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greifen und laufenlassen

«Wenn du einen Roman schreiben willst, musst du der Lokführer sein», sagte einst Erich Kästner einem Jungen, der ihn fragte, wie er denn eigentlich seine Bücher schreibe. 

Lokführer*in musst du also sein, oder, an Olympia 2026 angepasst, Skifahrer*in. 

Mit den Skiern kommst du am schnellsten voran, wenn du sie laufenlässt. Kanteneinsatz verlangsamt das Tempo, es braucht ihn aber, um die nächsten Kurven zu kriegen. Das optimale Verhältnis zwischen Kanteneinsatz und Laufenlassen macht den Unterschied zwischen denen, die auf dem Podest stehen und den vielen anderen.

 

Beim Schreiben sind es nicht die Kanten, sondern die Weichen – wie beim Zugfahren. Du musst Weichen stellen, damit deine Geschichte Fahrt aufnehmen und, im besten Fall, dahinrauschen kann wie ein TGV oder ein Albatros über den Wellen des Pazifiks.

Zu viele Weichen vermindern das Tempo und das Ziel rückt in die Fernen. Doch wenn du zu wenige oder die falschen Weichen stellst, kommt der Zug erst recht nicht an.

Ich fühle mich beim Schreiben weder als Zugführer noch als Skifahrer, sondern wie eine Mischung aus Lokomotive, die losdonnern will (die Batterien sind aufgeladen, die Maschinen auf Höchstleistung eingesetellt), und kleinem Streckenwärter, der – jedenfalls früher war das so – emsig zwischen den Gleisen hin und her rennt und blitzschnell die nötigen Weichen stellt.

Grüße und gute Wünsche, herzlich

Gleich und ungleich

Jeffrey Epstein (1953–2019) wird inzwischen als Einzeltäter dargestellt. Dass er obendrein ein Menschenhändler war, der für seine dunklen Rituale und Missbrauchsgeschichten ein Netzwerk mit Reichen, Prominenten und Mächtigen aufbaute, wird oft auszublenden versucht.

Er war kurz inhaftiert, dann tot. Selbstmord durch Erhängen, ist die offizielle Erklärung. Doch wer die Signatur seines Todes betrachtet, hat Fragen. Wieso hätte er sich denn umbringen sollen? Einverstanden, das mit der Kaution in Höhe von 77 Millionen Dollar hatte nicht geklappt, doch wäre die Logik nicht so gewesen, dass er den Einsatz verdoppelt und es weiterhin mit einem Freikauf versucht hätte. 

Wie auch immer, es bleibt ein schaler Eindruck zurück. Manche werden aufgeatmet haben, als das Verfahren eingestellt wurde.

 

 

 

Pauschal ist schal

Es ist schon so, wie der Titel sagt. Was pauschal daherkommt, hat sich vom Leben entfernt und ist somit langweilig, unlebendig, unbedeutend, eben: schal.

Ich reibe mich schon länger an der berühmten Formulierung: «Die Banalität des Bösen». Hannah Arendt hat diesen Begriff geprägt, als sie beim Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem in Eichmann keine perverse Bestie antraf, sondern einen, wie KI es beschreibt, «bürokratischen, durchschnittlichen, geistig unauffälligen Menschen,
der in Floskeln sprach, Regeln befolgte und ständig betonte, er habe nur Befehle ausgeführt».

Ich bin mir nicht sicher, ob Arendt selbst an der Pauschalisierung der Nazis und später der Deutschen als banale, grundböse Erfüllungsgehilfen eines Regimes mitgetan hat oder ob sich dies unabhängig von ihr aus einer Charakterisierung, die sie ursprünglich an Eichmann ablas, entwickelte. 

Jedenfalls, scheint mir, läuft der Begriff umso mehr ins Leere, je mehr er ins Allgemeine gehoben wird. Er kriegt dann vermeintlich zwar mehr Power, entfernt sich aber vom Leben – und das Leben finde ich alleweil interessanter als scharfe Begriffe.

Ich jedenfalls freue mich bei jeder und jedem, wenn ihnen, was ich in meinen Biografien auch versuche, Konkretisierungen gelingen. Dies war auch mein Anliegen beim neuen Buch über Hermann Kükelhaus. Je nach Ausdehnung des Begriffs, könnte auch er unter das Diktum des banalen Bösen gestellt werden – es wäre ein kompletter Fehlgriff. 

