Unter die Oberfläche vorstoßen

Was geht unter der Oberfläche vor?

Mit Oberfläche meine ich die Regale der Bücherläden mit den hintereinander gestapelten dicken Neuerscheinungen, die größtenteils Unverfängliches zu Literatur verarbeitet haben, oder das Einfahren des um wenige Minuten verspäteten ICEs am Bahnsteig oder das Einsteigen in den wie für mich gemachten Innenraum eines Autos, die Nachrichten, die Zeitungen, die Amerika-First-Rhetorik, alle diese Dinge und fast alle weiteren dazu. Auch in meiner Spalte Übrigens… begegne ich der Oberfläche, ungewollt zwar, aber ich begegne ihr auf Schritt und Tritt – deshalb habe ich übrigens angefangen, die Beiträge umzuschreiben. Um unter die Oberfläche vorzustoßen, musst du alles in Bewegung halten. Und alles, was du geschrieben hast und noch umschreiben kannst, muss du umschreiben. Umschreiben ist Weiterschreiben, unter die Oberfläche kommen.

Etwas weniger Oberfläche begegnet mir in alternativ-kritischen Kultur- und Kunstbeiträgen und in manchen Ereignissen, die ich auf Youtube verfolge, und die mir glaubwürdig erscheinen. Es gibt wenig davon, auch hier herrscht Oberfläche, und dies vermutlich noch nicht einmal deshalb, weil ich besonders wählerisch wäre (was ich natürlich bin), sondern weil allen, Künster_innen, Manager_innen, Eltern, Lehrer_innen, Politiker_innen, weil allen schwerfällt unter die Oberfläche zu dringen.

Genau hundert Jahre vor meinem sechzigsten Geburtstag starben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin. Für alle außer für mich mag das ein oberflächlicher Zusammenhang sein. Hinterhältige Typen haben genau vierzig Jahre vor meiner Geburt diese mutige Frau und diesen mutigen Mann ermordet. Mich trifft das jedes Jahr neu, nicht erst jetzt zur Hundertjahrerinnerung. Dieses in meinem Leben so besondere, mit vielen Freuden verbundene Datum – «wie schön, dass ich genau an meinem Geburtstag auf die Welt gekommen bin» hörte ich mal ein Kind sagen – enthält eine Wunde. Einen Riss. Von Anfang an. Ich kann versuchen den Riss zu realtivieren, entziehen kann ich mich ihm nicht.

Ob bei unbedeutenden persönlichen oder welthistorisch schwerwiegenden Daten, wer unter die Oberfläche zu gelangen versucht, stößt auf bedrängende und traurige Tatsachen. Einer meiner Söhne kam auf den Tag 45 Jahre nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima zur Welt. Wenn wir bei uns oder bei unseren Liebsten auf die Suche nach solchen Signaturen gehen, waten wir tief im Sumpf der Menschehheitsgeschichte, die uns plötzlich ganz persönlich anstarrt.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hatten vermutlich zeitlebens keine besondere Beziehung zum 15. Januar. Sie werden nicht an ihn gedacht haben, als man sie zu Tode prügelte. In meinem Leben spielte er von Anfang an eine wiederkehrende Sonderrolle mit der Verheißung auf Freude, Geschenke, festliche Tagesgestaltung. Während mein 15. Januar nun schon während mehr als einem halben Jahrhundert still seinen Weg geht, wird er in Berlin in Erinnerung an die Opfer des Spartakusaufstands jedes Jahr von Neuem laut und kräftig zur Verbesserung der Menschheit gefeiert.

Sollte dich nach sechzig Jahren noch immer die Frage beschäftigen, weshalb und wozu du auf der Welt bist und ob es dir gelungen ist, unter die Oberfläche der Dinge zu dringen, dann verzwirble deine Erinnerungsfäden mit den Haupt- und Nebenschauplätzen der Geschichte. Und wenn du den schweren Sack der Geschichte voll hast, fülle den Sack mit der Zukunft genauso, und zwar mit allen deinen Visionen. Dann schließ‘ die Augen und lass aus beiden Säcken den Inhalt in die Gegenwart fließen und nimm diese in ihrer Fülle wahr und gestalte sie.

Gegenwartsvoll in meinem neuen Lebensjahr unterwegs,

herzlich,