Unvergorenes Vergorenes

Liebesbriefe von Jugendlichen bergen tiefe Wahrheiten über die Liebe. 

Wenn ich beim Lesen solcher Briefe einmal innehalte, denke ich unwillkürlich an Romeo und Julia.

Zwischen diesen liebefähigen jugendlichen Menschen war Liebe (LIEBE groß geschrieben, tausendmal wiederholt und unendlich ins Hohe gehoben).

Bisher habe ich geglaubt, was die Literaturwissenschaft behauptet, dass nämlich ein alter Familienzwist der Grund für die Zerrüttung dieser Liebe gewesen sei, der uralte Konflikt zwischen den Montagues und den Capulets. 

Seit einer halben Stunde denke ich es so, dass das Beispiel von Romeo und Julia für uns alle das Schiboleth unserer Suche nach Liebe sei.

Wenn dem so ist, dann ist jeder Versuch einer Liebe der gescheiterte Versuch dieser beiden unglücklich Liebenden.

Kennen wir es nicht aus unserem eigenen Leben? Hat nicht auch bei uns der Spaltpilz der Familien die Liebe zerstört? Und wenn nicht explizit die Familien, dann eben die Sozialisierung, die uns braingewasht hat.

Zur Sozialisierung gehört vorerst die Familie, dann aber auch die uns vorangegangenen Generationen, die Kirche (die auch heute immer noch sublim mit den Fingern im Topf rührt, auch wenn wir uns meilenweit von ihr entfernt wähnen), die Schule, die Berufsabschlüsse und Studienabschlüsse und nicht zuletzt – und das tut mir besonders weh – die Art, wie wir von Geburt an zu Buben und Mädchen gemacht wurden, mit der Folge, dass wie später als Männer und Frauen nichts so sehr suchen wie die früh verlorene Liebe.