Archiv der Kategorie: Blog

Es ist wie beim Sex

Heute ist es mit der Meinungsbildung ein bisschen wie mit dem Sex: Die Leute sind damit fertig, bevor sie richtig angefangen haben.

Das ist, wie soll ich sagen, schlimm. Ja, schlimm. Es ist deshalb schlimm, weil falsche Lebensbilder und Bedürfnisse entstehen. Statt mit verschiedenen Meinungen nebeneinander zu leben, wird vorschnell abgegrenzt – oder aufgerüstet, zwei Worte für das Gleiche. Statt den gesunden Menschenverstand walten zu lassen, macht sich sofort Kampfstimmung breit, wenn jemand seine Meinung kundtut.

‹Kampfstimmung› beim Meinen,  ‹Kampfstimmung› beim Sex, auch auf diesem Feld stehen wir unversehens in einer Kapfarena, statt dass wir diese schöne Sache zum Tüpfchen auf dem ‹i› gekonnter und bejahender Lebensführung machen.

Parallel zur Slow-Bakery und zum Slow-Food ist die Slow-Sex-Bewegung entstanden. Na ja, vorderhand ist es noch keine wirkliche Bewegung. Das Schneller, Härter, Immer-Und-Zu-Jeder-Zeit und So-Viel-Wie-Möglich-Jetzt ist um einiges attraktiver in unserem schnelllebigen Miteinander, doch immerhin, es gibt sie. 

Was es ganz dringend geben müsste, wäre die so genannte Slow-Meinungsmache. Hau nicht gleich drauf, wenn jemand eine andere Meinung hat. Er oder sie wird dir schon nicht die Butter vom Brötchen klauen. Und wenn doch, dann halte die andere Wange hin, Hauptsache das Brötchen bleibt in Deiner Hand.

Herzlich  

Kampfesmüde

Was muss alles passieren, dass jemand ‹kampfesmüde› ist? Ist das Leben ein Kampf? Ist es nicht schon grundfalsch, das Kämpfen zu einer Maxime des Lebens zu machen?

Robert Seethalers neues Buch  Der letzte Satz – eine Reaktion in mir war: Ich bin des Kampfes müde. Das ist auch just das Thema des Buches selbst, es geht um die letzte Reise Gustav Mahlers vor seinem Tod und um entsprechende Rückblenden des todkranken und kampfesmüden Musikers. Dennoch, als ich darin las, bemerkte ich, es gehört zu den Büchern, bei denen mich ein schales Gefühl beschleicht. Und wenn ich dann zum Urteil komme: Gut gemacht, zweifelsfrei, in der durchgängigen Reduktion auf das Wesentliche konzentriert, doch in mir ist die Frage, was wäre, wenn es dieses Buch nicht gäbe? 

Wenn ich diese Frage in mir hochkommen fühle, fühle ich mich kampfesmüde. Literatur ein Kampf und Krampf, ein Ringen um etwas, wo es ums Letzte geht, um die größte Liebe, die unmöglichsten Unmöglichkeiten, die unglaublichste Geschichte, den größten Schmerz, die einmaligste Unüberbietbarkeit von Einmaligkeit, ein Rühren an den großen platonischen Ideen, ein permanentes Suchen des sprachlichen Ausgleichs zwischen Apollinisch und Dionysisch? Ja, dies und Nichts außerdem, wie Nietzsche vermutlich sagen würde.

Deshalb Moby Dick, Grande Sertão, meinetwegen die Bibel, sage ich. Aber Der letzte Satz von Robert Seethaler? Wirklich? Oder doch eher ein entschiedenes Nein?

Wenn ich unsicher bin, konsultiere ich die Kritiken. Es sei «die große Kunst der Verdichtung, die Robert Seethaler wie kaum ein anderer Schriftsteller beherrscht und die diesen schmalen Roman zu einem wundervollen Meisterstück des Abschieds macht», lese ich und werde darüber belehrt, dass der Autor «auf jedes feuilletonistische Schweifen» verzichte. Wenn ich so etwas lese und auf meine eigene Leseerfahrung lege, weiß ich, so könntest du jetzt beliebig viele Rezensionen lesen und alle widerlegen dich und vertreiben dennoch dein schales Gefühl nicht.

Zu mir und meinem Gefühl, auf das ich mich zuletzt mehr verlasse, verlassen muss als auf sämtliche Rezensionen, gibt es ebenfalls ein ‹Dennoch›: Der Nachklang von Seethalers neuem Buch ist gut. Erstens war überhaupt ein Nachklang und der war ruhig und anregend, wie ein liebgewonnenes Getränk. Er rührte an die im Buch dargestellten Figuren, an Mahler, den Schiffsjungen, auch sehr an Alma und die Kinder, an die Frage der jüdischen Existenz und vor allem an die Frage ‹Was ist Musik und was tut sie mit uns›.

Hat sich das Lesen also doch gelohnt? ‹Gelohnt› – ein genau so unpassendes Wort im Umgang mit Literatur wie ‹kampfesmüde›.

