Kategoriearchiv: Blog

Normales Gift

Laufe in einen Raum, wo gerade die Nachrichten im Radio gegeben werden. Immer der gleiche Giftbecher. Der gleiche Aufbau. Bei der Stelle, wo von Amok berichtet wird, höre ich, dass sich der Täter diesmal nach der Tat erschossen habe, auch der Minister hat den Hinterbliebenen bereits sein Beileid ausgesprochen. Alles in Rahmen des Normalen. Ich weiß wieder über etwas Bescheid, von dem ich keine Ahnung habe. 

Diesmal dachte ich nach meiner gewohnten Reaktion – ein «Oh mein Gott» – zum ersten Mal: «Eigentlich tatsächlich doch nichts als die ganz natürliche Reaktion eines Menschen auf den Wahnsinn der Menschheit, oder?!»

Laut der Traumatheorie sind kranke Menschen Symptomträger der Systeme, also und diesem Sinne ist ein Amok gewissermaßen eine natürliche Reaktion.

Nach den Nachrichten kam ein Winener Walzer in Orchesterfassung, die Welt war wieder in Ordnung und ich enteilte tatkräftig in den Alltag.

 

Helft retten!

Wozu wurden E-Mails erfunden? Anscheinend, um mir täglich Aufrufe ins Haus zu schicken: Rette die Wale! Rette das Klima! Rette dieses Volk und jenes Volk! Rette die Metzgerei in deiner Nähe! Rette Kröten, Frösche, Maulwürfe und Igel!

Heute las ich vor dem Buchladen am Bebelplatz auf einer großen Tafel: «Rettet die Handschrift – schreibt Postkarten!»

Das hat mich sofort angesprochen und erfreut. 

Wenn du dich durch diesen Aufruf ebenfalls angesprochen fühlst, schreib mir eine Postkarte. Ich schreibe garantiert zurück.

Grüße aus sommerlicher Wärme

PS: Meine Adresse findest du im Impressum 😉

Fragmetiert

Wie sehr Denken in unserem Alltagsleben fragmentiert ist, zeigt sich zur Zeit an der Niedrigwasserstandsdebatte. 

Die Wassermenge im Rhein steht auf einem historischen Tiefstand. Der Fluss führt nur ein Drittel des Wassers, das sich sonst durch sein Flussbett wälzt, melden die Nachrichten. 

Zeit für Minister, sich wortlaut für das Wohl des Volkes, sprich der Wirtschaft, stark zu machen. Man müsse die Rinnen, in denen die schweren Schiffe aufzulaufen drohen, eben ausbaggern, damit das Wasser wieder tief genug sei und weiterhin die bisherigen schweren Lastenkähne ihre schweren Lasten rauf und runter ziehen könnten. 

Ist das nicht ein durchwegs fragmentiertes Denken? Wie tief kann man einen Kanal, in welchem kein Wasser mehr fließt, ausbaggern und dabei erwarten, dass es er danach wieder ein Fluss mit Wasser wie vorher sei?!

Wie würde es Minister*innen, überhaupt Politiker*innen gehen, wenn sie integral denken würden?

 

 

 

Was aber bleibt

Was bleibt, stiften nicht die Dichter, wie der weltfremde Hölderlin einst meinte, sondern was mir geblieben ist von der Tour de France, sind Bilder der Wegwerfgesellschaft.

Die Duelle verblassen, auch die wippenden Körper bei 14% Steigung, die Etappensprints und das taktische Fahren der Mannschaften. All dies ist wenige Tage nach dem Ende der Tour im trüben Orkus des Vergessens versunken. 

Was bleibt, ist das Bild einer Menschenmasse vom Umfang mehrerer Busladungen, die sich – eingerahmt von einer stinkenden Masse von Autos und vor allem Motorrädern, deren Kameramänner immer wieder die Tachos filmen, die anzeigen sollen, wie schnell die Radfahrer die Berge runter und durch stille Täler flitzen – als träger Lindwurm durch abgelegenste Landschaften bewegt und deren buntbekleidete Einzelobjekte, begleitet von ihren farbigen Mannschaftswagen, permanent, das heißt über viele Stunden, Flaschen an sich reißen und andere Flaschen in Büsche und Böschungen schleudern, oder Eisbeutel unter ihre Trikots schieben und die Verpackungen in Büsche und Böschungen werfen, oder die eingeschweißten Laschen von Energiegels mit den Zähnen aufreißen und die leergeschlonzten Plastikteile in Büsche und Böschungen knallen…

Traum

Im Übergang von der REM-Schlaf-Phase in die hypnopompische Phase, einfacher ausgedrückt: kurz vor dem Erwachen hatte ich einen Traum mit einem Teil archaischer Themen und einem daran angehängten Teil anfänglicher, halbschlafartiger Reflexion. 

Ich träumte, ich irrte zur Zeit unserer neolithischen Vorfahren mit einigen anderen aus meinem Clan, vermtlich irgendwo unter der Erde in Mexiko, durch unterirdische Höhlengänge. Wir rannten und rannten, ich immer dem Menschen, der einige Meter vor mir ebenfalls rannte, hinterher. 

