Widerlager

27 Millionen Klicks für eine Art Robinsonfilm ohne Worte, wie ist das möglich? Der Film spielt in den nordamerikanischen Wäldern. Ein Mittdrreißiger, vielleicht Vierziger, ist mit seinem Hund aus der Großstadt in die Wildnis aufgebrochen und macht nun auf Selbstversorger. Na ja, Selbstversorger ist gut! Er hat, jedenfalls vor der Kamera, nichts mitgenommen außer seine beiden Hände, er baut eine Hütte und lebt als Jäger und Sammler. Das ist die ganze Story, obwohl der Film Kinolänge hat. Im Film wird unterschlagen, dass unser Held bei jeder seiner Handbewegungen von der vernetzten Welt profitiert. Er benützt bestes Werkzeug, kleidet sich in Hightech, hat Gewehr und Munition dabei, einen Hightech-Bogen, ein supergutes Zelt, einen superleichten Bollerwagen für Steintransporte, und er verarbeitet unzählige Säcke besten Zements, ohne dass wir je einen Sack mit Zement sehen würden, montiert Grills aus Edelstahl und Spülbecken aus bestem Kupfer, ohne dass der Lieferwagen, der die Fracht angekarrt hat, ins Bild geraten wäre. Der Film suggeriert, dass dieser Mann alles anscheinend irgendwie direkt im Wald gebrauchsfertig vorfindet. Auch der Reis in der Higtech-Pfanne zum Wildbret und den Pilzen scheint dort irgendwo zu finden sein, ebenso das Mehl und die Hefe für die Brote, die er aus edlen Backschüsseln seinem selbstgebauten Pizzaofen entlockt. Der Jäger und Sammler nutzt nicht nur die Errungenschaften der seßhaften Bauernkultur, er nutzt auch die Ergebnisse der verschiedenen technischen Revolutionen, die die Welt für immer verändert, kaputtgemacht haben, außer seinen kleinen Flecken Erde, auf dem er solo glücklich wird.

Was das Jagen betrifft, lässt uns der Film glauben, dass Tiere, ähnlich wie die Konservendosen im Supermarkt, jeweils zum genau richtigen Zeitpunkt in geordneten Mengen vor das Auge des hungrigen Konsumenten treten mit dem Wunsch, hier und jetzt pfannenfertig zerlegt zu werden. Der Outdoormann tritt mit roter Mütze in neonleuchtender Sportjacke mit Pfeil und Bogen vor die Hütte, neben ihm der Hund. Er spannt den Bogen – auf der nächsten Bildsequenz eine tote Hirschkuh, wie sie demütig zu seinen Füßen liegt.

Die unendlich vielen begeisterten Kommentare zu diesem Film sind eine Analyse wert. Es wird nicht lange dauern, bis jeder zweite US-Amerikaner sich mit diesem Films einen schönen Kinoabend gemacht hat. Der Traum sitzt tief, Männer wie dieser sprechunfähige Waldschrat – irgendwo bei ihm um die Ecke im Wald muss auch ein Friseurladen sein, denn er trägt stets perfekten Bart und Haarschnitt –  sind seinerzeit von Europa in die nordamerikanische Wildnis ausgwandert, haben so viele Millionen Büffel abgeknalt wie unser Robinsonfilm bald Klicks haben wird. Der Traum nach dieser verlorenen Welt in wilder Natur lebt weiter, ohne Brüche, als Integral der sonst schwer korrumpierten Seele jener Nordamerikaner, die in kleinen Wohnungen und großen Autos leben und gekühltes Bier und Cola aus riesigen Kühlschränken neben den Fried-Chicken-Boxes auf Partytischchen stapeln, hinter denen sie auf Sofas liegen und solche Filme verschlingen.

Der zweite US-amerikanische Supertraum ist morgen an der Reihe,

Gruß