Herzlich  

 

Ressource Mensch

Es gibt einen Audruck, den es nicht geben sollte. Ich nehme dieses Wort, das es nie zum Unwort des Jahres geschafft hat, aber seit Jahrzehnten ein solches ist, nicht in den Mund. Und mich dünkt, auch andere sollten es unterlassen. Es hat selektive Energie und gleichzeitig Aufforderungscharakter.

Selektive Energie hat das Wort, weil da ein Bild von etwas entsteht, das in zu großer Menge existiert. Wie bei der ‹Milchschwemme›. In der Landwirtschaft gibt es Gegenmaßnahmen. Bei einer Milchschwemme werden nicht selten riesige Mengen Milch vernichtet und dann Regulierungsmaßnahmen ergriffen.

Stell Dir dasselber zu uns Menschen hin vor. Wir reden nämlich von ‹Überbevölkerung›. Wer meint, es gebe zu viele Menschen, kommt auf ähnliche Gedanken wie die Bauern bei der Milch. Das Gegenteil muss der Fall sein, über jeden kleinen Menschen, der auf der Erde ankommt, habe ich Grund zur Freude. Später kommt selbstverständlich die Sorge hinzu, wie Leben Arbeiten Lieben für uns alle gehen kann, aber vorerst gibt es in meiner Seele und in meinem Verstandesapparat keine Selektionsvorstellung. Wie sollte das gehen?

Der Aufforderungscharakter dieses Unworts liegt auf der Hand. Zur Zeit lebt er so stark unter und zwischen uns, dass wir Leute, die uns auf dem Weg zum Einkaufen oder sonstwo begegnen, am liebsten – na ich verschweige besser, was es da alles für absurde und menschenunwürdige Wünsche und Reflexe unter und zwischen uns gibt. Ich muss mich jedenfalls zur Zeit anstrengen, freundlich zu grüßen (was ich vorsätzlich tue), wenn ich spüre, was ein menschliches Gegenüber, dessen Weg meine Wenigkeit kreuzt, über meine Präsenz denkt.

Also freu‘ ich mich aus menschlichem Protest über menschliche Begegnungen. Das fällt denn doch wieder nicht ganz so schwer, sie gehören zum Wertvollsten auf dieser Welt und mich macht es froh daran zu partizipieren.

Grüße   

Wir sind eingeschifft…

Wer einen Fluss überquert, muss das eine Ufer verlassen (Gandhi), muss einen Teil der Sicherheiten hinter sich lassen, loslassen, sich auf das neue Ufer einlassen.

Das ist schwer, schwer genug, würde ich sagen. Doch es gibt jemand, der es sich noch schwerer gemacht hat. Friedrich Nietzsche prägte den Spruch «Auf die Schiffe ihr Philosophen». Damit meinte er keine Fachwissenschaftler, sondern ganz normale Menschen, uns alle, die wir Land zurücklassen und aufbrechen ohne die Option, auf der anderen Seite des Flusses wieder ans Ufer zu gehen oder irgendwo auf dem Ozean auf eine Insel zu treffen.

Über Nietsche lässt sich nochmals besonders debattieren, ich glaube, wir alle können nachempfinden, was er mit seinem Bild gemeint hat. Doch es genügt schon der Ausspruch von Ghandi, um an Substanzielles heranzukommen. Jede Bewegung, jede wichtige Entscheidung hat den Charakter, dass wir durch das Offene, das wir dadurch gewinnen, ertwas hinter uns lassen müssen, was wir nicht leicht loslassen.

Lassen wir los, es bringt Neues – und das ist zur Zeit wichtiger als viel Altes. Und vor allem, wir können nicht beides haben, Land hier und Land dort und dazu noch Bewegung.

Herzlich  

Lasch, Herr Lesch

Es ist faszinierend, mit welcher Geistesgegenwart dieser Mann in Vortragssälen, auf dem Katheder, vor laufenden Kameras spricht. Bei Harald Lesch ist das, als würden ihm jetzt im Moment die passendsten Formulierungen und Einfälle, die sinnträchtigsten Bilder und unüberbietbar guten Ideen haufenweise ins Hirn einschieße. Und dabei wird immer auch gleich die ganze Palette passender Wörter dazu geliefert, und dies wiederum werden unterfüttert mit sinnvollen Gesten, Augenrollen, Pathos, also langweilig wird es da nie. Oder doch?

Wie er uns zur Besinnung und zur Umkehr aufruft, wenn es um die Klimafrage geht! Manchmal ist er wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Und gleich welches Thema er am Wickel hat, er beleuchtet alles stets mit der scharfen Lampe der Wissenschaft, mit welcher er in jede pervertierte Hirnrinde des homo sapiens hineinleuchtet und Fehler in den Köpfen der anderen entdeckt.