Übrigens habe ich eben ein Bild aus dem www-Netz von Hermann fischen wollen. Es gibt wohl kein einziges. Somit gibt es noch einen Grund, sich das Buch anzuschaffen, denn darin sind 30 ganzseitige Bilder von ihm abgelichtet 😉

Grüße aus dem Kasseler Tauwetter,

Durchblick ist nicht gleich Zynismus

Ich will meine kritische Bemerkung zu Ferdinand von Schirachs Bestseller Der stille Freund nicht länger hinausschieben. Anscheinend wäre mir wohler, ich hätte nichts angekündigt. Nun, ich habs getan und lasse deshalb am besten gleich die Katze aus dem Sack. 

Was in Schirachs Buch als Engangement und Liebe zur exakten Beschreibung daherkommt, auch da, wo es um Abgründe geht, ist, wie mich dünkt, letztlich doch nur Marketing. Beim Wort «Marketing» unterscheide ich zwischen Verleger*innen, die alles für das Marketing in die Waagschale werfen müssen, und Autor*innen, die verloren sind, wenn sie beim Schreiben ans Marketing denken (was selbstverständlich viele tun). 

Schirach hat ganz bestimmt an die Vermarktung seines Textes gedacht. Dies lässt sich an der Art und Weise, wie er über das Grauen der Hamas am 7. Oktober 2023 schrieb, zeigen. Ich glaube noch nicht einmal, dass es Instinkt war, es war vielmehr Kalkül, dass er bei diesem Thema eine klar proisraelische Haltung einnahm. Er schildert das Grauen der fanatisierten Hamasanhänger bis in die schrecklichen Details. Das gleiche Grauen auf der Gegenseite erwähnt er mit keiner einzigen Silbe. 

Darf er auch nicht, wenn er sein Buch auf dem Podest sehen will. Hätte er seine Position, die auf der ganzen Linie der sogenannten Deutschen Staatsraison entspricht, auch nur um ein menschliches Haar aufgeweicht und den Gesamtzusammenhang wenn nicht erläutert, so doch zu erläutern versucht, wäre das Buch gar nicht erst erschienen. 

So, wie er es gemacht hat, hätte er die Sache jedoch lassen sollen. Er ist einfach nicht fair, ja er ist doppelt unfair, weil er sein Kalkül als Menschenliebe verkauft.

Wenn nun jemand mit Peter Handke kommt, der in den 1990er Jahren im Jugoslawienkrieg für Serbien Partei ergriffen und damit weltweit harsche Kritik geerntet hat, und wer damit behaupten möchte, dass engagiertes Parteiergreifen zum Handwerk von Schriftsteller*innen gehöre, hat vergessen, dass Handke damals den a priori Diskreditierten eine Stimme gab, während Ferdinand von Schirach, wie gesagt, nichts als eine unglückliche Deutsche Staathaltung repräsentiert – wahrlich eine Hinterhältigkeit, die es mir leicht macht, das Buch in die Kiste vor unserem Gartenzaun zu geben, wo all das Zeug hinkommt, das bei mir keinen Platz hat.

  

 

Nicht aus Verweigerung schreibe ich nicht, sondern aus Unvermögen

Ich schreibe nicht über den Unfall von Lindsey Vonn heute morgen in der Abfahrt der Damen bei Olympia, wie sie es nochmals und endgültig wissen wollte und trotz Kreuzbandriss an den Start ging und um jeden Preis gewinnen wollte, beschreibe nicht ihre aggressive Fahrt vom Start an und nicht den millimeterkleinen Fehler an der Flagge in einer Rechtskurve ganz oben, der einen Sturz auslöste, der ihr wieder weiß Gott was für Verletzungen zugeführt haben wird. Ich lasse den Versuch, ihre Familie unten im Ziel zu beschreiben, den Vater, der schon so viele Unfälle seiner Tochter live miterlebt hat, ich lasse das alles, genaus wie einen Verriss der uns noch bevorstehenden Kommentare über ihr für Spitzensportlerinnen vorangeschrittenes Alter.

Wieso sollte ich es versuchen, in diese Bilder eine Ordnung hineinzubringen, wo ich in meinem eigenen Leben noch keine Ordnung hinbekommen habe. Bei mir schaltete nämlich alles ab, als ich den Wegtransport von der Piste mit einem gelben Hubschrauber am Bildschirm live mitverfolgte. Es schaltete ab und war alles auf Alarm, denn wie sich dieses gelbe Ungetüm mit der Verletzten vor einer hohen senkrechten Felswand im Hintergrund in den Himmel schraubte, war bei mir wieder mal Flimriss und ich war im Land von Lindsey Vonn, wo vor Jahrzehnten – oder war es gestern?! – ein gelber Hubschrauber vor den Wandüberhängen des El Capitan meinen Freund vom Unfallort in den Himmel zog und mich allein zurückließ. 

