Archiv der Kategorie: Blog

Hängen in den Widerlagern

In der Gesellschaft, im Freundes- und Familienkreis, mit den eigenen Eltern und Kindern, in der Beziehung, überall drohen Widerlager, in denen die einzelnen hängenbleiben. Es ist zum Aus-Der-Haut-Fahren. Und es ist auch eine Freude, denn, wie Hölderlin sagte, wo Gefahr ist, ist das Rettende auch. Und retten kann mich nur noch die Besinnung auf mich und meine mir gegebenen Möglichkeiten, die ich in mir wachsen lassen muss, um im rechten Moment aus ihnen schöpfen zu dürfen.

Ein Freund erzählte, dass er sich nicht habe impfen lassen, während sich seine Frau zur Impfung entschlossen habe. Er beschrieb Veränderungen an ihr bis in die Gesichtszüge hinein. Irgendwie erkenne er sie seither nicht wieder. Er wisse nicht, wie sie es weiter miteinander schaffen würden. Nur die Liebe könne sie noch retten. Damit hat er ins Schwarze getroffen.

Eine Freundin gestand, dass sie sich habe impfen lassen. Ihr Vater sei ein schwerer Risikopatient, sie wolle ihn weiterhin besuchen dürfen. Ihre Lieblingstante sei an der Krankheit gestorben, weil sie nicht geimpft gewesen sei. Deshalb ihr Entschluss zur Impfung, auch wenn ihre Freunde einen anderen Weg gingen. Nun fühle sie sich einsam und wisse nicht, wie sie wieder Anschluss finde.

Die Liebe muss nicht daherkommen wie in einem Kinofilm. Es genügt, wenn ich die Entscheidungen meiner Freunde, Kinder, Eltern, ja meines Lebenspartners oder meiner Lebensgefährtin nicht nur akzeptiere, sondern ihnen Respekt zolle und sie so, wie es mir möglich ist, positiv trage. Diese Liebe tut heute not. Doch genau und nur diese Liebe bringt uns alle weiter und lässt uns Menschen bleiben in einer Zeit, in der viel Unmenschliches geschieht.

Helge in den Katakomben

Gestern war ich in Deinem Konzert, Helge. Hier in Kassel, unten neben der Fulda auf der Hessen-Kampfbahn hinter der Orangerie. Beim Stichwort ‹Kassel› bist Du immer schon und so auch gestern mit liebevoll abschätzigen Töne dabei, diesmal sogar mit einem eigens dafür komponierten «Kassellied» (ein paar Akkorde und Clusters am verstimmten Flügel und dabei viermal hinterereinander abgehackt das Wort «Kassel» ins Mikro gebrüllt, mehr war’s denn doch nicht).

Ich hatte im Vorfeld dieses Konzerts mitbekommen, dass Du in diesen kunstfeindlichen Zeiten keine Lust mehr auf Konzerte hattest. Streaming und andere publikumsferne Kunstgriffe seien Deine Sache nicht. Ist ok bei so alten Herren, wie Du inzwischen einer bist, ist bei Peter Handke, der noch etwas älter ist, auch nicht anders, er mag die neuen Medien nicht, schreibt immer noch ohne PC, Notizblock und Bleistift seien erotischer. Und Du, Helge, findest echtes Publikum und echtes Rumschrammeln auf Deinen Instrumenten besser als Digitalplattformen und Playback…

Nun, ich bin im Nachhinein etwas demprimiert. Mit was für einem selbstauferlegten Maulkorb Du Dich durch Deine Show laviertest. Das war gekonnt, doch es war nicht der Helge, der triumphierend in die Öffentlichkeit zurückgekehrt ist, denn sonst wäre Dein gestriges Konzert anders ausgefallen. Ich hätte nicht nur gelacht (das habe ich und das ist in diesen Zeiten schon sehr viel wert), ich hätte auch Deinen gesunden Menschenverstand erlebt (doch den hast Du irgendwie hinter einem Schleier der Unverbindlichkeiten versteckt gehabt). Bist in den Katakomben geblieben, obwohl Du auf einer großen Bühne standest. Mir ist klar, Du würdest, je nachdem wie Du zu gewissen Öffentlichkeitsfragen Stellung bezogen hättest, nicht nur durch den Kakao gezogen werden, man würde Dich fertig machen, so sehr fertig machen, dass ich lieber heute etwas deprimiert bin anstatt Dich in Gefahr zu wissen. Du weißt, was Du tust. Ich fühle mich nicht autorisiert, das zu kritisieren.

