d15 – Worte mit Inhalt füllen

    Gedichte nicht Kriege

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    …………………..lective

Auf den geschwärzten Säulen am Haupteingang des Fridericianum in Kassel malte Dan Perjovschi gestern bei schönstem Wetter Graffit auf den dunklen Hintergrund.

Auf dem obersten Bild der hier wiedergegebenen kleinen Auswahl wirbt er für Gedichte und spricht sich gegen Kriege aus. Ja, ja, diese Künstler, könnte Frau oder Herr Griesgram sagen, die können gut reden oder eben «graffiteln», die müssen nicht an die Front, weder an die der Armeen noch an die der Politik.

Wir sehen aber auch, wie sehr die Künstler, die ja dafür auf der Welt sind, dass sie singen, dichten, gestalten, dass sie dies alles nicht können, weil sie besetzt sind von Dingen und Zuständen, die in ihnen vielleicht tiefer arbeiten als in vielen anderen.

Kunst fängt dort an, wo die Besetzungen nicht die Oberhand in der Seele gewinnen, sondern soviel Kreatives ind die Waagschale gelegt werden kann, dass sich die Zustände der Bedrändung verändern. 

Das Wort «Collective» wird unter den Graffitihänden von Perjovschi zu etwas ganz Neuem! Er schrieb mit einem dünnen Pinsel auf der Säule rechts neben der Eingangstüre des Fridericianum die drei Buchstaben «c» und «o» und «l». Dann fädelte er mit dem Pinsel geduldig weitere etwa dreißig «l» in die erste Zeile. Die zweite Zeile war genau gleich lang, ebenfalls voller «l» und zwar so, dass jeweils die obere Schlaufe des Buchstaben sich in die darüberliegende Zeile streckte und wie um das «l» darüber herumlief.

In diesem Stil ging es Zeile für Zeile weiter und mit der Zeit entstand so etwas wie ein hingemalter, grobmaschiger, aber überall durch ein sicheres Netz verbundener Pullover. Nachdem er die Zeile zigfach wiederholt hatte, ließ Dan Perjovschi, siehe oben das dritte Bild, die zweite Hälfte des Wortes «colletive» unten rechts aus dem Bild laufen.

Witz, Sinn, schöne Gestalt, Programm, Utopie, Worterweiterung, zu all diesen und vielen weiteren Wörtern regt dieses Graffiti an. Bald werden zigtausend Menschen daran vorbeiströmen und sich ins Geschehen der documenta fifteen einfädeln. Dabei werden sie über die Welt und ihre eigene Stellung im Menschen-Universum nachdenken.