Van Goghs Gelb

Keine Frage, der Essigbaum im Garten, der mit dem kleinblättrigen Ahorn gemeinsam eine Symphonie der Farben in den Herbst malt, ist einducksvoll und lädt zur Andacht ein.

Gegen den großen, formvollendeten Essigbaum im Bergpark ist er so etwas wie die Vorband eines Konzerts im Stadion, da kommt nicht jede Band rein, aber im Vergleich zu den Stars, die nach ihr auftreten, ist sie nur derLückenfüller für das Eigentlich. So ähnlich der kleine und der große Essigbaum.

Dieses großen Essigbaums Strahlkraft in den Kosmos zieht mich aus den Schuhen himmelwärts. Die Seele dehnt sich nach obenhin. Im Hintergrund eine Vielgestalt welkender Bäume, die aus aller Welt zusammengetragen und in diesen Park gestellt. Blätter den verschiedensten Verbrennungsstadien verfärbt. Die ganzer Landschaft verfärbt. Und dazwischen der Essigbaum in samtgoldgelb. Wenn Vincent van Gogh noch lebte und den Auftrag bekäme, die weißen Stoffbahnen eines Heißluftballons mit gelben Farbtönen zu bemalen, er eiferte de Gelb des Essigbaums nach.

Er würde die Intensität des Gelbs in eine solche Dimension steigern, dass der Ballon ohne ein daruntergehängtes Gebläse mit Warmluft einfach so in den Himmel stiege. Gratis. Aus purer Heiterkeit. Voller Melancholie. Als Beweis dafür, dass es im Herbst tausende von solchen – nun, wie lautet schon wieder die Mehrzahl von ‹perpetuum mobile› – perpetui mobili gebe.

Unbeschreiblich, unsagbar, doch wahr ist dieser gelb in meine Seele scheinende Baum im Kasseler Bergpark.

Benommene Grüße,