz, es sei denn…

Es ist schon einige Zeit her, dass der Staatsrechtler und Oberlandesgerichtspräsident Kurt Staff in einem Artikel über Renate Riemeck über das in Artikel 5 des Grundgesetzes normierte Recht der freien Meinungsäußerung schrieb. 

An einer Stelle meinte er, der Umgang mit diesem Recht werde immer «eine Form der Auslegung» sein. Solange so auf diesen Artikel geschaut wird, wie er von den Erfindern unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht war, ist diese Auslegung nicht von Willkür bedroht, das heißt: So lange wir uns in den Gehalt des Artikels fünf und seine Eingebundenheit in die «Treue der Verfassung», die es zu leisten gilt, einfühlen, sind weder Verfassung und Regierung noch die freie Meinungsäußerung bedroht.

Dieses Einfühlen ist kein Rechenexempel, das durchzurechnen, keine Gleichung, die gelöst werden könnte, sondern es ist Sache des, ich sag‘ es mal in zwei in dieser Zusammensetzung etwas ungewöhnlichen Worten, ist Sache des beherzten Herzens.

Ein solches Herz ist keine Seltenheit, ja selten sind die Menschen, die kein beherztes Herz haben. Nur, die ganzen Wegelagerer hinter der nächsten Straßenbiegung oder Lebenswegkurve, die uns verunsichern, bedrohen und bedrängen, zur Eile anspornen, wo es der Ruhe bedürfte, die uns mit Neid, Angst, Pflichterfüllung über alles einschüchtern, diese Wegelagerer des Alltags legen einen Ring um das Herz ihrer Opfer und die Beherzheit nimmt ab bei ihnen.

Der von Kurt Staff befragte Artikel 5 des Grundgesetzes und seine drei heute noch geltenden drei Absätze bedarf der Bedachtsamkeit, die wir als Menschen in uns tragen. Diese Bedachtsamkeit lässt sich auch mit der Bezeichnung «gesunder Menschenverstand» umschreiben. EIn souveräner Umgang mit diesem Artikel scheint nur so lange eine unauflösbare Diskrepanz zu sein, als wir nicht genügend in uns verankert und mit dem, was in uns der gesunde Menschenverstand ist, verbunden sind.

Mit herzlichem Gruß