Visionen für die Welt

Visionen braucht die Welt.

Leicht ist so etwas gesagt, doch schwer ist es, dem Gesagten einen Inhalt zu geben. Denn die Frage, was Visionen sind, hat es in sich und lässt sich schwer oder gar nicht beantworten. Hat der gegenwärtig erfolgreichste Autohersteller Visionen? Haben Gewaltherrscher oder Staatpräsidenten Visionen? Sportler, Künstler, Wissenschaftler, Philanthtropen, Erfinder, wer von ihnen ist am ehesten für Visionen geeignet? Und wer ist dazu völlig ungeeignet? Gibt es gute und schlechte, förderliche und zerstörerische Visionen?

Weitere Fragen: Sind Visionen dann wirklich, wenn sie ins Große greifen? Die Welt verändern? Oder kann mein Versuch, heute zu allen Menschen, die mir begegnen, freundlich und entgegenkommend, offen und interessiert, absichtslos und empathisch zu sein, als Vision bezeichnet werden?

Beispiele für Visionen sind schwerer zu finden als im ersten Moment gedacht. Der Erfinder des Roten Kreuzes, Henri Dunant, hatte er eine Vision? Wenn ich mich zurückerinnere, wie Ruppert Neudeck, der Ermöglicher von Cap Anamur und Erfinder der Grünhelme, manchmal von Entgleisungen innerhalb der Machenschaften beim Roten Kreuz erzählte, kommen mir Zweifel.

Überall wo Zweifel an Visionen aufkommen, steht die Vision selbst nicht nur zur Debatte, sondern regelrecht zur Disposition. Hatten die großen Welteroberer Visionen? War es die Vision Napoleons, in Paris mit hunderttausenden von Soldaten loszumarschieren und nicht früher Halt zu machen, als bis Russland erobert und Europa durch seine Hand befriedet sei? Wie wir wissen, war er Jahre später mit einigen versprengten Heimkehrern als Verlierer wieder in Paris aufgetaucht, während das Heer in den Wintermonate 1812/13 auf der Flucht von Moskau nach Frankreich aufgerieben wurde. Also war sein Wahn keine Vision, sondern blinde Machtgier, Vermessenheit, Frivolität, ja Dummheit, wie Tolstoi behauptete? Und wenn nicht die Eroberer die Visionäre der Menschheit sind, wie steht es mit den Alphadenkern in Silicon Valley? Sie haben die Idee, lieber sage ich, die Ideologie, eine digitale Parallelwelt zu schaffen und mit ihr die gegenwärtige Welt auf die Müllhalde zu schmeißen – klingt salopp, ist aber nicht ganz falsch.

Die sogenannten großen Visionäre der Gegenwart, sie dürften mit ihren Vorstößen immer nur so weit gehen, wie ihnen das positive Feedback der von ihrem Tun betroffenen Menschen erlauben würde. Sie müssten ein Überprüfungsverfahren installieren, das mit großem Aufwand erheben würde, was ihre auf die Erde geholten Gedanken für die Menschen, die Tiere, die Natur, die Planetin an Vorteilen und Nachteilen bringt, ihre manchmal so ungeheuerlichen Gedanken, die keine Visionen und Ideen sind, sondern ganz enge egoistische Machtimpulse und Machbarkeitsideologien. Sie müssten ihr Tun in Feedbackschlaufen überprüfen, damit sie jederzeit wissen, wo die Grenze ihres Ehrgeizes steckt und wo überhaupt die Grenzen zu ziehen seien.

Das tun sie bisher eher nicht, stattdessen sonnen sie sich im Erfolg ihres Tuns, das sie gerne visionär nennen.