Erst rannte ich kopflos mit. Die längste Zeit. Dann schaute ich ab und zu mal in Höhlengänge, die wir links und rechts liegen ließen und dachte: «Um Gottes Willen, woher wissen wir denn eigentlich, wo wir entlang rennen?» Dann dachte ich, während wir immer weiter rannten und immer wieder die Richtung leicht änderten: «Wenn jetzt der Mensch vor mir hinter der nächsten Biegung verschwindet, weiß ich nicht mehr, wie es weiter geht und auch nicht, wie der Weg zurückgeht.» 

Ich erschrak und beruhigte mich sofort wieder, denn ich konnte ja denken. Und dachte: Nun, dann mache ich es doch wie Ariadne seinerzeit auf Naxos, ich nehme ein Wollknäuel und ziehe los, immer neben mir den Faden ausrollend. Ich kann jederzeit vor und zurück und finde immer wieder den Ausgangspunkt. 

Das luzide Gefühl, mit klarem Verstand ein Lebensproblem zu lösen, erlebte ich als Vorgriff auf eine Zeit, in der auch andere Menschen so etwas könnten. Doch vorerst konnte es nur ich allein. Ich war meinem Clan weit voraus. 

Allein – mein klarer Verstand blieb nicht stehen. Ich dachte, bevor ich erwachte: na ja, das mit dem Wollknäuel ist natürlich schon eine große Vernunftleistung. Hut ab, nur, du steckst doch schon mitten drin im unterirdischen Höhelnsystem! Was nützt es dir, wenn du dich mittels eines Fadens orientierst?! Du kommst nur immer an den Punkt zurück, wo dir das eingefallen ist, und dieser Punkt ist irgendwo unter der Erde und du hast keine Ahnung wo. 

An diesem Punkt endete der Traum…

Gender

Genderstudien mal anders.

Schubert hat das folgende Gedicht vertont:

O wie schön ist deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet,
Wenn dein Glanz hernieder fällt,
Und den Staub mit Schimmer malet;
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt.

Könnt ich klagen? könnt ich zagen?
Irre sein an dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier.
Und dies Herz, eh es zusammenbricht,
Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.

Es gibt auf Youtube etwa 10 Einspielungen mit lauter Koryphäen (unter: Schubert,Im Abendrot, D 799). 
 
Die Rolle des Klaviers, das ist ein Thema für sich, vielleicht ein andermal mehr dazu.
 
Für heute dies: achte mal, wie die Männer das Nein in der viertletzten Zeile singen und wie anders es die Frauen tun. Klar, jede und jeder singt es individuell verschieden, doch der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist frappierend.
 
So als würden die einen mit der großen Geste lautstarker Verneinung, die anderen mit lebenszugewandter Hingabe ihre gänzlich anderen Wege gehen. 
 

 

Wie alt will ich werden?

Heute entschloss ich mich, alt werden zu wollen. 

Mit diesem Wunsch begebe ich mich auf das Niveau jener Fanatiker*innen, die ihre Zellen auffrischen und weiß was für aufwendige Kuren anwenden, um den Tod zu überwinden und, wenn es nach ihnen ginge, ewig zu leben. 

Wer so an den Abgründen der Endlichkeit vorbeikommen will, sollte sich damit auseinandersetzen, wie die Welt in absehbarer Zeit aussehen wird, wenn keine absolute Wende kommt. 

Aller Erwartung nach wird sie so aussehen, wie sie der us-amerikanische Künstler Llyn Foulkes auf folgendem Bild dargestellt hat:

Im Vordergrund türmen sich zwei schwarze Haufen Mülls, von surrealen Schreckfiguren bewacht. Im Spalt dazwischen liegt eine beige Müllhalde. Im rechten oberen Bildrand ragt bis über das Bild hinaus eine weitere riesige Müllkippe. Im Hintergrund, wegen der niedrigen Auflösung des Bildes schwer erkennbar, ziehen sich die Mauern einer Stadt bis an den Horizont dahin. In dieser Stadt gibt es nur Steine, Staub, Unleben, Tod.

Ja, wer noch eine Weile auf dieser ach so schönen Erde weilen möchte, sollte dieses Szenario mitbedenken.

 

Argentinischer Fußball

«Dunkel», «verschlagen», «abgründig» wurde der argentinische Fußball von den Kommentator*innen während der WM 2026 immer wieder genannt. Diese Zuordnungen waren allgemeiner Art.

Mir hat dieser Fußball beim Zuschauen arg zugesetzt, vor allem im Spiel gegen England.

Was war im Halbfinalspiel zwischen Argentinien und England los? Fouls abseits des Spielverlaufs, Attacken jenseits der Spielregeln, so, als würden die argentinischen Spieler ihre Gegner am liebsten vernichten…

Ich kann mir die Sache nur so erklären, dass in den argentinischen Spielern der Falklandkrieg von 1982 als zentrales und emotional aufgeladenes Thema in ihrem kollektiven Gedächtnis den Hintergund bildete, ein Krieg, bei dem die Spieler gar noch nicht auf der Welt waren, der sich jedoch als kollektives Trauma tief ins allgemeine Gedächtnis eingebrannt hat, so dass die jungen Fußballer davon regelrecht besetzt waren. 

