Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden

In dieser Zeit sei es besonders wichtig, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Zur Illustration dessen, was er damit meine, sagte der Urheber dieses Gedankens, es sei an der Zeit, «nicht so viel Quatsch zu reden».

Innerhalb der Infodemie wichtige von unwichtigen Beiträgen unterscheiden ist hilfreich. Allerdings vermag zur Zeit, wie mir scheint, niemand zu bestimmen, was tatsachengesättigte wissenschaftliche Beiträge (als welche sich viele ausgeben und es nicht sind) seien und wo die Scharlatane auf dem Trittbrett der Wissenschaft mitfahren, indem sie irgendwelche quasikausalen Ketten behaupten, Fußnoten produzieren oder in weißen Kitteln argumentieren.

Und was wirklich wichtig sei und was nicht, da scheinen sich auch vorerst nicht Tatsachen zu begegnen, sondern Vorlieben. Zum Beispiel die Tomate als Vorliebe. Sie gehört in den Salat und auf die Pizza und ist auch sonst Beilage, entscheidende Beilage vieler Gerichte – das ist für die einen wichtig. Es ist ein Nachtschattengewächs und als solches nicht nur nährwerttechnisch vernachläßigbar unwichtig, sondern sogar mit der Tendenz ausgestattet, den Organimus zu vergiften. Und sehr teuer in der Herstellung, weil extrem wasserintensiv in der Aufzucht, von den Produktionsstätten mit ihren Billigarbeitern ganz zu schweigen. Und was den Aufwand der Tomatentransporte in Länder mit weniger Sonnenintensität betrifft, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Und dennoch ist die Tomatenindustrie für Gastarbeiter aus armen Ländern die Chance, durch ihre Mitarbeit ihre in Afrika zurückgelassenen Familien finanziell zu unterstützen, manchmal regelrecht zu ernähren. Das ist wichtig, auch wenn die Aufrechterhaltung des Ausmaßes an Tomaten unwichtig, ja ein Geschehen ist, das nicht nur massiv heruntergefahren werden könnte, sondern müsste.

Es ist also selbst bei der Frage, ob so viele Tomaten wichtig seien oder nicht, gefährlich, dass, wer darüber befindet, selber ins Quatschen kommt, was allerdings durch das Unterscheiden gerade unterbunden werden soll. – Bin ich, während ich das schreibe, beim Unterscheiden oder bin ich am quatschen? Schwer zu sagen.

Doch leicht ist an den gesunden Menschenverstand zu erinnern, der weiß recht genau, was wie geht und was nicht, und er ist darin unbestechlich, mit unwichtigen Dingen Schluss zu machen. Ob wir es dann tun, hängt eben davon ab, ob wir dem in uns allen schlummernden Menschenverstand das Feld eröffnen und zur Entfaltung verhelfen, oder ob uns tatsächlich das Quatschen und Quatschanhören genügt.