Beim Lesen von Gabor Mathés neuem Buch über Trauma wurde mir wieder so recht bewusst, wie sehr dieses Trauma mit großem «T» mein Leben begleitet und, wenn ich daran arbeite, bedroht.

Unvergorenes Vergorenes

Liebesbriefe von Jugendlichen bergen tiefe Wahrheiten über die Liebe. 

Wenn ich beim Lesen solcher Briefe einmal innehalte, denke ich unwillkürlich an Romeo und Julia.

Zwischen diesen liebefähigen jugendlichen Menschen war Liebe (LIEBE groß geschrieben, tausendmal wiederholt und unendlich ins Hohe gehoben).

Bisher habe ich geglaubt, was die Literaturwissenschaft behauptet, dass nämlich ein alter Familienzwist der Grund für die Zerrüttung dieser Liebe gewesen sei, der uralte Konflikt zwischen den Montagues und den Capulets. 

Seit einer halben Stunde denke ich es so, dass das Beispiel von Romeo und Julia für uns alle das Schiboleth unserer Suche nach Liebe sei.

Wenn dem so ist, dann ist jeder Versuch einer Liebe der gescheiterte Versuch dieser beiden unglücklich Liebenden.

Kennen wir es nicht aus unserem eigenen Leben? Hat nicht auch bei uns der Spaltpilz der Familien die Liebe zerstört? Und wenn nicht explizit die Familien, dann eben die Sozialisierung, die uns braingewasht hat.

Zur Sozialisierung gehört vorerst die Familie, dann aber auch die uns vorangegangenen Generationen, die Kirche (die auch heute immer noch sublim mit den Fingern im Topf rührt, auch wenn wir uns meilenweit von ihr entfernt wähnen), die Schule, die Berufsabschlüsse und Studienabschlüsse und nicht zuletzt – und das tut mir besonders weh – die Art, wie wir von Geburt an zu Buben und Mädchen gemacht wurden, mit der Folge, dass wie später als Männer und Frauen nichts so sehr suchen wie die früh verlorene Liebe.

 

 

Namen machen Podiumsplätze

Gottfried Kellers Spruch «Kleider machen Leute» ist bekannt. Ich setze dazu: «Namen machen Podiumsplätze». 

Was ich damit meine? – Dass es mir nicht gelingen will, die Rankings, mit denen der Kunstmarkt seine «besten Produkte» kürt, für ein Qualitätskriterium zu halten.

Ich habe im Beitrag vom 3.2.26 vom «schönen Buchtitel» des neuen Werkes von Ferdinand von Schirach geschwärmt und von der «schönen Frau mit der Wespentaille», auch das Motorflugzeug oben auf dem Cover und die dadurch ausgelöste Erinnerung an Ernest Hemingways Afrikabücher sind mir aufgefallen. Ich nehme das alles als freundlich marktorientiertes korrektes Benehmen unter Berücksichtung bekannter Marktmechanismen.

Dass auch der Name des Verlags und der des Autors wichtig sind, ist natürlich ein Gemeinplatz und im Fall eines Bestsellers unabdingbar. 

Wir könnten uns darauf einigen, so funktioniere der Markt und es sei halt auch auf dem Buchmarkt nicht anders als in der Musik, in der bildenden Kunst und überhaupt in der ganzen Kultur: Der zu verteilende Kuchen sei nun einmal nur so und so groß, und in einer durchkapitalisierten Welt gebe es die Tendenz, dass diejenigen Player*innen (😉) mit den größten Kuchenstück*innen (?) den ganzen Kuchen fressen wollen.

Damit könnte ich noch so leben, wenn auch nicht immer gut, doch daran bin ich gewöhnt und mache mir keine Illusionen, dass es da je eine gerechte Umverteilung gibt. 

Doch es gibt noch etwas, das mich in Zorn bringt und gleichtzeitig traurig macht und das ich mit euch teilen will.

Auch beim Buch Fedinand von Schirachs ist das so. – Was es genau ist, erzähle ich ein andermal. Jetzt muss ich los.

Grüße 

The silent friend

Zeitgleich mit dem Buch Der stille Freund, auf das ich noch zurückkommen werde, ist der Film Silent Friend im Kino angelaufen. 

Extrem langsam. Durch Frauenaugen gesehen sozusagen, atmosphärisch, anekdotisch, viele Ebenen miteinander vernetzend, bildstark, ruhig. 

Da im Zentrum dieses Film ein 200-jähriger Ginkgo biloba und sein Gefühlsleben stehen, und da dieser Ginkgobaum ausnahmsweise eine Sie, also ein weibliches Exemplar ist, heißt der Film, ins Deutsche übersetzt: Die stille Freundin.

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat zehn Register gleichzeitig gezogen. Kein Wunder, dass der Streifen Überlänge hat.

