In Kassel gab es kürzlich einen Schulstreik gegen die Wehrdienstpflicht. Ich dachte sofort an Hermann Kükelhaus, als ich das Plakat las. Er hatte, als er noch nicht eingezogen war, gehofft, auch in den Krieg zu gehen – weil alle anderen zur Verteidigung des Landes, wie es hieß, eingezogen worden waren. Er selbst war jung und gesund und weitgehend angstfrei. Und er hatte ein schlechtes Gewissen. Doch das brauchte er nicht allzulang zu haben, denn mit 21 war er bekanntlich als einfacher Soldat bei der Russlandoffensive mit dabei.
Die Zeit, als ich am Buch über ihn schrieb, verdünnt sich, wie Blut, das durch Medikamente verdünnt wird. Es ist gut so, das Buch soll seinen Weg gehen. Ich bin frei für anderes.
Doch jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit stehe ich vor dem Foto des kleinen Hermann, das im Buch auch abgebildet ist, und sinne nach:

Von der Trauer, Kraft und Unschuld und kosmischen Eingebunden, die mir aus diesem Bild entgegenstrahlt, lasse ich mich noch lange weiterbewegen und inspirieren.
Wo mag sie hundert Jahre später sein, diese kosmische Kraft und Unschuld des damals eineinhalbjährigen Kindes?
Und: wie stelle ich mich selbst in eine solche Kraft hinein?!
Darüber denke ich nach, während meines Traumaschüttelns, das ich beim Betrachten dieses Kindes praktiziere.
Gruß 