Aber ehrlich, wenn das so weiter geht, geht das so nicht mehr weiter, auch nicht mit einer so freien Gestalt wie Du sie für immer warst. Ich hatte bis gestern noch bei keinem Deiner Konzerte im Nachhinein die Frage, wofür ich so viel Geld ausgegeben hätte? Gestern hatte ich sie.

Dennoch, lieber Helge, danke, vor allem für die Nummer an Deiner herrlichen Orgel, da habe ich für einen Moment lang alles um mich herum vergessen,

herzlich

Niveau

Gerade eben ist bei uns im Wohnzimmer der Moral-o-mat umgefallen, dieses Ringbuch mit den drei Spalten, wo beliebig viele Varianten aufeinenader bezogener Worte und Satzteile zu mehr oder weniger sinnigen oder sinnentwerteten Sätzen gelegt werden. Der Zufallssatz, der beim Aufheben des Moral-o-mat vom Boden lesbar wurde, lautet: «Ungerechtigkeit ist sozusagen zutiefst menschlich» Niveau weiterlesen

Ich bin meine Freunde

Was sind heute Freunde? Es sind Menschen, denen ich mich gründlich zumute, bei denen ich mich aktiv melde und denen ich versichere, dass der Austausch mit ihnen lebenswichtig für mich sei, egal was sie von der Regierung halten und wie sie über manche der für uns alle lebenwichtigen Dinge denken. So mit Freunden umzugehen ist für mich komplett neu! Ich bin meine Freunde weiterlesen

Affen hier wie dort

«Ein Buch ist ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraussehen», sagte der für seine scharfen Sprüche bekannte Lichtenberg einmal.

Lichtenberg trifft die Sache auf den Nagel, sagen versierte Bücherleser erfreut. Ein Affe bleibt ein Affe. Und wenn sich ein solcher hinter Bücher klemmt, kommt nichts Gescheites raus. Affen hier wie dort weiterlesen

Gefühl und Emotion

Es sei sehr schwer, «ein einziges wahres Gefühl zu leben, es zu sein, als noch so viele Gedanken zu reden, die doch nur gipserne Tauben sind, unfähig, auch nur einen einzigen Flügelschlag ins Leben zu tun». So schrieb Albert Talhoff in der Neujahrsnummer einer Zeitschrift, die 1964 in den westdeutschen Kiosks auslag. Gefühl und Emotion weiterlesen

An die siebzig

In Tagen wie diesen gehen in unserem Garten jeden Abend an die siebzig Nachtkerzen auf. Sie grüßen frisch und unaufdringlich den Himmel über uns. Und sie leuchten in die Nacht – und in unsere Augen, wenn wir dem Schauspiel zusehen. Auch in die Seelen. An die siebzig weiterlesen

Einem Braten trauen?

Wie soll ich dem Braten trauen, wenn das, was wie ein Braten aussieht, nach etwas ganz anderem riecht?!

Maschinen würden uns Arbeit abnehmen, glücklich machen, von einer schweren Vergangenheit befreien, höre ich. Seit ich auf der Welt bin, gibt es kaum andere Töne. Nach der Theorie, dass mehr Glück ein Einem Braten trauen? weiterlesen

Kommt nicht durch

Wieviel Intimität braucht ein Fototermin? Diese Frage hatte ich heute beim Fotoshooting. Zwischen der Linse und mir tausend Wände. Das Ich kommt nicht durch, nicht die Seele, nicht die Gedanken. Meine Lippen bilden einen Wall gegen die Kamera. Sie starrt, bereit alles zu erfassen, was es von mir zu erfassen gibt. Kommt nicht durch weiterlesen