Wetterfühlig

Früher waren die Bauern bei uns in den Bergen noch wetterfühlig. Heute, wenn du sie fragst, sagen sie: «Momoll, er hat gut» oder «Ajhh, er hat nicht gut». Mit ‹Er› meinen sie den Radiosprecher oder den Radiokanal, oder wahrscheinlich irgend so eine Mischung davon.

Wetterfühligkeit gibt es auch auf anderen Gebieten. Ruth C. Cohn (1912-2010), die Psychoanalytikerin und sprühende Humanistin, war zwanzig und Studentin der Psychologie in Berlin, als sie aus Deutschland in die Schweiz floh und 1941 in die USA auswanderte. Sie habe «irgendwie einen Sinn für das mitbekommen, was in der Luft lag», sagte sie später. Ihr war es ähnlich gegangen wie den Bauern, nur auf etwas anderem Gebiet.

Ruth Cohn sagte dazu etwas Geheimnisvolles: «Heute beunruhigt mich, dass viele Menschen nicht spüren, welche Probleme sich zusammenbrauen.» Das waren ihre Worte in einem Interview 2004 als über neunzig jährige Frau. Was meinte sie mit diesem Hinweis? Wie konnte man damals spüren, welche Probleme sich zusammenbrauen? Wie kann man das überhaupt? Und wie wäre das heute?

Dass es Dinge zu spüren gibt, haben Menschen in den vergangenen Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Also ist es auch wieder nicht so geheimnisvoll, was Ruth Cohn, deren Überleben damals von ihrem Spürsinn abhing, gemeint hat, als sie von ihrer Beunruhigung sprach.

Vielleicht müssen wir nicht alles vorhersehen, das kann vermutlich niemand, doch ein Gespür für die Dinge des Lebens, das könnte jede und jeder ein Stück weit entwickeln. Die Folge davon wäre eine ähnliche wie bei den Bauern, wir wüssten uns nämlich richtig zu verhalten. Wenn ein Bauer weiß, dass es am anderen Tag regnet, mäht er heute kein Gras, auch wenn ihm dies grad gut in die Tagesplanung gepasst hätte.

Gruß