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Gläserne Macht

Es gibt den «gläsernen Patienten» und die «gläserne Patientin», die «gläsernen Bürger*innen», «gläserne Verkehrsteilnemherinnen» und «gläserne Netzbenützer». In Kassel ist das Finanzamt inzwischen so tief in die Geldbewegungen der «gläsernen Steuerzahler*innen» eingeweiht (oder: hat sich eingeweiht), dass es – als Fortschritt und Bürokratieabbau verkauft – deren Steuererklärung selber ausfüllt.

Doch nicht nur wir, die Regierten und Verwalteten, sondern auch die Politiker*innen und ihre Entscheidungen und Intrigen werden zunehmend gläsern, da sie immer mehr bis in die letzten Macht-Instinkte durchschaubar werden. 

Und seit dieser Fußball-WM sickert auch im Sport durch (was verdeckt schon lange der Fall ist), dass die Korruptheit offensiv unverschämter, plump machtbezoger, schamlos willkürlich agierende Männer (zur Zeit gerade vorzugsweise tatsächlich Männer, alte Männer) die Sportresultate so sehr beeinflusst und steuert, dass sie sie auch gleich entscheidet. 

Ist das nicht großartig?!

Es zeigt ein letztes Aufbäumen der alten Strukturen, die sich inzwischen so transparent gestalten, dass sie sich in nächster Zeit selbst abschaffen – wohl nicht von heute auf morgen, aber in naher Zukunft. 

Gruß   

Infantilität ist Trumpf

Ich muss irgendwie schmunzeln, über andere, über mich selbst. 

Eine tiefe Empörung ging gestern um die Welt, weil ein mächtiger Mann und ein anderer mächtiger Mann in gegenseitigem Einvernehmen Politik und Sport schamlos aufeinander bezogen und Spielregeln außer Kraft gesetzt haben, an die sich, wenn wir so wollen, Milliarden Fußballbegeisterte halten (müssen).

Über mich selbst musste ich schmunzeln, weil ich in der Nacht auf heute fast gebetet haben, dass die belgische Nationalmannschaft, zu der ich wenig, sehr wenig Beziehung habe, im Fußball-WM-Achtelfinale 2026 die Mannschaft aus den USA, zu der ich noch weniger Beziehung habe, schlagen würde. 

Das ist dann auch passiert, zum Glück. 

Wieso diese Freude?

Weil sich Gesten des gesunden Menschenverstandes, denke ich, Raum verschaffen konnten und somit ein kleiner Restglaube erhalten blieb, dass es trotz aller Unanständigkeiten doch noch anständig zugehe auf der Welt, was natürlich ein Trugschluss ist, aber ich habe trotzdem Freude, obwohl mich dieser ganze Sch… eigentlich nichts angeht – und mich auch nicht wirklich angeht. 

 

 

Reden über Liebe

Usama Al Shamani hat in diesen Tagen einen Preis bekommen. Der Dichter hat ein Gedicht über die Liebe geschrieben, das mir aus der Seele spricht. Es vermag meine eigenen unvermögenden Versuche zum Thema zu ersetzen.

Die Liebe frage, was ich in mir trage, beginnt sein Gedicht. Sie kenne mich und treibe mich an Orte, wo ich nie war, schreibt der Dichter weiter. Wenn sie spreche, hätte ich still zu nicken Die Liebe wandere «im Amselton» auf Bergen und halte in der Stille, die plötzlich entstehe, inne, sie trage den Geruch von nassem Laub und verberge  vor unswie ein Kind das Hässliche.

Der Dichter vergleicht die Liebe mit Musik, die berührt.

Die Liebe wisse mehr von uns, als wir selbst verstünden, sie kenne das Kind in mir und spüre den Bruch und das Vergehen, das sich falte.

Al Shamanis hält fest, dass es die die Liebe sei, die Vieles ausschließe, wenn man über sie spreche.

«Es ist die Liebe, die viel Kraft braucht, wenn sie fällt», endet sein Gedicht.

