Wie der Storch im Salat

Gestern waren wir auf einer Wanderung und kamen hinter einem Hügel auf eine Wiese, wo wir in etwa fünfzig Metern Entfernung einen Mann mit drei riesigen schwarzen Schäferhunden spielen sahen, die mit wehenden Mähnen hin und her und wild um ihn herum rasten. Zehn Meter von ihnen entfernt waren zwei Gestalten, die wir sofort als zur Hundemeute dazugehörend erfassten. Die drei Hunde und die drei Menschen sahen sich ähnlich. Wir beobachteten die Szene für einen Augenblick aus sicherer Entfernung und fanden es unverantwortlich, wie diese Hunde, die so unzähmbar schienen, ohne Leine über das Feld davonstoben und wieder kehrtmachten und immer weiter. Das konnten nur Menschen sein, die nicht wussten, wie man sich benimmt, das dachten wir nicht genau so, nicht so platt, aber doch so ein bisschen in diese Richtung.

Erst meinten wir, es seien drei Männer mit ihren drei Hunden. Es waren aber zwei Frauen und der eine Mann, der mit den Hunden auf dem Feld spielte. Eine der beiden Frauen was das Herrchen, besser Frauchen der Hunde. Sie selbst waren eine Mutter und ihre zwei Jungen, die ununterscheidbar von ihr selbst waren. Als wir näher kamen, wurden die Hunde auf uns aufmerksam und einer der Hunde rannte los. Die Besitzerin, bei der wir inzwischen angekommen waren, beruhigte uns, wie das Hundebesitzer zu tun pflegen, wenn ihre Bestien auf einen losstürmen. Sie seien ganz lieb, sagte die unkomplizierte Frau mit umhängenden Hundeleinen, und gab mir ungefragt ein riesiges Leckerli in die Hand, groß wie eine Tafel Schokolade. «Hier am Ende halten, er holt das ganz sanft aus Ihrer Hand,» sagte sie und schon war der erste der heranfliegenden Hunde bei mir, sah kurz zu mir auf, nahm flink doch ganz vorsichtig das Leckerli und rannte mit der schmackhaften Trophäe zwischen den riesigen Zähnen happy aufs Feld zurück. 

Wie schnell uns diese Hunde und die Menschen gewonnen und wir sie in unser Herz geschlossen hatten! Die Hundebesitzerin hatte einen leicht schwäbelnden Akzent. Alles nur angenehm. Dann entdeckten wir oben auf dem Hügel eine junge Familie mit zwei Kindern, die auf dem Weg zu uns waren und nun stehen blieben. Genau wir vor drei Minuten. Die Hindebesitzerin rief die Hunde, diese rannten zu ihr hin, immer noch wild und in großer Spielbewegung, doch irgendwie gehorchten sie. Es sah aus wie Zufall. Sie wurden an die Leinen genommen und die Frau sagte freundlich und ruhig: «Die sind so wild auf Kinder, da muss man ein bisschen aufpassen.»

Wir hatten beim Weitergehen die Frage, ob die Familie, die jetzt dort oben stand und beobachtete, wie diese schwarzen riesigen Hunde an die Leine genommen wurden, den gleichen Fehler machen würde wie wir vorhin auch. Wir hatten nämlich ein komplett falsches Bild von der Gesamtszene. Hatten uns viel zu schnell irgendwelche Urteile aus dem Beobachteten abgeleitet, noch bevor wir wirklich hingeschaut hatten.

Das Denken funktioniert wie der Storch im Salat, es wirkt und bewirkt etwas und tut so, als hätte es nichts mit den Folgen zu tun, die daraus entstehen.