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Sterben

Zur Farbenpracht und der samtgelb durchleuchteten Seele beim Anblick der ineinandergehenden Äste und Zweige des kleinen Ahornbaums mit den roten Blättern und dem Essigbaum daneben mit dem warmen Gelb gehört der Hinweis auf deren Verblassen.

Dies ist inzwischen wie eine Musik im Freien geschehen. Keins der Blätter, die vor einigen Tagen noch ihr fast materielos gewordenes Licht in den Kosmos gespreitet haben, hat sich schmerzlos vom Holz gelöst. Jedes Blatt fühlte sich zum Zweig, Ast und Stamm, an welchem es gelebt hatte, dazugehörig. Es wäre, hätte es wünschen dürfen, dran haften geblieben, um dadurch ein Stück Ewigkeit für sich zu retten. Doch die Blätter all der Bäume, die auf den Winter hin kahl werden, wissen um ihre Lebenszeit und gehen gemeinsam und jedes einzelne Blatt für sich, durch ein langes herbstliches Sterben. Das rührt mich an, wenn ich durch die Wälder gehe oder in die Gärten vor dem Fenster schaue.

Vermutlich ist noch keinem Blatt je in den Sinn gekommen, mehr vom Leben zu haben, indem es unsterblich oder wenigstens das Leben verlängern würde. Das tun nur Menschen. Im Transhumanismus oder in Silicon Valley glaubt man, die Überwindung des Todes sei eine Qualitätsverbesserung des Lebens.

Die Blätter sind bescheiden, eingebunden in das rhythmische Wach- und Schlafleben des Universums, aus dem sie kommen und in das sie gehen. Jeden Herbst gäbe es da viel für uns zu lernen. Hilde Domin hat gezeigt, wie genaues Hinschauen geht, als sie das kleine Gedicht schrieb: Es knospt unter den Blättern, das nennen sie Herbst.

‚Sie‘ meinen, den Tod überwinden zu müssen. Wenn es nach ihnen ginge, gäbe es keinen Herbst. Dabei treibt unter dem Sterben, das manche melancholisch, andere depressiv stimmt, knospend neues Leben. Es wäre vermessen zu glauben, das sei ein durchgehend schöner Prozess. Er ist es nicht, weder für uns Menschen noch für die inzwischen am Boden verwelkenden farblosen Blätter, die von den eben noch geleuchtet habenden Bäumen in unserem Garten zu Tode gestürzt sind.

«Auf dem faslchen Dampfer»

Das  mag ich gar nicht, wenn jemand an meiner Maske rummacht, auch wenn er oder sie es nur mit Worten tut.

Für unseren Besuch heute, der zum zweiten Frühstück eingeladen war, ging ich extra zur Bäckerei Streiter. Die haben diese neckischen kleinen Partybrötchen! Ich zog vor dem Laden die Maske auf, ging hinein und sagte: «In ihrer Bäckerei gibt es doch diese Partybrötchen, davon hätte ich gern eine Tüte voll.» Die Verkäuferin hinter der Theke war kleiner als ich, adrett, jung und aufgeräumt, schöne Augen, der Rest war verschleiert nach Vorschrift.

«Das geht nicht, man sieht noch was von Ihrer Nase,» gab sie zur Antwort. Dort, wo sonst ihre (vermutlich knallrot geschminkten) Lippen zu sehen wären, waren auf ihrer Maske knallrote Lippen aufgemalt und auf diesen Lippen der Firmenstempel der Bäckerei.

«Und ich sehe ihren Mund, das geht auch nicht,» feixte ich und meinte schon, mein Späßchen habe gesessen. Doch schneller als gesehen schaltete sie auf He-Du-Scheiß-Typ-Lass-Mich-In-Ruh um und ließ mich kalt stehen.

Dabei hatte sie angefangen. Und wenn sie meinen Scherz nicht versteht, ist sie selber schuld. Ich kam mir vor wie ein Dandy, wie Heiner Müller, der Theatermann und wortgewandte Sachse, der heute einundneunzig wäre, würde er noch leben. „Ich war aus Sachsen gewöhnt, wenn man ein Mädchen sieht, quatscht man die an,» schreibt er in seiner Autobiografie Krieg ohne Schlacht, «das habe ich in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße genauso gemacht. Ich habe eine angequatscht, die mir gefiel, und die sagte: ‹Mein Herr, Sie sind auf dem falschen Dampfer.› Das war für mich Berlin.»

Ich lebe noch und dies in Kassel. Hier in der Provinz quatscht man Mädchen nur an, wenn sie einen wegen der Masken angreifen – ich jedenfalls.

Einheitssprache

Die Bedienung war nett. Dreimal im Vorbeigehen hatte sie gefragt, ob es schmecke. Wir sagten jedesmal begeistert ja. Als wir zahlen wollten, fragte sie, ob wir die Zettel ausgefüllt hätten. «Ne, welche?»

«Die da auf dem Tisch. Ohne ausgefüllte Zettel lass‘ ich Sie hier nicht raus.» Immerhin, sie lachte.

«Würden Sie uns festhalten, wenn wir trotzdem gehen?»

«Das ist wirklich der Wahnsinn mit diesen Zetteln, so eine Umweltverschmutzung. Da hatten wir gerade mal ein bisschen was erreicht mit dem Abfall und dem Klima und jetzt diese Mundschutzmüllberge und jeden Abend schmeißen wir stapelweise Papier mit Unterschriften weg, die unsere Gäste wegen staatlich verhängten Infektionskettenrückverfolgungsnachweispflichterfüllungszwangs vollschreiben. Aber vom Klima redet niemand mehr.»

«Die Luft ist sauber wie schon lange nicht mehr. Wir haben also doch was erreicht.»

«Ja ja, ne aber trotzdem, vom Klima und von der Umweltverschmutzung redet niemand mehr. Das ist echt der Wahnsinn.»

***

Am Ausgang saßen vier Musiker. Klassisches Quartett. Die Instrumente lauerten eindrucksvoll um die Stühle herum. Diese Musiker kannten die Einheitssprache auch schon. Waren frisch aus Brüssel zurück. Konzert in einem der besten Konzertsäle Europas. Der Hausmeister habe sie mit dem Zollstock bis auf die Bühne verfolgt. Dort habe er für die erste und die zweite Geige und die Bratsche im Abstand von zwei Metern Kreidekreuze auf den Boden gemalt und das Kreuz für das Cello sei dann leider schon mehr als sechs Meter vom Kreuz für die erste Geige entfernt gewesen.

«Wir können so nicht spielen,» sagten die Musiker zum Hausmeister.

«Den Abstand müssen Sie einhalten, sonst unterbreche ich mitten im Konzert.»

«Wir können so aber nicht spielen, das wird nichts. Und überhaupt, Sie waren vorhin bei uns in der Garderobe, die Ihr Haus uns fürs Umkleiden und Einspielen zur Verfügung stellt. Der Raum ist so klein wie ein Klo und wir waren dort die längste Zeit zu viert zugange! Außerdem sind wir stundenlang in einem Auto hierher gefahren und werden morgen im gleichen Auto wieder nach Deutschland zurückfahren.»

«Ja ja, ne aber trotzdem, den Abstand auf der Bühne müssen Sie einhalten.»

Und wie bist du so unterwegs? In der Einheitssprache angekommen? Ja? Ne? Oder trotzdem?