Weltverbesserers Demut

Kürzlich bekam ich eine Rückmeldung auf einen der letzten Tagesgedanken, wo ich fragte, was uns Menschen eigentlich davon abhalte, an der Kluft zwischen großen Menschheitsidealen und dem privaten, oft mühsamen Alltag zu zerbrechen?

Der gute Bekannte schrieb, er zerbreche nicht am Alltag, weil er wisse, dass er den grossen Menschheitsidealen nie gerecht werden könne. Und er fügte lakonisch hinzu, alles andere wäre für ihn eine Überforderung, bzw. eine Anmaßung.

Das saß, vor allem der Hinweis mit der «Anmaßung». 

Ich muss erwähnen, dass der Mann, der diese Zeilen schrieb, in seinem Leben Großes geleistet hat, was dem nahe kommt, was ich mit Menschheitsidealen meinte.

Die Malerin Paula Modersohn-Becker schrieb ihrer Schwester einst in einem Brief: «Man tut eben, was man kann und legt sich dann schlafen. Und auf diese Weise geschieht es, dass man eines Tages etwas geleistet hat.»

Nix mit dramatischem Ringen, keine Rede von Menschheitsidealen. Die Malerin erwähnt das Schlafen und Wachen und das Lassen und Tun dazwischen, so wie es der Alltag eben zulässt mit seinen Phasen der Anspannung und Entspannung. 

Diese Haltung dürfte es sein, die uns etwas tun lässt, ohne dass wir damit an das Große rühren – und es vielleicht gerade dadurch berühren.

«Das Tagewerck, dieses Tagewerck…«, das war auch für Goethe das Wichtigste, dieses unbedeutende, manchmal kleine Tagwerk. Goethe meinte damit die kleinen Schritte, die langsam einen Weg ergeben. Übrigens ging der große Goethe zeitig – sehr zeitig – zu Bett. Er sorgte vor, damit er am nächsten Tag mit frischer Kraft und neuem Mut die nächsten kleinen Schritte tun konnte.