«verzell…»

Im Dialekt, in dem ich aufgewachsen bin, ist das Wörtchen «verzell…» («erzähl» mit drei vielsagenden Pünktchen hintendran) so etwas wie die Mischung aus einer Entlarvung, einem Schimpfwort und einer Lächerlichmachung.

Da treffe ich im Bergpark Wilhelmshöhe einen Mann von der freiwilligen Feuerwehr und frage ihn, wie das in den vergangenen eineinhalb Jahren eigentlich mit den Wasserspielen gewesen sei, ob man sie durchgeführt oder bis auf weitere storniert habe?

«Was denken Sie denn?» begann er, «natürlich wurden die ausgesetzt! Wären ja jedesmal Tausende gekommen, seit die Wasserspiele Weltkulturerbe geworden sind.» – «Ist ja unglaublich»˛ meinte ich, «ist das kein Problem?» – «Sie haben Fragen», sagte er und trat einen Schritt vor mir zurück, obwohl ich unmaskiert vor ihm im Bergpark stand, wie er, brav im Anstand von eineinhalb Meter. «Also, das ist so, die Wasserspiele wurden gefilmt und dann hat die Stadt Kassel jede Woche zur gleichen Zeit, in der ich sonst oben hinter dem Herkules von Hand die Wasserschleuse geöffnet und die Wasserspiele eröffnet habe, einen Film gestreamt, der 2019 gemacht worden ist.»

Die Leute seien vollauf zufrieden gewesen und hätten das digitale Ereignis genauso genossen wie das analoge. Und der Vorteil daran, sie hätten die Kunde von diesen Streaming-Wasserspielen den Verwandten und Angehörigen rund um den Planeten weitergegeben. Seither würden nicht nur wie bisher 5000 In-Echt-Touristen, sondern viele viele tausend jede Woche neu das immergleiche Ereignis am Bildschirm verfolgen.

Und dann erzählte er, dass es inzwischen eine wissenschaftliche Studie der pneumatologischen Abteilung der Technischen Hochschule in Stuttgart und eine der ozeanologischen Fachschaft der Humboldt Universität zu (er sagte wirklich zu) Berlin gebe, und beide hätten, in Zusammenarbeit mit dem Hirnforscher Gerald von Hut zu Hüter und der psychosomatischen Abteilung der Universität Würzburg, festgestellt, dass nach dreimaliger Wiederholung der Wasserspiele vor dem Bildschirm von den Zuschauern die gleichen Glückshormone ausgeschüttet werden wie wenn sie mit dem Auto nach Kassel gefahren wären und im Bergpark das Geschehen in echt erlebt hätten.

«Also vermisst die Wasserspiele niemand», fasste ich seine Ausführungen zweifelnd zusammen. «Und Sie? Vermissen Sie das Glücksgefühl, das sie jedesmal haben, wenn sie den Schacht öffnen und die tonnenschweren Wassermassen in Bewegung setzen?» – «Ich bin freiwilliges Mitglied der Feuerwehr, ich tue meinen Dienst oder tue ihn nicht, Gefühle habe ich anderswo. Klar?!»

Und dann fügte er noch hinzu, wenn ich jetzt noch fragen wollte, ob die lange Pause der Anlage schaden würde (tatsächlich wäre das meine nächste Frage gewesen, der Mann war möglicherweise hellsehend), könne er mich trösten – diese absolut auf mechanischen Prinzipien aufgebaute Anlage funktioniere seit dreihundert Jahren einwandfrei und ohne Wartung, und wir könnten noch ewig so weitermachen, das würden die Kasseler Wasserspiele mit großer Würde und stoischer Ruhe ertragen.

Verzell…, dachte ich und ging meiner Wege,

herzlich