Verzeichnet

Nach längerer Abwesenheit – in Form naturnaher Anwesenheit – bin ich wieder zurück in Kassel. Der Ort beziehungsweise das Land, wo ich war, sei, sagen manche Leute, eine Insel der Seligen. Ich habe da eine andere Ansicht, sowohl zum angedeuteten Land als auch zur Frage der Seligkeit. Heute gibt es keine Inseln der Seligkeit mehr, es sei denn, ich würde das Weltgeschehen restlos ausblenden.

Was habe ich aus den vergangenen Wochen zu verzeichnen?

Die Qualität meiner Auszeit in den Bergen drückt sich dadurch aus, dass ich nichts von dort mitbringe, nichts Erzählenswertes, nichts, was ich als eindrückliches Erlebnis oder lehrreiche Erkenntnis mitteilen möchte. Vielleicht später, jetzt jedenfalls nicht.

Gestern traf ich mich am Bebelplatz mit einem Freund zum Mittagessen. Mit Umarmung, ohne Gesichtsvermummung. Ich stehe dazu, habe inzwischen allerdings von Paolo Giordano das Buch In Zeiten der Ansteckung gelesen und setze mich täglich der Frage aus, welches das richtige Verhalten für mich in dieser Zeit sei. 

Was aber habe ich zu verzeichnen? – Wir sprachen über Literatur, ich erzählte von Ludwig Hohl, dem Schweizer Schriftsteller. Und von einem anderen, dessen Name hier nicht wichtig ist. Im Gegenzug sprach der Freund von den Malern Gerhard Richter und Neo Rauch. Mit Richter ging er streng ins Gericht, das Werk von Rauch verwandelte sich unter seinen Worten in Schall und Rauch. Nichts an den beiden Berühmtheiten ließ er stehen. In ihren Arbeiten sei so viel verzeichnet, dass er, mein Freund, nicht verstehen könne, wie sie so berühmt wurden. 

Heutzutage geht es darum, die Dinge des sinnlichen und übersinnlichen Lebens in der richtigen Weise zu verzeichnen, das zumindest ist das Ergebnis unseres Gesprächs. Ein Maler verzeichnet sich in der Perspektive, macht Fehler bei der Darstellung einer Hand, eines Fingers. Dies gilt auch für abstrakte Bilder, auch da können sich Künstlerinnen und Künstler verzeichnen. Der Knabe mit der roten Weste von Cèzannes, der zu lange Arm des Knaben, da hat Cézanne sich in geradezu genialer Weise verzeichnet. Es gibt also anscheinend Verzeichnungen von Genies und solche von Dilettanten und Nichtskönnern. Hier den gerechten Maßstab anzulegen überlasse ich gern meinem Freund.

Ich selber zeichne nicht und habe nichts zu verzeichnen. Halt, stimmt nicht ganz. WIr waren Abend für Abend beim Eindunkeln oben im Talkessel am Ende der Berge. Jeden Abend zog in der schnell wachsenden Dämmerung ein Hirsch von Süden durch die steilen, teils bewaldeten, teils felsig nackten Hänge nach Norden. Wir waren nicht die Einzigen, es hatte gerade die Jagd begonnen und wir begegneten Jägern, die mit ihren Nachtspiegeln in den Hang starrten. Alle waren wir von den Tönen, mit denen der Hirsch die Stille um uns herum verwandelte, bewegt, verzaubert, sprachlos. Jetzt weiß ich nicht mehr recht weiter und bin kurz davor mich mit falschen Worten zu verzeichnen. Wir waren uns schnell einig, den Klang, den Ruf, den Seelenschmerz, der sich dem Rachen des Hirsches – den keiner von uns an keinem der Abende je zu Gesicht bekam – entrang, unmöglich auch nur irgendwie behelfsmäßig beschreiben zu können. Jeder Versuch kommt einem Verzeichnen in der Malerei gleich.

Sprechen wir also bitte nie wieder davon, dass ein Hirsch röhrt. Was wir hörten war, als hätte der Berg ein unsichtbares Verließ, in welchem der Hirsch gefangen stand und wie aus dem blutigen Rachen eines sterbenden Löwen ein rasendes Weh in die Stille des über und in uns ruhenden Abends brüllte, ohne jede Angriffslust, mit einem übersinnlichen Schmerz in der Brust…

Gründlich verzeichnet. Nun, jedenfalls bin ich wieder da und werde mit neuen Versuchen an den Start gehen.

Wenn ich an Cézanne denke, ist es nicht so schlimm, sich auch mal zu verzeichnen…

Herzlich,