Potentielles Zeckenwissen

Eins der größten Probleme an der Zecke ist die kontinuierliche Zunahme des Wissensstandes über sie. Die Gefahren von Zecken, die Borreliose übertragen oder eine Gehirn-, Gehirnhaut- oder Rückenmarkentzündung auslösen, sind groß, die Behandlungsmöglichkeiten gering. Na, da geht’s schon los, denn was heißt ‚gering‘? 

Gegen Borreliose gibt es keine Impfung, allerdings  bestimmte Antibiotika. Gegen die zeckenbedingte Hinrhautentzündung gibt es die Möglichkeit einer Impfung, doch die ist, wie man immer mal hört, immer mal genauso schlimm wie die Krankheit selbst.

Ich bin mir sicher, hätte die Zecke eine weltweite Verbreitung, sie ließe sich zum Superstar eines Frontalangriffs aus der Welt der Kleinsttiere auf den Menschen performen, denn wir wissen inzwischen schon so viel über sie – und gleichzeitig nichts. Je mehr Menschen weltweit hektisch neue Erkenntnisse über die Zecke zutage förderten, umso schrecklicher würde der Gedanke an ihr Vernichtungspotential auf uns Laien lasten, denn wir könnten nicht anders als den Fachleuten glauben. Sie würden sich natürlich streiten, das tun sie ja tatsächlich. Ich habe meine unzähligen Zecken schon auf verschiedenste Weise aus meier Haut geholt, jeweils brav nach dem aktuellen Wissensstand der Medizin. Jedesmal komplett anders, einmal mit eindrehen, bis das kleine Tierchen den Verstand verliert und loslassen muss, einmal gerade auf keinen Fall so, sondern direkt rausgerissen, einmal schnell mit einem Ruck, einmal auf keinen Fall schnell, sondern langsam, einmal mit einer Drehzeckenzange, einmal mit dem Chip, der sie in einen feinen Riss verkeilt und so rausholt.

Wären die Borrelien noch attraktiver als sie schon sind, dann würden wir durch Tests herausbekommen, dass viel mehr Menschen von ihnen befallen sind als wie bisher angenommen und dass diese chamäleonartig sich verwandelnden Tierchen noch sehr viel gefährlicher, wandlungsfähiger, organzerstörender seien als bisher gewusst.

Ich war manchmal wirklich schon mürbe mit Zecken. Vorletztes Jahr hatte ich nach einem Tag im Holz sieben Zecken in meiner Haut stecken. Eine davon übertrug mir eine Borreliose. Es war die zweite in meinem Leben. Wer sich mit Zecken auskennt, kennt meine Not, beziehungsweise die für mein Erleben abstrakte Not meines Körpers.

Ich darf allerdings sagen, dass mein Immunsystem trotz des Terrorangriffs, den diese Lebenszerstörer nun schon wiederholt auf meinen Korper losgetreten haben, ich darf sagen, und ich sage es ganz laut, dass mein Immunsystem anscheinend noch intakt ist, nicht ganz, klar, aber es tut seinen Dienst. Ist das nicht wunderbar? Es muss sich arrangieren mit den Borrelien im Körper, aber ich bin glücklich, wie das geht und dass es geht. Ich gehe weiterhin in Wiesen, was nicht heißt, dass ich nicht auf Zecken achte. Mein Immunsystem will ernst genommen werden.

Gut, dass es neben Medizin, Tests, Statistiken auch noch mein Immunsystem gibt. Und, ja, du darfst immer wieder Abhärtungsübungen machen, du mein Immunsystem, ich vertraue auf deine Interaktion mit deinen Angreifern, und ich bin mir sicher, deine Angreifer können ganz gut mit der Tatsache umgehen, dass sie dich nicht ganz zerstören, wenn doch immer wieder ziemlich stören können. 

Kann es sein, das das Menschenbild der meisten Medizinerinnen und Mediziner nicht mehr stimmt? Ich erinnere mich an den Vater einer lieben Mitschülerin aus der Grundschule – ich war manchmal in sie verliebt. Ihr Vater war Chefarzt im Krankenhaus in unserer Stadt. Er hielt sie und ihre Schwester von allem fern, was ein Immunsystem durchmachen muss, impfte sie, hielt die zarten Geschöpfe von Staub, Schnupfenleuten, schmutzigen Händen, von allem hielt er sie fern. Meine Erinnerung ist, dass ich das schöne Mädchen oft am Krankenbett besucht hatte, sie lag mit hohem Fieber im Bett, große Augen, warme Haut, für mich unvergesslich. Erst später fragte ich mich, ob das alles so gut war.