Ich will meine kritische Bemerkung zu Ferdinand von Schirachs Bestseller Der stille Freund nicht länger hinausschieben. Anscheinend wäre mir wohler, ich hätte nichts angekündigt. Nun, ich habs getan und lasse deshalb am besten gleich die Katze aus dem Sack.
Was in Schirachs Buch als Engangement und Liebe zur exakten Beschreibung daherkommt, auch da, wo es um Abgründe geht, ist, wie mich dünkt, letztlich doch nur Marketing. Beim Wort «Marketing» unterscheide ich zwischen Verleger*innen, die alles für das Marketing in die Waagschale werfen müssen, und Autor*innen, die verloren sind, wenn sie beim Schreiben ans Marketing denken (was selbstverständlich viele tun).
Schirach hat ganz bestimmt an die Vermarktung seines Textes gedacht. Dies lässt sich an der Art und Weise, wie er über das Grauen der Hamas am 7. Oktober 2023 schrieb, zeigen. Ich glaube noch nicht einmal, dass es Instinkt war, es war vielmehr Kalkül, dass er bei diesem Thema eine klar proisraelische Haltung einnahm. Er schildert das Grauen der fanatisierten Hamasanhänger bis in die schrecklichen Details. Das gleiche Grauen auf der Gegenseite erwähnt er mit keiner einzigen Silbe.
Darf er auch nicht, wenn er sein Buch auf dem Podest sehen will. Hätte er seine Position, die auf der ganzen Linie der sogenannten Deutschen Staatsraison entspricht, auch nur um ein menschliches Haar aufgeweicht und den Gesamtzusammenhang wenn nicht erläutert, so doch zu erläutern versucht, wäre das Buch gar nicht erst erschienen.
So, wie er es gemacht hat, hätte er die Sache jedoch lassen sollen. Er ist einfach nicht fair, ja er ist doppelt unfair, weil er sein Kalkül als Menschenliebe verkauft.
Wenn nun jemand mit Peter Handke kommt, der in den 1990er Jahren im Jugoslawienkrieg für Serbien Partei ergriffen und damit weltweit harsche Kritik geerntet hat, und wer damit behaupten möchte, dass engagiertes Parteiergreifen zum Handwerk von Schriftsteller*innen gehöre, hat vergessen, dass Handke damals den a priori Diskreditierten eine Stimme gab, während Ferdinand von Schirach, wie gesagt, nichts als eine unglückliche Deutsche Staathaltung repräsentiert – wahrlich eine Hinterhältigkeit, die es mir leicht macht, das Buch in die Kiste vor unserem Gartenzaun zu geben, wo all das Zeug hinkommt, das bei mir keinen Platz hat.
