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Das Thema macht die Musik

Das Thema macht die Musik – das gilt für das Schreiben genauso wie für das Kompomieren. 

Ich komme gerade aus meinem Provinzbuchladen aus der Wolfhagerstraße. Dort liegt neben der Kasse – genau dort, wo man den Geldbeutel mit der Scheckkarte hinlegt, um zu bezahlen, genau dort, wo man ohne zu überlegen das Buch, das zufällig dort liegt, nimmt und mitbezahlt und sich zu Hause fragt, wie ist dieses Buch zu mir gekommen, ganz genau dort, wo in allen kleinen und großen Buchläden zur Zeit ebendieses Buch liegt und blindlings unter die Leute gerät – ein gelbes Buch, Büchelchen könnte man schon fast sagen. 

Thema des Buches: Wie können wir friedlich miteinander leben? Ein kleiner Junge lernt Demokratie. Wenn das kein wichtiges, gutes, entscheidendes, geradezu überfälliges Thema ist.

Autor des Buchs: Ferdinand von Schirach. Er hat wieder einmal das Thema getroffen.

Und daneben ich mit meinen Themen, hm …

Gerade eben habe ich mich gefragt, ob es Antisemitismus wäre, wenn ich schriebe, die Regierung und das Militär in Israel sollten sich dringend was abschneiden von der bedingungslosen Menschenliebe jener wunderbaren Jüdin namens Simone Weil.

Das ist kein schirachsches Thema – für mich ist es trotzdem eins.

Flugzeuge und Regenwürmer

Nach grippigen Ostertagen ist seit heute ein kleines Auferstehungsgeschehen ingang: Der Frühling ist wieder etwas, das in meinem Inneren schafft, nicht nur draußen, wo es an allen Ecken frühlingelt.

Früh am Ostermorgen waren wir mit schniefenden Nasen in einer Waldlichtung und ließen ergriffen das Sonnen-Aufgangs-Geschehen (ein großes Auferstehungsgeschehen) auf unsere Gemüter wirken. 

Mittendrin schaute ich senkrecht über mich in den Himmel und dachte: «Ostern? In Kassel ist Ostern, wenn es mehr Kondenzstreifen am Flugzeughimmel gibt als Regenwürmer auf (genauer: in) der Erde.»

 

 

Sinkflug, ok

A: Solange sich gewisse Leute einfach weiterhin das holen, was sie für sich brauchen …

B: Sie schaden auf lange Sicht der Wirtschaft …

A: Und die ist langsam auch durch Steuern nicht mehr zu steuern.

B: Es ist keine Änderung in Sicht. Ein Sinkglug ohne Ende wird kommen.

A: Sinkflug wäre gut, nur ein Absturz wäre schlecht, das haben schon die alten Bauern in den Bergen gesagt. Manche von ihnen wollen nicht immer mehr Subventionen, sondern wieder Produktionsverhältnisse, die dem Leben entsprechen.

B: Manche vielleicht. Die meisten wollen mehr haben …

A: … und provozieren dadurch sowohl den Sinkflug als auch die Gefahr eines TOTALABSTURZES.

B: DU WEIßT JA GAR NICHT, WAS DU REDEST.

A: WARUM NICHT?

B: WEIL SICH NIEMAND DEN TOTALABSTURZ AUSMALEN KANN …

Nur Akten, nicht das Leben selbst

Bei den Epstein Files handelt es sich um Akten, Unterlagen, Dokumente.

Wieso sprechen sie nicht von den Epstein Taten?

Es ist leichter, über Akten zu reden als über wirkliche Lebensvollzüge, Akten sind ja doch nur Papier, und Papier ist geduldig. 

Das Leben selbst hingegen kann unendlich weh tun, es verschlägt einem manchmal den Atem, beraubt einen der Worte, schafft oft Gefühle der Ohnmacht, Trauer, Wut.

Deshalb Epstein Files, weil das, was Epstein mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alles getan hat, macht schwer und hinterlässt Schmerzspuren. 

Stell dir vor …

Stell dir vor, deine Eltern wurden an Flüssen geboren, etwa die Mutter an der Lippe und der Vater an der Liebe. Solche Details sind prägend für das Leben und vererben sich transgenerational an die Folgegenerationen. 

Meine Eltern wurden nicht am Wasser, sondern im Gebirg geboren.

Auch das überträgt sich, egal ob man am Ort der Herkunft bleibt oder, wie ich es getan habe, das Weite sucht. 

Turtle Island

So richtig fiel mir das Problem erst nach der Lektüre von Aby Warburgs Reisebericht Schlangenritual auf. Er beschreibt darin Rituale, die Pueblo-Indianer in Amerika mit lebenden Giftschlangen durchführten, um dadurch Regen anzuziehen – ein faszinierender Bericht, dünkt mich. 

Während des Lesens kamen mir drei Fragen:

  1. Pueblo?!
  2. Indinaner?!
  3. Amerika?!

Die Menschen dieser Rituale haben nichts mit Spanien zu tun («Pueblo» = span: Dorf), nichts mit Indien (die barbarischen Europäern glaubten bei ihrer Ankunft auf diesem Kontinent, sie hätten Indien entdeckt), nichts mit dem Namen Amerika (dieser Name stammt vom florentinischen Kaufmann Amerigo Vespucci (1454–1512), der erkannte, dass die von Christoph Kolumbus entdeckten Gebiete nicht Asien, sondern ein anderer Kontinent waren; nach seinem lateinisierten Namen Americus Vespucius wurde der Kontinent Amerika benannt).

