Archiv der Kategorie: Blog

Kommt nicht durch

Wieviel Intimität braucht ein Fototermin? Diese Frage hatte ich heute beim Fotoshooting. Zwischen der Linse und mir tausend Wände. Das Ich kommt nicht durch, nicht die Seele, nicht die Gedanken. Meine Lippen bilden einen Wall gegen die Kamera. Sie starrt, bereit alles zu erfassen, was es von mir zu erfassen gibt. Das nützt nichts, die Falten ziehen sich zurück, der Atem kommt zum Erliegen, es will nicht, ich will nicht, obwohl ich will.

Sehe, wie das bei den anderen nur so flutscht, Zahnreihen blitzend im Morgenlicht, der strahlende Tag durch die Linse ins Innere des Geräts strömend, jedesmal als wärs das erstemal, ohne Anstrengung. Das Haar wie natürlich im Wind, die Haut entspannt und die Körperhaltung ebenso. 

Nicht so bei mir, eher wie bei Andy Warhol, nur ohne sein gestyltes Outfit, also seelisch nackt und, was das Endergebnis des Fotos betrifft, unterernährt. Wie doch ganz anders geht es mit mir ab, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Allein. Nur allein.

Es gibt sie auch heute noch, die Eingeborenen, die den offenen Blick in eine Kamera scheuen wie den Blitz, der im Bambusrohr neben ihnen einschlägt. Die ersten Ethnologen kamen deshalb auf die Idee, den Blick der Kamera umzulenken. Sie taten so, als hätten sie etwas irgendwo in der fernen Landschaft im Auge, schauten aber um die Ecke und indirekt auf ihre Opfer, die scheuen Eingeborenen, und in ihre offenen Gesichter. So müsste ein Fotograf mit mir auch verfahren, nur so hätte er eine Chance, mich unverkrampft vor der Linse zu haben.

Oder er müsste ein Diane Arbus sein, die so viel Intimraum mit sich und den Opfern aufbaute, dass das Drücken auf den Knopf der Kamera zur totalen Nebensache geworden war.

Nie wieder Fotoshooting, sage ich mir heute und grüße, herzlich

Traumatisierte Tiere

Was wissen wir über Trauma? Über das Trauma eines Menschen? Über das Trauma eines Tiers? Bei Menschen ist das Wort schnell parat, wir alle haben Entwicklungstraumata und viele von uns haben oben drauf weitere Traumata. Schuld sind die Erbströme, die Familien, Partner, Eltern, Autounfälle, Übergriffe, Unglück und vieles andere.

Bei Tieren scheinen Haustiere durchaus traumabesetzt zu sein, während wir von Wildtieren wissen, dass sie große Schreckmomente wegschütteln. Nachdem eine Gazelle in Todesstarre oder ein Kaninchen vor der Schlange überlebt hat, schütteln sich diese Tiere während mehreren Minuten, schütteln den Schrecken weg und spazieren danach vergnügt davon. Pferde, Hunde, eben Haustiere, reagieren anders. Wir wissen es von Tieren aus dem Tierheim, wie verstört und gestört diese sein können.

Auch Kulturfolger mögen Traumatisierungen mit sich herumtragen, Vögel in unmittelbarer Nähe zu den Menschen, Füchse, Tiere, die wir wie Ungeziefer behandeln. Von Bären in Kamtschatka ist bekannt, dass solche, die noch keine Erfahrungen mit Jägern und Gewehren haben, äußerst vertrauensvoll und freundlich mit Menschen umgehen und keinerlei Störungen, also vermutlich auch keine traumatischen Schäden aufweisen. Sobald Erfahrungen da sind – und Erfahrungen mit Menschen sind für Wildtiere fast immer problematisch –, sind sie verändert, anders, gefährlich, verschlagen, unberechenbar.

Die Arbeit an und mit Trauamata ist für das eigene Leben von Bedeutung. Kein Wunder, warum heute so viel über diese Dinge gesprochen, geschrieben und therapiert wird. Diese Arbeit soll vorangehen, eine Bedeutung erlangen, bis wir, die wir vom Leben und den Mitmenschen gezeichnet sind, wieder anders aus der Wäsche schauen. Und bis diese Arbeit auch auf das Zusammensein mit Tieren gute Auswirkungen zeigt…

Gruß

Beim Fingernägelschneiden

Mich erschleicht ein herrliches Gefühl, wenn ich mir die Fingernägel schneide. Es soll so viel von ihnen weg, bis die Nägel schön kurz sind. Doch es darf nur so viel weg, dass es sich angenehm anfühlt, denn zu kurze Nägel tun solange weh (nicht die Nägel, vielmehr die in Mitleidenschaft gezogene Haut darunter), bis die Nägel wieder nachgewachsen sind. Beim Fingernägelschneiden weiterlesen

«Live for today!»

Manche Teebeutel der Firma Sonnentor sind mit kleinen Merksprüchen versehen. Auf der einen Seite steht das englische Original, auf der anderen die deutsche Übersetzung davon. Weil die Übersetzungen teilweise sehr schlecht sind, geben sie Anlass zu Überlegungen, während Du so Deinen Tee schlürfst. «Live for today!» weiterlesen

Geistesgrößen segmentiert

Heute am Mittagstisch erzählte der Gast von einem Seminar mit einer berühmten Performerin, die sich mit Joseph Beuys und Rudolf Steiner beschäftigt. Sie habe erzählt, dass sie bei den beiden Geistesgrößen ihr Werk und die unproblematischen Seiten ihres Lebens von dem trenne, was man ihnen wegen ihres Nationalismus und Antisemitismus vorwerfe. Geistesgrößen segmentiert weiterlesen

Freiflug

Wie weit es mit der Freiheit der Vögel sei und inwieweit sie sich gegenseitig engmaschig kontrollieren, überlasse ich den Vogelkundlern zur Beurteilung. Dennoch, ich nehme an, dass das Leben der Vögel, wie das der meisten anderen Tiere, wenig von der Freiheit bestimmt sei. Freiflug weiterlesen

Johannikäferchen, das war einmal

Ich erinnere mich gut an die Johannitage in meiner Kindheit in den Bergen. Die Wiesen waren frischgemäht, wir rannten abends noch lange barfuß herum und verfolgten belustigt Leuchtkäferchen. Wir sammelten sie in Gläsern und kippten sie auf dem Esstisch vor dem Haus aus. Von unserem Schlafzimmer im ersten Stock aus konnten wir durch die geöffneten Fenster runterschauen und beobachten, wie die Käferchen in die Ritzen Johannikäferchen, das war einmal weiterlesen

Die Shrimps

So funktioniere das Hirn, erzählte Gerald Hüther einmal in einem seiner Vorträge, in denen es ihm manchmal eher um die Belustigung des Publikums geht als um die Mitteilung von Fakten: Der Mann ruft in der Anwaltspraxis seiner Frau an, die sehr busy ist. Er sagt: «Du weißt, dass wir heute Besuch zu Hause haben.» «Gut, dass Du mich daran erinnerst», sagt die Gattin, «ich geh dann noch schnell einkaufen, ok?» Und so kauft sie nach Büroschluss ein und trägt zwei Tüten durch den Centralpark nach Hause, in ihnen gibt es Sekt, Snacks, einen Salat, Avocados und Zitronen. Sie hat an alles gedacht. Es dunkelt schon, ein Mann tritt aus einem Gebüsch, stellt sich ihr in den Weg, reißt den Mantel auf, er ist ein Exhibitionist. Sie denkt: «Mist, ich hab‘ die Shrimps vergessen!» Die Shrimps weiterlesen