… und nichts als die Wahrheit

Jemand kann die Wahrheit sagen und noch einiges dazu, und bald bleibt von der Wahrheit nichts mehr übrig. Wer allerdings strengstens bei der Wahrheit bleibt, bei dem sind bald keine Worte mehr übrig! Ein klassisches Dilemma also?

Wer nichts zu einer Wahrheit dazu sagt, bleibt der Wahrheit am nächsten, doch manche, ja viele, vielleicht die meisten Wahrheiten verführen zu Interpretationen, die in aller Regel keine Aufhellung bringen, sondern Verdunkelungen. Keine und keiner von uns hat den Schlüssel, um mit ihm die Türe zum Raum zu öffnen, wo die Wahrheit noch wahrer zu machen wäre.

Ich war einmal in einen tödlichen Unfall verwickelt. Was ist die Wahrheit dieses Unfalls? Wenn ich in ihn verwickelt war, welche Rolle habe ich bei diesem Unfall gespielt? Je nach Haltung mir gegenüber sind verschiedenste Antworten möglich, entlastende, belastende, wohlwollende, vernichtende. Doch keine ist von sich aus dazu veranlagt, zur Wahrheit eine weitere Wahrheit hinzuzustellen. Vielen ist das nicht bewusst, anderen ist das scheißegal. Wahrheiten eigenen sich, um Lügen zu verbreiten. Gerade wenn man von der Wahrheit ausgeht und sie dann garniert, ausschmückt, im eigenen Interesse umgestaltet und ergänzt, dann entstehen die besten Geschichten. Im Vergleich dazu kommt man nicht vom Fleck, wenn man die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt.

Mir wird immer wieder erklärt, das sei gar kein Problem. Wenn es einem um die Wahrheit gehe, müsse man nur bei der einfachen Beschreibung bleiben und sich der Interpretationen, Wertungen und Kommentare enthalten. Wer dies konsequent tut, hat bald keine Worte mehr zur Verfügung, das ist meine Erfahrung.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen ist extrem schwierig.

Dass dies viele heute nicht mehr interessiert, ist eine andere Sache, eine deprimierende. Mich interessiert hier nur die Frage, wie bei einer Sache die Wahrheit zur Sprache kommt, ohne das Beiwerk von Besserwisserei, Macht, Intrige, Instinkt, Positionierung, Abgrenzung, Überwältigung.