Wie rede ich über diese Indigenen, wenn es weder Indianer noch Pueblo-Indianer noch Amerikaner waren? Wie nannten sie sich selbst, und wie nannten sie ihr Land.

Sie nennen ihr Land Turtle Island, Schildkröteninsel.

Der Mythos, der hinter diesem Namen steht, ist bewegend und berührend – du kannst ihn auf Wikipedia nachlesen, oder bei Google oder ChatGPT. Auch andere nordamerikanische Konzerne klären dich gerne darüber auf. 

Du kannst also bei Konzernen, die von Nachfahren abtrünniger und krimineller Europäer gegründet wurden, nach der eigentlichen Geschichte dieser ureinheimischen Enthnien googlen und dir erklären lassen, was es mit Turtle Island auf sich hat.

Schulstreik gegen Wehrdienstpflicht

In Kassel gab es kürzlich einen Schulstreik gegen die Wehrdienstpflicht. Ich dachte sofort an Hermann Kükelhaus, als ich das Plakat las. Er hatte, als er noch nicht eingezogen war, gehofft, auch in den Krieg zu gehen – weil alle anderen zur Verteidigung des Landes, wie es hieß, eingezogen worden waren. Er selbst war jung und gesund und weitgehend angstfrei. Und er hatte ein schlechtes Gewissen. Doch das brauchte er nicht allzulang zu haben, denn mit 21 war er bekanntlich als einfacher Soldat bei der Russlandoffensive mit dabei. 

Die Zeit, als ich am Buch über ihn schrieb, verdünnt sich, wie Blut, das durch Medikamente verdünnt wird. Es ist gut so, das Buch soll seinen Weg gehen. Ich bin frei für anderes.

Doch jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit stehe ich vor dem Foto des kleinen Hermann, das im Buch auch abgebildet ist, und sinne nach:

Von der Trauer, Kraft und Unschuld und kosmischen Eingebunden, die mir aus diesem Bild entgegenstrahlt, lasse ich mich noch lange weiterbewegen und inspirieren.

Wo mag sie hundert Jahre später sein, diese kosmische Kraft und Unschuld des damals eineinhalbjährigen Kindes?

Und: wie stelle ich mich selbst in eine solche Kraft hinein?! 

Darüber denke ich nach, während meines Traumaschüttelns, das ich beim Betrachten dieses Kindes praktiziere.

Gruß 

«… anzetteln»

Wenn es um aktuelle Meinungen geht, stehen «die» Medien im Fokus.

Medien und Meinungsbildung sind die zwei Seiten einer Medaille.

Man kann von Meinungsmache reden, das hat einen negativen Touch.

Man kann auch von Bildung sprechen – eben: Meinungsbildung.

Zeitungen und Fernsehen, auch Radio und andere Medien werden oft beargwöhnt, «etwas» in Gang zu setzen, eine «Sache» einzuleiten, zu «Dingen» anzustiften, «Taten» anzuzetteln. 

Dass durch Worte Kriege angezettelt werden, ist wenig bewusst, weder im Moment, wo es geschieht, noch später, wo die Weltgeschichte in dieser Weise gedeutet wird. 

 
 

Überlegenheitsgefühle

Ein Leben ohne Maschinen ist heute nicht möglich.

Ein Leben mit weniger Maschinen hingegen ist möglich.

Meine Lebenserfahrung ist, dass ein Leben mit weniger Maschinen einen Mehrwert generiert.

Diese Erfahrung verschafft mir Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Transhumanismus.

Kommt zurück nach Europa

Vor zwei Monaten führte ein jüdischer Forscher, seines Zeichens Professor in London und Begründer eines Instituts zur Geschichte der Palästinenser – ich lasse seinen Namen weg, um in keine Richtung zu polemisieren –, aus, dass das Problem der Israelis im Nahen Osten nur dadurch auf eine Lösung zugeführt werden können, wenn wir in Europa uns dieses Problems annähmen und die Juden, die sich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus Europa vertrieben fühlten, einlüden, wieder bei uns in Europa zu leben. 

Als ich das hörte, merkte ich 1), dass ich wie aus einem Reflex heraus «Halt stopp» flüsterte und dachte, einen solchen Schritt könnte ich nur befürworten, wenn die Zurückkehrenden keine Sonderrechte und Alleinstellungsmerkmale für sich beanspruchten (ich denke, diese Reaktion ist auch auf das Agieren federführender Juden in Deutschland zurückzuführen, die alles unternahmen, um die documenta 15, die mir so sehr ans Herz gewachsen war und deren unendlich viele Veranstaltungen ich täglich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen verfolgt und besucht habe, in Grund und Boden zu verunglimpfen). Ich merkte aber auch, dass dieser Gelehrte 2) den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. 

Und mir kam ein Artikel in den Sinn, den Imre Kerzész im Jahr 2000 nach seinem ersten und einzigen Israelbesuch in der Zeit publiziert und darin gesagt (geschrieben) hatte, wenn wir in Europa uns das Nahostproblem vom Hals halten würden, werde dieses Problem zuletzt in Europa ausgetragen werden.