Wer nimmt und wer hat Rücksicht?

Er stand auf der anderen Seite der roten Ampel. Als sie auf Grün wechselte, blieb ich stehen. Er kam über den Zebrastreifen und wir begrüßten uns, da wo ich stand und eben noch losgehen wollte. Wir gaben uns die Hand, nachdem wir uns kurz verständigt hatten.

Wie es ihm gehe, wollte ich wissen. Er hatte den gleichen Wunsch zu mir hin. Schnell kamen wir auf zentrale Fragen. Als er an einer Stelle auf Jung und Alt zu sprechen kam, erhaschte ich einen neuen Gedanken bei mir. Mein Gegenüber, David mit Namen, ist jemand, der ohne Urteile Dritten gegenüber durchs Leben geht. Er hat Freude an seinem Dasein und bringt für alles viel Zeit und Ruhe mit, auch für unsere Situation an der Straßenampel, auch in Bezug auf das heikle Thema. Wir hätten jetzt viel Rücksicht auf die alten Menschen genommen. Die kommenden Generationen würden damit viel auf sie nehmen. Unsere heute geübte Rücksichtnahme ziehe für sie gigantische Konsequenzen hinter sich her, die sie einst als schwere Last zu spüren bekommen würden. «Wie aber ist es mit den Alten?» Wenn David eine Frage stellt, ist es fast immer eine wirkliche Frage. Auch jetzt. «Werden die Alten denn nun auch Rücksicht auf die Jungen nehmen? Werden sie sich nun anders darum kümmern, dass sie den Folgegenerationen nicht noch mehr Schmutz und Zerstörung hinterlassen?»

Und dann sagte er ganz ruhig, er frage sich, ob sein zweijähriger Sohn um das Erlebnis gebracht werde, mal durch Schnee und Jahreszeiten zu gehen? Das sei doch die Frage, wenn die Menschen so weitermachten wie bisher. – Und ich dachte, mich von seiner Fragehaltung entfernend, an das Selbstverständnis vieler Menschen, was den egoistischen Umgang mit ihren Renten und erworbenen Rechte und Erbschaften und so weiter betrifft. Und gerade auch deshalb, weil mir David die echte Fragehaltung vorlebt, pfiff ich meine Gedanken so gut es ging zurück und bog sie in eine Selbstbetrachtung meiner Lebenssituation als eines alternden Mannes um.

Und du? Bist du nicht in greifbarer Nähe einer Rente?! Frage ich mich. Zwar werde ich mit ihr keine großen Dinge drehen können, aber es ist eine Rente. Ist damit deine Rücksicht, die du im Laufe deines Lebens auf das Vergangene erworben hast und die du den Kindern gegenüber empfindest, ganz oben auf der Pyramide deiner Lebenswerte angekommen? Und was wirst du an deinem Leben verändern?

Ich fühle mich von Davids Fragen nicht vorgeführt. Meine eigenen scheinen mir gefährlich zu sein. Ins Große geblickt, wehte mich heute bei der Ampel die Leichtigkeit der Urteilsbildung an, die ich mit unnötig komplizierten Vorhaltungen unverhältnismäßig lange aufzuschieben gewohnt bin.