Drei Geschichten aus drei verschiedenen Generationen nähern sich dem Seelenleben dieses Ginkgo-Giganten an, der mit Menschen in Kontakt geht, wenn sie so auf ihn zugehen, dass er sie wahrnehmen kann, also möglichst langsam und am besten offen wie ein kleines Kind. 

Wer bis jetzt noch gezweifelt hat, dass Pflanzen ein Bewusstsein und ein Gefühlsleben haben, wird durch diesen Film aller Zweifel enthoben. 

Ob allerdings die Frage nach dem Bewusstsein und dem Gefühlsleben von Pflanzen dadurch lösbar ist, dass man in anthropomorphistischer Überhöhung von Denken und Fühlen spricht, nehme ich trotz dieses Films als ganz dicke Frage mit.

Wie ließe sich über diese im Film breit ausgewalzten Phänomene denken, sprechen und fühlen, ohne in die alten und sensationalistischene Sprachmuster zu verfallen?!

Gruß

Was nach Mut aussieht, halte ich für Feigheit

Vorsicht, das neue Buch von Ferdinand von Schirach steht ganz oben auf der Spiegel-Bestsellerliste. Grund genug, dafür nach einer Erklärung zu suchen – am besten durch die Lektüre des Buchs. 

So verschwommen wie dieses Foto ausgefallen ist, kommt mir der Bezug zwischen den einzelnen Erzählungen und dem Buchtitel vor. Ein schöner Titel, lose in Beziehung zum Inhalt stehend. Eine schöne Frau mit Wespentaille und dem Hauch eines selbst ergriffenen Abenteurer*innenlebens. Und oben im Bild die Andeutung eines Propellers eines Motorflugzeugs – alles a bissle sehr nach Ernest Hemingway. Warum auch nicht, Hauptsache es zieht. 

Was auch zieht, ist der Name des Verlags und natürlich des des Autors. 

Alle diese kleinen wichtigen Punkte fallen schon mal ins Gewicht. Mehr ins Gewicht fällt der vorgetäuschte Touch von Entrüstung und Erschüttertheit im Buch. Der Autor gibt sich Mühe, als rechtschaffener und moralisch integrer Schriftsteller aufzutreten und Themen zu verarbeiten, die die Gemüter bewegen. 

Dieser Touch kommt im kurzen Text besonders stark zum Ausdruck, in welchem Schirach unter dem goetisch anmutenden Titel Wirklichkeit und Wahrheit über den 7. Oktober 2023 und die Hamas-Terroristen schreibt. Damit wir das Ausmaß des Grauens auch wirklich bis in die hinterste Fasern unseres Organismus aufnehmen, bringt er Details über die verstümmelten, verggewaltigten, mit Messern ihrer Brüste entledigten jungen unschuldigen Frauen, schreibt, wie die Terroristen ihnen «Nägel in die Oberschenkel und die Leistengegend gehämmert» hatten und dergleichen mehr. 

Und wieder wehrt sich etwas in mir. Nicht deshalb, weil der Autor zitiert, was über dieses Massaker berichtet wurde. Ist das die Entrüstung eines Autors, dem es um die Wirklichkeit und Wahrheit zu tun ist?

Morgen versuche ich eine Antwort auf diese Frage. 

Innerlich abgewinkt

Kürzlich sprach im Deutschen Bundestag eine Überlebende des Holocaust. 

Ihr Name ist Tova Friedman. Die Medien sagen, sie habe eine bewegende Rede  zur offiziellen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus gerhalten.

Die Dame überlebte als Kind das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie ist als Zeitzeugin und Aktivistin gegen das Vergessen unterwegs. Sie habe sich schwer getan, nach Deutschland zu kommen, hieß es – sicherlich nicht wegen der Sprache, nein, sondern wegen des langen Schattens, der über Deutschland hängt, insbesondere für jüdische Menschen.

Ich fand etwas anderes ebenfalls bewegend, oder auch abstoßend, nämlich wie in Deutschland Erinnerungskultur betrieben, ich könnte auch sagen: abgespult wird. 

Und schon merke ich, wie befangen ich bin und wie schwer es ist, dazu etwas zu sagen.

Dennoch sage ich, ohne Frau Friedman auch nur im Entferntesten kritisieren oder ihre Rede in Frage stellen zu wollen, dennoch sage ich, muss ich sagen, wie es mir beim Anblick der Räume im Bundestag, in denen sie sprach, ging und wie mich die Inszenierung beelendet hat.

Peinlich und fast nicht auszusprechen, dass mir in einem unkontrollierten Moment der Begriff «Quotenjüdin» in den Kopf schoss. Doch genau so fühlte es sich für mich an.