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«…kreisen»

Vom «Kreis» zum «kreisen» ist nicht weit. Eins ergibt das andere, auch wenn die innere Logik offen bleibt, unerkennbar, jedenfalls für mich. Wieviele Denker und Tüftler sind seit Jahrhunderten am Problem der Quadratur des Kreises gescheitert und dabei noch nicht einmal ganz verrückt geworden – Umberto Eco könnte darüber einen Krimi schreiben (hat er aber zum Glück nicht getan).

Uns, jedenfalls mir bleibt das Kreisen.

Kreisen um die Gegenwart. Kreisen um die Wahrheit, die wir suchen und gleichzeitig kennen, in uns tragen, aber nicht aussprechen können. Wenn es stimmt, dass wir Katastrophen lieben und wenn es stimmt, dass wir noch etwas lieber echte Katastropen haben als solche mit nur Ketchup und Filmstudio und so, wenn das stimmt, und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dann dürfte die Antwort auf die Frage, warum zur Zeit so viele Menschen auf der Erde sind, leichtfallen. 

Doch um nun nicht in apokalyptische Gedankenspiele zu verfallen, plädiere ich dafür, diesem Gedanken eine kleine Wendung zu geben, denn ich habe vier eigene Kinder und viele andere mir eng ans Herz gewachsene Menschen. Die Nuance oder Wendung würde lauten: Weil wir in so katastrophalen Zeiten leben, wir alle, die Pflanzen, fast alle Tiere, alle, aber auch alle Menschen, weil das so ist, sind so viele Menschen auf dem Planeten parat, um gemeinsam eine höhere, lichtere, geistigere Schwingung über unser gemeinsames, ach so fragiles lichtgrüne Planetenrund zu spannen, jawohl Herr Latour, lichtgrün, nicht terrestrisch braun, wie Sie es gerne hätten.

Die Büchercover und Netzauftritte solcher Schwingungssteigerer sind immer mal gewöhnungsbedürftig, ihre Sprache und ihr Selbstverständnis nicht minder, doch es lohnt sich dennoch hinzuschauen und die Buchtitel und Angebote im Netz – selektiv – zu beachten. Das Selektive entsteht instinktiv durch die Auswahl, die wir treffen. Zumindest auf diesem Sektor haben wir mehr oder weniger alle hellsichtige Fähigkeiten. Ja, da bin ich dann mitten drin im Ringen und Kreisen, Ringen um Verständnis, Kreisen um die immer gleichen Themen, angefangen bei der Geburt und den Zeitzyklen davor, abgerundet beim Tod und der Zeit danach mitsamt Lichttunnel und rückwärtsgespultem Tableau.

…kreisen um die Frage, wer ich bin in diesem ganzen großen Kräftemessen der Kontinente und Kulturen beziehungsweise Unkulturen oder Kriegsgesellschaften. Ich kreise um die Frage nach meinen Wurzeln. Gibt es sie oder waren sie. «Waren» im dem Sinne wie in Hessen, wo es bis vor kurzem Fichten und Fichtenwurzeln gab und inzwischen nur noch tote, von Käfern trockengekaute Fichtenstämme ohne Wurzeln in der Landschaft herumstehen, einer Landschaft, die nie ihre war. Habe ich europäische Wurzeln? Gehöre ich zur westlichen Zivilgesellschaft? Oder sollte ich meine Seele nach Osten hinwenden? Zu Russland? Der Taiga? China? Den Menschen in Russland, den Menschen in der Taiga, den Menschen in China?

Es ist für mich wie ein Mantra geworden, was Ruppert Neudeck einmal bei einem abendlichen Bier in Kassel locker von Hocker meinte: «Die Chinesen werden uns die Butter von den Brötchen holen.» Muss ich davor Angst haben? Brauche ich überhaupt Butter, um zu leben? Um glücklich zu sein? Eigentlich nicht.

Und wie war die andere Hälfte des bedeutungsvollen Satzes von Ruppert Neudeck? Er sagte, die Chinesen würden uns die Butter von den Brötchen holen, da sei nichts mehr daran zu ändern. Und erst recht holen sie den Amerikanern die Butter von den Brötchen, und das ist besonders schlimm, weil ihre Burgerfladen kaum Brot genannt werden können, aber das sagte Neudeck nicht. Seit ich übrigens vor drei Jahren auf der documenta 14 den 16-stündigen Film 15 hours gesehen habe, weiß ich was Neudeck mit den Chinesen und unserer Butter gemeint haben könnte. Aber der zweite Halbsatz, wie war das nochmals: Die Chinesen werden es selber schaffen, Afrika hingegen braucht unsere Hilfe. Das sagte Ruppert Neudeck noch und das scheint genau so wahr zu sein wie das mit den Chinesen und der Butter, wobei ich mich gerade frage, ob in der chinesischen Küche Butter so entscheidend ist, dass sie unsere dazu brauchen, na, egal, sie holen sie trotzdem – nicht anders vermutlich als damals die Einwanderer in Nordamerika, sie töteten alle Büffel und hatten nicht viel davon, sie hatten zwar kurze Zeit das Fleisch und die Felle und die Hörner von 40 Millionen Büffeln, doch davon ist nichts übriggeblieben außer Schande und gelegentlich Scham.

Dies sagt ohne Bitternis und voller Erwartung, welcher Riese auf welche Weise demnächst in der Ecke festsitzt und wie er in der Ecke unbeweglich, aber stolz bis zuletzt, sein Image wahren oder gar retten mag.

Grüße aus sommerlicher Hitze,