Wo es sie hin verschlägt

Schneeflocken, wie sie zur Zeit hier in Kassel in viel zu warmer Luft durch die Atmosphäre schweben und, je nachdem wo sie hinfallen, bald wieder vergangen sein werden, haben nicht nur alle einen leicht verschiedenen Aufbau in der Kristallbildung, sie haben auch, jedes einzelne Flöckchen für sich, ein individuelles Schicksal. Dabei nützt es sie nichts, wenn sie sich auf dem Weg durch die Luft zusammentun, um in einer Gruppe aufgehoben zu sein und das gleiche Schicksal zu erfahren. 

Gerade eng beieinander abwärts Schwebende können im letzten Moment extrem unterschiedliche Enden nehmen. Die eine Flocke landet auf offener Wiese. Ist die Wiese einigermaßen groß, werden die um die Flocke herum Gruppierten ebenfalls auf offener Wiese landen. Da ist dann tatsächlich ein Gruppenschicksal, was nach der Landung auf sie wartet. Zwei dort gelandete Flocken leben miteinander weiter, als wären sie eineiige Zwillinge.

Tanzen zwei Flocken jedoch über einem Waldrand oder am Rand eines Gartens auf die Erde zu, dann hat sie, wie nah sie sich auch waren bis zum letzten Augenblick, ihr je eigenes Schicksal je nach dem für immer auseinandergerissen. Manchmal spielen sich solche Szenen direkt vor unserem Wohnzimmerfenster ab. Ich blicke nach oben in den grauen, verhangenen Himmel, aus dem sich stetig Flocken nähern. Weil die Luft unwinterlich warm, aber eben doch so kalt ist, dass sie sich als Schneeflocken dort oben in der Luft über uns formiert haben, kommen sie mit für ihre Ausstattung ziemlichem Tempo herunter. Die eine Flocke zieht es auf den letzten Metern leicht von der anderen weg und sie liegt unter dem Quittenbaum neben der Magnolie neben der hohen Eibe neben dem Fliederbusch, kurz, diese eine Flocke kommt auf dem warmen Boden, vergleichsweise warmen Boden unter den Bäumen zum Stillstand, während ihre Fluggefährtin ziemlich gerade, ja sogar mit einem leichten Drall in Richtung Wiesenmitte weitergeflogen und auf einer mehrere Zentimeter dicken Halbhartschneeschicht zu liegen kommt.

Innerhalb von Minuten ist die eine der beiden gemeinsam aus dem Kosmos zu uns Heruntergefallenen mit ihren Geschwistern auf kaltem, winterharten Boden festgefroren und starrt tapfer aus der Schneedecke, besser von der Schneedecke, denn sie ist zuoberst auf der kristallinen Masse. Die andere aber ist verdampft, hat ihre Aggregatszustand verändert, noch bevor ich mich hinter der Fensterscheibe auch nur einmal leicht bewegt habe. 

Zur Zeit erleben wir hier auch mit den Menschen solche Sachen, auf fast allen Ebenen. Die einen landen in sicheren Häfen, wie immer, sie bleiben vom wild wechselnden Wetter in der Arbeitsstelle, im Freundeskreis, zu Hause verschont und merken gar nicht, dass sozusagen Wetter ist. Die anderen verbrennt’s irgendwo auf einem Feld, wo sie gar nie hinwollten oder auf anderen Feldern, die sehr plötzlich ihre Temperatur so komplett verändert haben, dass das Leben darauf nur so verschwindet.

Wie sehr haben wir Grund, das alles so nicht nur hinzunehmen, sondern zu lieben, allen Widerständen zum Trotz. Schubert hat in dieser Stimmung, die ihm manchmal bis zur Erkenntnis Wirklichkeit war, Lieder geschrieben, hunderte. Und manche erleben es, ohne einen Ton zu sagen, zu singen, aufzuschreiben.