Wenn es regnet

Mir kam ein alter Zettel eines unserer Kinder in die Hand, ein Din-A4-Blatt vorn und hinten in großer Schnürchenschrift beschrieben und eingeteilt in drei Sparten. Sie haben eine gemeinsame Überschrift: « WENN ICH ES LANGWEILIG HABE.» Die drei Unterüberschriften haben jeweils Nummerierungen und lauten: «Wenn die Sonne scheint!», «Wenn es regnet» und «Wenn es schneit”.

Emils Spielplan

Die Einträge des Kindes sind ein Beweis für die uralte These der Philosophen, dass viele große Menschheitsleistungen auf das Erlebnis der Langeweile zurückgehen.

Aus Langeweile nämlich geht das Kind laut Zettelplan bei Sonnenschein raus und fährt mit dem Fahrrad, Einrad oder Gokart und es schaukelt. Wenn es schneit, geht es ebenfalls raus und baut Schneemänner oder Iglus, geht schlittschuhlaufen und baden und macht Schneeballschlachten. Alle diese Aktivitäten werden laut Überschrift des Gesamtplans notabene aus Langeweise ergriffen.

Dann gibt es noch die Schlechtwetterrubrik, da steht Lesen, Schreiben und Malen auf dem Programm, Bauen, mit kleinen Autos spielen und Instrument üben. Wenn wir diese Spalte interpretieren wollen, kommt dieses Kind nur dann auf diese Ideen, wenn es regnet. Regen heißt also automatisch drinnenbleiben. Und noch etwas: Die Sonnenvariante und die Schneeflockenvariante listen Bewegungsspiele und Muskelbetätigung, diese wiederum haben für das Kind kausal mit Sonnenschein und Winterglück zu tun. Die Regenvariante bedeutet rumhängen, in der Wohnung irgendwo liegen oder sitzen, bedeutet Kopfarbeit. Das erinnert auch ein bisschen an gängige Schule.

Regenwetter wird in der Erwachsenenwelt und anscheinend auch bei vielen Kindern als schlechtes Wetter eingestuft. Ein Regentag ist ein shitty day, da macht das Leben keine Freude. Dies bedeutet aus Sicht jenes Kindes, das sich diesen dreistufigen Langeweileplan ausgegeckt hat, dass, wenn es drinnen sein muss, ein schlechter Tag ist.

Ist es nicht bedauerlich, wenn Kinder nicht rausgehen dürfen wie sie wollen? Doch wenn das so ist, wird die folgende Frage wichtig: Wie wäre das Drinnen zu gestalten, dass es die Kinder wie einen Sonnentag erleben?