Wesentlich werden, aber wie?

Angelus Silesius schrieb in einem Epigramm aus dem Cherubinischen Wandersmann das folgende Gedicht:

«Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg: Das Wesen das besteht.»

Über die erste Zeile dieses Gedichts gibt es ein weiteres Gedicht. Der Expressionist Walter Hasenclever hat es geschrieben und es lautet:

«In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort. Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe, Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe, wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge, als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge, und Worte wiederspreche, deren Weite ich nie ausgefühlt, und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt, wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht, der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!»

Dieses Gedicht von Hasenclever ist fast das Einzige, was mir von meinem einstigen Literaturstudium an der Uni hängengeblieben ist. Was vom Gymnasium als Einziges hängenblieb, ist der Spruch unseres verhassten Geschichtslehrers, Dummheit sei die Unfähigkeit zu abstrahieren. Und aus der Unizeit nahm ich die obigen Zeilen von Hasenclever mit. Mager aber wahr. Ziemlich cleveres Gedicht, Herr Hasenclever, Ihr Kommentar zur Zeile im cherubinischen Wandersmann hat gut zur Schwelle zum 20. Jahrhundert gepasst, die Sie damals zu überschreiten hatten. Doch das Gedicht passt auch bestens zu den vergangenen Wochen und dem, was uns allen auf je verschiedene Weise in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren bevorsteht.

Wesentlich zu werden ist wohl etwas vom Schwersten, was uns aufgegeben ist. Allein schon zu beschreiben, was für mich als Mensch wesentlich ist, ist eine Kunst, die aus dem Nichts kommt und ins Nichts führt, weil es irgendwie keine Worte dafür gibt. Das ‚Wesentliche‘ dann auch noch umzusetzen, wird ähnlich schwierig sein wie die Quadratur des Kreises. Geht uns, bei Lichte besehen, nicht so eigentlich komplett ab, was denn im Leben das Wesentliche ist?! Und ist dabei nicht ein riesengroßes Problem, dass keiner und keine von einem anderen Menschen zugestehen mag, dass er besser als ich selber wisse, worum es recht eigentlich geht im Leben?

Schön ist es, solche geheimnisvollen Gedichte zu studieren und Zeit zu haben, nach Belieben über sie nachzudenken. Diese Zeit zu haben gehört vermutlich schon zum Wesentlichen dazu. Wann wenn nicht jetzt ist die Chance da, sich diesen sonst verschlossenen Bereichen der Gedichte unserer Poeten zu nähern. Nichts Äußerliches hält uns in diesen Wochen davon ab. Das ist die gute Nachricht – und eine schlechte Nachricht gibt es diesmal nicht.