Und so haben wir einerseits Szenario vor uns, wie es sich auf der Welt an vielen Orten und in vielfältigsten Zusammenhängen in unendlichen Variationen abspielt: Die Zellen in uns rebellieren, ohne dass wir genau wüssten, woher der Aufruhr in uns kommt. – Wir stehen im Wirkfeld eines Traumas, das wir weder als solches erkennen noch, wenn es uns jemand sagen würde, anerkennen.

Im besagten Halbfinale wurde dieser Mechanismus offenbar, auch wenn die Spieler und Fans kein Bewusstsein davon gehabt haben mögen.

Sie alle – wir alle – sind Teile von durch Traumata entstandenen Systemen, in die wir nur durch Bewusstseinsarbeit Licht hineinbekommen.

Solange kein Licht in diesen abgründigen Prozessen ist, agieren die Vernichtungsinstinkte, beim Fußball ist das evident, doch auch in Beziehungen, Kollegien, Arbeitszusammenhängen, in Familien und Freundeskreisen und in fast allen Gesprächen, selbst in unseren Erinnerungen ist das vorerst so. 

Andererseits war den Spielern auch Vieles durchaus bewusst. Nach dem Sieg zeigten sie auf dem Platz ein Banner mit der Aufschrift „Las Malvinas son Argentinas“ – „Die Falklandinseln sind argentinisch“. Das war keine spontane Aktion, sondern eine bewusste politische Provokation der Nationalmannschaft.

 

 

Kosmische Energien?

Die Fußball-WM ist vorbei.

Es wird noch viel darüber geschrieben werden, aber jetzt können wir wieder andere Dinge tun, die Lohnsteuer machen, schwimmen gehen, wandern – oder ersatzweise täglich stundenlang die «Velöler» bei der Tour de France verfolgen 😉

Was mich am Fußball noch weiterbeschäftigen wird, ist die Frage, wie es in manchen Spielen zu einem Hattrick kommt? 

Wie kann ein Spieler drei Tore hintereinander innerhalb einer Spielzeit erzielen? Wie kann der Ball drei Mal vom gleichen Schuh ins Tor fliegen?

Wie ist das möglich, wo doch jeweils 44 fußballspielende Füße auf dem Platz sind? Wo bleibt da die statistische Erklärung für ein so geheimnisvolles Geschehen? Klar, der Spieler oder die Spielerin muss extrem gut sein. Aber das sind ja inzwischen mehr oder weniger alle.

Spielen in Hattrick-Momenten noch ganz andere Player mit? Nicht nur das Glück, sondern milliardenfach fokussierte Energie, die Energie der ganzen Spieler*innen, die des Publikums im Stadion, die der Zuschauermassen vor den Bildschirmen, ja vielleicht auch Energie aus dem Kosmos, quantenmechanische Einheiten, die im Menschengeist ungeahnte Materiebewegungen über die glückliche Fußspitze realisieren?

Ich weiß es nicht lasse ich das Phänomen stehen, und ich freue mich, wenn ab und zu wieder ein Hattrick in einem wichtigen Fußballspiel Wirklichkeit wird. 

 

«Annahmen»

Ich beobachte am Himmel in letzter Zeit viele Greifvögel, mehr als früher…

Und höre, dass unsere ach so liebreizenden Singvögel um ihr Überleben kämpfen. 

Liegt es daran, dass größere Vögel die Brut der kleineren räubern und dadurch ihre kleinen Brüder und Schwestern dezimieren? 

Ist es in der Vogelwelt also wie in der Menschenwelt? Dort fressen beispielsweise die großen Konzerne die kleinen. Auch ist es so, dass, wer viel Geld hat, sich an privater Geldvermehrung vergnügt (Aktien, Geldanlagen, Sparsysteme), während Arme immer rigoroser ohne Geld auskommen müssen, was bekanntlich nicht gut endet. 

Wie klug meine Gedanken auch klingen mögen, vielleicht sind es nichts als blinde Annahmen. 

Dafür spricht, dass der Hauptgrund für die Zunahme der Raubvögel in den letzten Jahren der erfolgreiche Artenschutz sein soll – und Artenschutz hat rein gar nichts mit Fressen und Gefressenwerden zu tun. 

Meine Gedanken kommern vermutlich daher, dass ich viel autofahre – und auf den Autobahnen liegt das Futter für die Raubvögel bereit, wohlfeiles Futter, das jederzeit, wenn wieder ein Tier auf einer Kühlerhaube aufschlägt, zusätzlich vermehrt wird.

Deshalb kreisen diese fleischfressenden Riesenvögel über uns, wohl nur deshalb.

Und die Kühlerhaube meines Autos kann jeden Moment die Statistik der Kadavermenge nach oben treiben und damit noch mehr Raubvögel anlocken und mich erst recht zu falschen Annahmen verleiten.