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Die Hierarchie ist zwischen uns

Vincent Cespedes, der französische Philosoph und Musiker, hat sich in seinen Beiträgen immer wieder mit Afrika beschäftigt. Er spielt die afrikanische Lebensweise regelrecht gegen unsere westliche Lebensweise aus und favorisiert Vieles am afrikanischen Lebensstil, von dem unser Denken viel lernen könne. 

So arbeitet er in seinen Arbeiten die Bedeutung des Clans, des Stammes heraus und zeigt, wie wertvoll für das Denken die Weisheit des Clans sei. Er schreibt: «Alles, was der Westen verloren hat, kann er in Afrika wieder entdecken: Er kann lernen was es heißt, Kollektive aufzubauen. Er findet das Rezept des Zaubertranks, mit dem er ein Wir erlangen kann. Den größten Unterschied zwischen der Philosophie Afrikas und der des Westens bildet nichts Abstraktes, sondern etwas ganz Konkretes: Es ist das Glück. Die größte Vorhaltung, die alle Afrikaner, ob Philosoph oder einfacher Mensch, uns machen, ist, dass wir nicht glücklich seien. In Afrika ist das Glück ein Mannschaftssport, eine kollektive Sportart und kein individueller Konsum. Da wäre zuallererst das Lachen. In Afrika hat das Lachen eine sehr interessante soziale Funktion. Es entspannt die Beziehungen, und Afrikaner lachen tatsächlich wesentlich mehr als wir.« Nun bleibt Cespedes nicht bei nostalgischen Zuschreibungen über die im Clan oder Stamm aufgehobene, jenseits des Ich beheimateten afrikanischen Seele. Vielmehr kommt er auf ein Phänomen zu sprechen, das innnerhalb der Kommunikationswissenschaft zu neuer Aktualität aufgestiegen ist. Gemeint ist das Palaver, ein in unseren Breiten meist negativ und auf Klatschbasen oder Schwatzonkels reduziertes, gesellschaftlich am unteren Rand des Sozialen angesiedeltes Wort. Anders beim Franzosen aus Frankreich, er ist von den philosophischen Möglichkeiten des Palavers begeistert (David Bohm war es auch, sein Abschlusskapitel im Buch On Dialogue handelt von indigenen Sichtweisen, die anders mit dem Dialog umgingen und umgehen. Das Palaver sei, so Cespedes, «eine orale Kunst, also mit dem Körper verbunden. Sie basiert nicht auf Reflexion, auf Schriftlichkeit und Institutionen, kurz: dem Hirn, sondern auf Mündlichkeit. Und am Schluss einer Diskussion müssen alle einverstanden sein, alle. Nicht 51 Prozent, sondern 100 Prozent. Ein Palaver kann Wochen oder Monate dauern, und am Ende muss jeder sagen: Wir alle haben den Entschluss mit 100-prozentiger Einstimmigkeit gefasst.» Diese Worte versieht Cespedes gleich mit der nötigen Werbung für eine lebendige westliche Philosophie, wenn er behauptet: «Das wäre etwas, was wir entdecken könnten: Das Palaver, das die Grundlage der Philosophie ist, denn nach meinem Verständnis ist die Philosophie vom Wesen her afrikanisch.»

Wow, wie wäre das Leben, wenn wir uns für wichtige Entscheidungen zum tage-, wochen- oder monatelangen Palaver zusammensetzten, bis wir gemeinsam und aus unserer Mitte heraus die richtige Lösung gefunden hätten?! Gemeinsam denken, das ist nicht nur möglich, das ist eine nur gemeinsam erreichbare Weisheitsquelle. Diese Weiseheitsquelle sollte nicht nur als Alternative zur aufgeklärten, hirnfixierten Philosophie aufgefasst werden, sondern als ihre Überhöhung. In ihr liegt die Möglichkeit, unser Denken so zu erfahren und unsere Gedanken so weiterzugeben, dass das, was Ghandi oder Einstein gesagt hat (der Gedanke wird beiden gleicherweise zugesprochen), möglich wird: Dass wir die Probleme, die unser Denken geschaffen hat, mit einem anderen Denken, einem empfangenden, hierarchiefreien Denken in Angriff nehmen und lösen können.

Das schöne  ist, dass dieses Denken nicht im stillen Kämmerlein vollzogen werden kann, sondern anderer Menschen bedarf, mit denen der einsame Denker oder die einsame Denkerin in einen Kreis tritt und das Neue aus der gemeinsamen Mitte empfängt.

Einfach mal ausprobieren,

Lieben Gruß,