Weiße Länder

Der Afrikafahrer Livingstone ging als Forscher und Abenteurer in die Geschichte ein. Er brachte die letzten weißen Flecken auf den Landkarten unseres Globus zum Verschwinden. Das ist noch gar nicht so lange her.

Heute ist es unvorstellbar, mit dem Vorsatz, neue Landschaften, Flussläufe oder indigene Stämme zu entdecken, loszuziehen. Die Zeit der Entdeckungen ist vorbei. Etwas entdecken zu wollen ist geradezu unzeitgemäß, denn es ist marktgefährdend.

Wer heute noch auf Entdeckungsreisen geht, wird von Myriaden von Tipps gebenden Ratgebern und kommerziellen Problemlösern umstellt. Sie haben längst entdeckt, was ich suche. Als ob sie mich von meiner Wahnidee befreien wollten, ins Ungewisse aufzubrechen, wählen sie mich zu Objekt ihrer Begierden.

Schreiben wird nicht mehr als Sache von Künstlerinnen und Künstlern aufgefasst, sondern als optimierbares Geschäft von Verlagen, Schreibakademien und dauerinspirierten Workshopanbietern in Creative Writing. Was gute Literatur sei, bestimmen Festivals, Preisverleihungen und Buchverkaufszahlen. Livingstones Aufbruch ist zur touristischen Problemlösung geworden, der Weg der Abenteurer, sowohl der Natur als auch des Geistes, zum Trampelpfad der Massen.

Das klingt ernüchternd, elitär anklagend. Warum aber auch?!

Setz Dich doch vor eine weiße Leinwand oder ein weißes Blatt Papier und tauch ein in unentdeckte Landschaften und Welten. Da ist noch immer und weiterhin alles ganz so wie vor Jahrzehnten und Jahrhunderten. Da gibt es Landstriche und ganze Globen zu entdecken. Sie warten darauf, ans Licht der Kunst gehoben zu werden, wo sie uns zur Freude in rätselhaften Glanz erscheinen. Jeden Tag neu.

Einen schönen und entdeckungsreichen Tag,

herzlich