Die Lampe der Wissenschaft, auf sie  verlässt er sich auch bei der Frage um die Corona–Impfung. Da allerdings ging meine Faszination und mein Staunen über so viel Scharfsinn langsam in den Keller und machte einer Fragehaltung Platz. Lesch äußerte sich in einem Video begeistert über die Kunst des Impfens. Sie sei ein Segen für die Menschheit, ganz allgemein. Und plötzlich wird der Mann resolut und lässt keine fragenden Zwischentöne mehr zu, das ist eh seine Sache nicht. Und Leute, die bei der Impffrage einen fragenden Unterton beilegen, lässt er flott über die Klinge springen, sie sind eben keine Wissenschaftler, das genügt, um das, was sie denken, einschätzen, beurteilen und verurteilen zu können. In Leschs Beitrag zur Impffrage hören wir: «Wir sind auf dem Weg zum Kriegsgewinn gegen das Virus.» Beim Impfen gehe es «um eine grundlegende wissenschaftliche Durchdringung eines Jahrtausende alten Rätsels» ja um «ein Mysterium förmlich», und die Wissenschaft hat das Mysterium gelöst und den Menschen Glück und Stabilität gebracht. Warum ich das alles zitiere, hat seinen Grund in der nun folgenden, jede wissenschaftliche Genauigkeit in den Wind schlagenden Bemerkung: «Dadurch, dass wir uns impfen lassen, werden wir wahrscheinlich verhindern, dass wir andere anstecken. In diesem Sinne ist sich impfen lassen gelebte Solidarität.»

Er sagt an entscheidender Stelle «wahrscheinlich» und geht dabei nicht etwa in eine Fragehaltung, sondern holt zu Totalaussagen aus, die den Begriff der Wahrscheinlichkeit ins Absurde verdrehen.

Wahrscheinlich treffen wir auf dem Mars Böden an, auf denen wir Kartoffeln pflanzen können! In diesem Sinne ist die Raumfahrt gelebte Solidarität!! Oder: Wahrscheinlich lassen sich Menschen durch Zwangsjacken endgültig sedieren! In diesem Sinne ist die Psychiatrie gelebte Solidarität!! Und so weiter.

Die beiden Beispiele klingen so, als wollte ich Harald Lesch lächerlich machen. Klar gibt es diese Böden auf dem Mars nicht – aber wie lange hat uns die Wissenschaft der Raumfahrt das Blaue vom Himmel versprochen, wenn es um die Besiedlung von Planeten ging. Klar sind Zwangsjacken etwas vom Grausamsten, was in der Psychiatrie je gegen Menschen unternommen wurde – aber damals, als Zwangsjacken noch als Heilmittel im Einsatz waren, waren die Wissenschaftler, die das vertreten hatten, genauso arrogant wie viele Wissenschaftler heute arrogant sind.

Wenn mir jemand die Coronaimpfung als gelebte Solidarität ins Gewissen redet und sagt, dass ich durch meine Impfung wahrscheinlich dafür sorge, dass ich nicht mehr eine Ansteckungsgefahr für andere sei, kommt das bei mir so an wie wenn mir in meiner Jugend Freunde beim Basteln von Sprecngkörpern sagten, ich solle jetzt einfach mal so ein Cocktail in die Hand nehmen und die Lunte zünden, sie sei wahrscheinlich lang genug, um sie eine Weile in der Hand zu halten und dann  wegzuschmeißen, damit sie weit genug von mir entfernt explodiere. Ich hätte mich nicht darauf eingelassen und den Sprengkörper in die Hand genommen, schon damals nicht. Und heute auch nicht, auch nicht, wenn ich ein kluges Video anschaue. Wenn mir heute ein Wissenschaftler, der nichts anderes tut als in eng getakteten Abständen immer wieder daran zu erinnern, dass er ein Wissenschaftler sei, wenn mir also dieser ‹Wissenschaftler› sagt, wahrscheinlich sei ich durch die Impfung keine Ansteckungsgefahr mehr für andere, dann hat er mir das Einfallstor für alle anderen Wahrscheinlichkeiten geöffnet, die ich zu diesem Thema in letzter Zeit gehört habe. So die Aussage, dass wir mir großer Wahrscheinlichkeit noch mit Überraschungen bei den Nebenwirkungen zu rechnen hätten, wel dazu die Ergebnisse noch nicht da seien, oder dass eine Impfung wahrscheinlich einen alles andere als  zu vernachläßigenden Prozentsatz von Menschen nicht immun mache gegen das Virus, sondern niederstrecke, weil ihr Immunsystem wegen der Impfung kollanbiere und so weiter. 

Ich staune, mit wie wenig Statistik Herr Lesch bei diesen wissenschaftlich doch so diffizilen Angelegenheiten auskommt. Eigentlich bringt er gar keine, aber viel Pathos und Dampf. Doch das erinnert mehr an den oben erwähnten Rufer in der Wüste, der eine neue Religion ausruft, nicht an Wissenschaftler.

Mit skeptischen Grüßen  

Mord

An der Straßenecke blieben wir wie angewurzelt stehen. In der engen Quartierstraße dreißig Meter von uns entfernt versperrte ein Lastwagen den Weg. Neben ihm ein Kran mit einem orangefarben angezogenen Mann hoch oben auf einer schwankenden Stehplattform. Der Kran hatte schon seine vierte Schiene ausgefahren und Mord weiterlesen