Herzlich 

Midsommer

Heute sagte mir mein Hausarzt – zugegebenermaßen ein VITAMIN D Freak – wir in Kassel sollten vom Spätsommer bis zum nächsten Frühsommer große Mengen Vitamin D zu uns nehmen, da es permanent düster, verhangen und sonnenfern sei in unserer Stadt. 

Deshalb die depressive Grundstimmung? Deshalb die bleichen, aggressiven Gesichter an jeder zweiten Straßenecke?

Ich werde seinen Rat befolgen. 

Und ich will nicht zu denen gehören, die jetzt über die Hitzewelle klagen. Endlich mal meditterane Gefühle. Oder noch besser: Es ist zur Zeit hier in der Stadt wie in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, alles ist voller Geheimnisse und lustiger Feen, Undinen, Lüftchen und Zaubereien. Übermütchen und Gedankenlosigkeiten, herrlich…

 

Frontenverschiebung

Während der documenta fifteen erschreckten mich im damaligen Antisemitismusstreit, der seinen Würgegriff um diese Kunstausstellung schlang, immer wieder vor allem zwei Namen: Volker Beck und Meron Mendel.

Sie beanspruchten während dieser unsäglichen, hochpolitischen Debatte eine Art Alleinstellungsanspruch, was ihre Einmischungskompetenz betraf.

Das machte mich manchmal halb krank.

Die von ihnen kritisierte documenta ist längst vorbei, doch der streitbare Geist in den beiden Männern tobt anscheinend weiter, nur, dass sie sich jetzt gegenseitig angreifen. 

Jeder der beiden scheint genau zu wissen, was mit Außenstellen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem passierte, wenn solche, wie manche befürworten, in Deutschland eröffnet würden. 

Meron Mendel zeigt sich der israelischen Regierung gegenüber kritisch und befürchtet ihre Einmischung und politische Einflussnahme, Volker Beck hält eine solche kritische Haltung für restlos unbegründet. 

Was Mendel und Beck zu verbinden scheint, ist ihre Überzeugung, dass jeder von ihnen Bescheid wisse und mit seiner Meinung politisch Einfluss zu nehmen nicht nur berechtigt, sondern geradezu aufgefordert sei. 

Beide warnen vor den falschen Leuten, die falsche Erinnerungkultur betreiben könnten – dass sie selbst vielleicht die Falschen sind, die da mitzureden haben, ist ein weiteres Merkmal der beiden streitbaren Männer.

 

Sag was du willst – sag’s gut!

Du kannst dich aufregen über seinen Lebenswandel, kannst ihr vorwerfen, dass sie zu impulsiv auftrete und über ihre Ziele hinausschieße. 

Wie ich nun Daniel Barenboim (über dessen Auftreten es so viele on dits gibt, dass ich sagen muss: ich weiß nichts Rechtes über ihn) und Martha Argerich (ihre Bühnenpräsenz ist unerreicht) bei den Salzburger Festspielen zusammen am Flügel sitzen sehe und höre, wie sie vierhändig Schuberts op. D 951 spielen, umfasst mich eine die Innigkeit, wie sie der Untergrund bei Schubert zu sein hat, eine auf ein im Hier und Jetzt vollzogenes Jenseits ausgerichtete Innigkeit. 

Und ich denke: Das kenne ich von der Klassikszene, dass jüdische Menschen zusammen mit jüdischen Menschen musizieren. Das ist für andere nicht immer nur einfach.

Ich denke auch dies: Wenn ich mir vorstelle, was den Vorfahren dieser Menschen angetan wurde, dann ist die Konsequenz daraus doch fast (herz)logischerweise die, dass sie mit keinen anderen Menschen so intim performen können wie eben nur untereinander, ja, es ist vielleicht sogar so, dass sie alles andere schlichtweg nicht mehr ertragen, wie sehr sie sich auch darum bemühen mögen. 

DILEMMA

Die Spätergeborenen werden unser Schweigen verurteilen, höre ich immer wieder. 

Ja, das mag sein, doch hoffentlich werden sich die Spätergeborenen ein Bild von der Problematik verschaffen können, in welchem die, die schweigen, gefangen waren – oder, wie wir heute, sind. 

