Was würde Beuys sagen?

Wenn mir irgendeine menschlich-unmenschliche-allzumenschliche Ungeheuerlichkeit begegnet, frage ich mich immer wieder, was würde Beuys dazu sagen? Was hätte er zu Greta Thunberg gesagt? Was zum Thema touristischer Mondfahrten? Oder zu den Hasskommentaren im Internet oder eben zur globalen Strategie eines Virus? Hätte er wie andere von einer Blaupause für die Klimakrisa geredet? Ich glaube nicht. Von Schwingungserhöhung? Von unsauberen Statistiken?

Irgendwie, soviel können wir doch spüren, hätte er zu allen diesen Fragen nichts gesagt und von einer Blaupause für die Klimakrise hätte er auch nicht gesprochen. Gestern hörte ich von einem Reporter, wie begeistert er von einer Autofahrt von Dresden nach Berlin war, weil er beobachtet habe, wie die Insekten wieder da seien. Er fand nämlich viel mehr Insekten auf der Kühlerhaube angeklatscht als noch vor einiger Zeit. Die Insekten sind wieder da, für ihn erhöhte sich die Schwingung. Ja, sie sind wieder da, nämlich auf seiner Kühler- und Windschutzscheibe.

Das hätte Beuys vermutlich schon etwas mehr interessiert, dieses, wie es diesen klugen Leuten, den Insekten, mit unserer Krise geht. Leute? Haben Sie ‚Leute‘ gesagt und Hasen gemeint, Herr Beuys, wurde er einst gefragt, als er von der Intelligenz der Hasen sprach und sie kluge Leute nannte. Ja sicher, die sind um einiges klüger als wir, deshalb die Anrede. Einmal, es ging um eine wichtige Sitzung in der unmittelbaren Vorbereitungszeit für die 7000-Eichen-Aktion, da hat Beuys gesagt, er gehe da hin zu dieser Veranstaltung, notfalls als Baum.

Damit sind wir am Punkt, um den es ihm ging und um den es heute noch viel mehr, nämlich für uns alle, geht. Es geht um das Einreißen dieser Scheidewand zwischen mir, dem Individuum, und der Welt da draußen. Es geht darum, nicht mehr von der Natur zu reden, die etwas außerhalb von mir ist, etwas Fremdes, Bedrohliches, Beherrschbares, Manipulierbares. Hier ich, dort die Umwelt, ich ein autonomes Wesen oder Gestell oder ein Leib mit Seele und Geist, dort die Umgebung, in der ich mich verwirkliche und die ich zu meiner Verwirklichung benütze und meinen Bedürfnissen entsprechend zurechtgestalte. Nein, da ist keine Wand, das ist nur Einblidung, eine Pose der Machtergreifung gegen etwas, das mächtiger ist, letztendlich mächtiger ist als. Doch das ist unzutreffend charakterisiert, denn obwohl es mächtiger ist, spielt es nicht seine Macht gegen mich aus. Auch jetzt nicht, wo wieder einmal kleinstes Leben, das wir in der Umwelt vermuten, größten Schaden im Binnenbereich des Menschen anrichtet.

Kennst du die Zeckenkrise? Auch so ein Angriff eines Kleinlebenwesen auf meinen Organismus, den ich vor Zecken zu bewahren und zu schützen so was von interessiert bin. Zwei mal Borreliose, da ist die Wand zwischen mir und diesen hintertückischen Borrelien schon fast vollständig weggebrochen. Interessante Tierchen, ich hatte vor zwei Wochen die erste bei mir auf der Haut, eine riesige. Sie krabbelte noch und ich konnte sie vorsichtig auf meinen rechten Zeigefinger umlenken. Bisher hatte ich, wenn ich eine krabbelnde Zecke auf meinem Leib entdeckte, das Tier fast genüsslich zwischen den Fingernägeln zerknackt, damit es nie mehr eine Bedrohung für die Menschen und die Menschheit sei. Die große Zecke von vor zwei Wochen schüttelte ich einfach ins Gras, zum erstenmal. Das war, ich könnte nicht sagen warum, aber es war ein spürbar saugutes Gefühl.