Warum (noch) schreiben?

Für mich sei das Schreiben ein Lebensvorgang, wie Atmen, Verdauen, Einschlafen, Aufwachen, schrieb ich in einem Beitrag zu diesem Thema. Dieser Vergleich suggeriert, Schreiben das Natürlichste auf der Welt. Ist es aber nicht. Skifahren passt als Vergleich auch nicht gerade super, wäre aber näher dran. Atmen tun wir bis kurz vor dem endgültigen, großen Schweigen, es ist um einige Rillen elementarer als der hehre Schreibprozess, auch als das Skifahren. Wer den letzten Schnaufer hinter sich brachte, hat mehr Mut bewiesen als Dostojewski beim Schreiben des Großinquisitors, ist doch so, oder etwa nicht!

Nun, ich übertrieb in diesem Beitrag. Und dann klagte ich auch noch, etwa darüber, dass es heute keine Klöster, Mäzene und übermütigen Verleger mehr gebe, die das Schreiben fördern. Als wollte ich im Kloster sitzen und Texte abschreiben. Und das mit Förderern und Verlegern sollte man auch umgehen, wenn möglich. – Doch ich habe nicht nur übertrieben und geklagt, nein, ich habe mich auch noch über die Schreiberlinge selbst despektierlich geäußert, über Imre Kertész zum Beispiel, der Jahrzehnte lang in einem totalitären Staat in einer 17-Quadratmeterwohnung dahininvegetierte und vergebens versuchte, einen Roman vom staatlichen Schriftstellerverband abgenommen zu kriegen. Ich zitierte ihn, weil er in seinem Roman Fiasko die Hauptfigur sagen lässt, sie sei Schrift­steller geworden, weil sie zu keinem anderen Beruf tauge. Als ob es ihm damals in Budapest nicht schon schlecht genug gegangen wäre, nein, er musste sich selber auch noch runtermachen – und schaute währenddessen, wenn ich mich recht erinnere, auch noch in den Spiegel …

Doch mir fiel noch so eine weitere Sache ein. Ich sei ein weißer Autor, schrieb ich, so, als hätte ich damit zugegeben, dass mir das Kainsmal auf die Stirne geschrieben stünde. An der Tatsache meiner Hautfarbe kann ich nichts ändern, egal was für ein Thema ich auch vom Zaun breche. Als männliches Exemplar einer weißen Nation haste heute nichts zu sagen, ich sprach mir kurzerhand das Recht ab, weiterhin an einem Bleistift zu nagen, geschweige denn Worte aufs Papier zu kritzeln. So viel Schlimmes ist durch die Weißen passiert. Sie, nein wir, eben ich, natürlich nicht alle Weißen, aber solche wie ich, wir gehören dem aggressivsten Menschenschlag an, mit dem es unser Planet je zu tun hatte. Über unsere Auswirkungen gibt es nichts zu beschönigen, sie, nein eben: wir sind unübersehbar. Beispiel Waldsterben, auch in Hessen, wo ich lebe. Ich verbrauche sage und schreibe Holz, wenn meine Bücher in Druck gehen, was sie längst nicht immer tun, viel Holz. Aber das gibt es ja jetzt. In den letzten Tagen habe ich hinter uns im Wald – wir wohnen am Stadtrand – stundenlang ein Rudel Kettensägen gehört, Kahlschlag in den Fichten, großflächige Fällungen in den Buchenbeständen.

Wo ist eigentlich das Problem, wenn du schreibst? Verpasst du dadurch das Leben? Nein. Wirst du dadurch melancholischer? Ja. Warum? Weil denken und schreiben traurig macht. Aber wenn der Mensch traurig ist, spürt er sich doch wenigstens, ist doch wenigstens auf Du und Du mit seiner Seele. Aus Nietzsche flossen schwere schwarze Gallensäfte, doch aus ihm floss auch ein großes Herz.

Was ist das Wichtigste beim Schreiben? Die Fühlung mit meinen anderen allen. Ich habe sie auch in meinem Beitrag genannt, meine Helden, João Guimarães Rosa, Herman Melville, Aloysius Bertrand, Giacomo Leopardi, Antonio Porchia, Robert Walser, Friedrich Nietzsche eben, Ludwig Hohl natürlich auch, mein Kletterfreund aus dem Tal hinter den Bergen, wo ich lebte. Nur Männer? Ja, und alle leben sie nicht mehr, sie haben den letzten Schnaufer hinter sich. Und Frauen? Ja, auch, und auch sie nicht mehr lebende. Virginia Woolf, Hildegard von Bingen. Oder Susan Griffin, die radikale Feministin, wobei, die lebt noch…