Schweigen kann auch eine Folge davon sein, dass es einem die Sprache verschlagen hat.

Allein das folgende Dilemma – eines von vielen, die mich quälen – ist schier unaussprechbar: Einerseits ist es unsäglich, dass von russischer Seite seit Jahren Krieg gegen die Ukraine geführt wird, andererseits ist es für mich ebenso unsäglich, dass deutsche Politiker*innen noch nie dafür um Entschuldigung gebeten haben, dass vor einigen Jahrzehnten Deutsche etwa 20 Milllionen russische Menschen ums Leben gebracht haben. 

 

Politisch korrekte Texte

Ich bin wieder zurück am Schreibtisch, nachdem ich länger offline in den Bergen war. Mauern bauen, Zecken bekämpfen, Wiesen sensen, Bäume schneiden, lauter derlei schöne und weniger schöne, anstrengende und weniger anstrengende Dinge. 

Und nun wieder unter Schreibenden. 

Ich schreibe meine Texte noch selbst, mühsam, langsam, sperrig.

In der Debatte, ob Journalist*innen ihre Texte selbst schreiben müssen oder durch KI schreiben lassen dürfen, habe ich kein Problem, mich auf die Seite derer zu stellen, die pro KI voten.

Nur – ich selbst brauche das altmodische Gefühl, unter meinen Gedanken und Fingern einen Text entstehen zu sehen. 

Wie solche Texte zu schreiben seien, darüber gibt es auch ohne KI heutzutage viel Fremdbestimmung.

So soll ich nur schreiben, was Leser*innen sofort verstehen. Allgemeinbildung vorauszusetzen wäre politisch unkorrekt, die Zumutung etwas zu googlen auch.

Ich bin heute morgen beim Schreiben gerade an einer Stelle angekommen, wo ich meine Großmutter beschreiben will, ihre Mischung aus Liebe und Züchtigung. Da kam mir das seinerzeit heiß debattierte Bild von Max Ernst mit der züchtigenden Gottesmutter in den Sinn.

Es ist das berüchtigte Bild mit der Heiligen Mutter, die ihrem Heiligen Kind den Hintern versohlt – genau wie damals unsere Großmutter! Sie hatte eine Hand für die Liebe und eine andere für die Züchtigung. 

Soll ich meinen Leser*innen Max Ernsts Gemälde zumuten?

Selbstverständlich, sage ich. 

Selbstverständlich nicht, sagen dir die Leute, die Creative Writing anbieten. 

Selbstverständlich nicht, sagen die Verlage, die ihre Autor*innen dazu erziehen, ihre Leser*innen zur Verdummung zu erziehen.

Urteile und Annahmen

Erzählte mir jemand, wie sie als Zuhörerin mitten in eine Radiosendung geplatzt sei. Es ging um einen Mann, er erzählte mit selbstbewusster Stimme von seiner Laufbahn als Soldat und Dozent. Er habe das Abitur geschmissen, sei dann zur Bundeswehr, habe dort das Abi nachgeholt, später studiert und das Karriereleiterchen erstiegen. 

Ob es die Stimme des Mannes war oder der Inhalt des Gesprochenen, jedenfalls verurteilte die Zuhörerin innerlich schon bald die Aussagen des selbstverliebt (wie sie fand) daherredenden (wie sie fand) Karrierefuzzis, wie ihr der Mann erschien. 

Dann sei die (wie die Hörerin fand) sehr einfühlsame Gesprächsmoderatorin auf den Afghanistaneinsatz zu sprechen gekommen, den der Mann abgeleistet habe.

Sie habe gefragt, was er erlebt habe und was ihm am unvergesslichsten geblieben sei.

Er habe im gleichen Tonfall wie zuvor gesagt: Die Augen der Kinder, die nicht weglaufen konnten und zusehen mussten, wie aus allen Richtungen schwerbewaffnete Männer um sich schossen und vor ihren Augen Mütter und andere Menschen töteten. 

Und dann sei sie dagestanden, sagte die Radiohörerin, und habe nichts mehr gehört und habe angefangen zu weinen.