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Ehrfurcht vor der Erde

An der Ehrenhaftigkeit mancher Namen ist nicht zu rütteln, jedenfalls nicht so ohne weiteres. So ging es mir mit dem Namen Albert Schweitzers. Doch selbst bei ihm kann am Lack gekratzt werden. Ohne dass ich danach gefragt hätte, wurde ich einer Sache inne, die den ganzen Lack runtermacht. Mir kam von einer Professorin zu Ohren, dass Schweitzer geschlagen, sagen wir Ohrfeigen verteilt habe. Kinder in Lambarene bekamen vom Tropenarzt Ohrfeigen. Na ja, es lässt sich durchaus so argumentieren, dass Albert Schweitzer eben noch alte Schule war und Kindern, wenn sie nicht parierten, auch mal eine klebte, gleich welche Hautfarbe sie hatten.

Was mir allerdings bei diesem Mann immer schon rätselhaft war, das ist der Satz von ihm, den er für den Schlüssel seiner Ehrfurchtslehre hielt, wenn ich richtig unterrichtet bin. Ich meine die Sache mit der Ehrfurcht vor dem Leben.

Wie soll ich mir das vorstellen? Diese Frage hatte ich schon als Jugendlicher, wenn mir mein Freund in heiligem Ernst von Albert Schweitzer erzählte. Bakterien, Viren, Heuschrecken sind auch Leben, also muss ich Ehrfurcht vor ihnen haben. Wie denn nur?! Viellecht möglich, aber schwierig, fand ich immer. Wenn alles, was zur Schöpfung gehört, ehrfurchtsvolles Leben ist, wie kann ich da für manche Lebensdinge Ehrfurcht empfinden? Und dann vor allem, ist meine Ehrfurcht vor dem Leben irgendeine Hilfe, mich im Leben besser zurechtzufinden oder dem Leben etwas Gutes zukommen zu lassen? Mir schien stets, dass es mir viel leichter fallen würde, Ehrfurcht vor den Zusammenhängen des Lebens zu empfinden, vor den komplizierten gegenseitigen Abhängigkeiten und Beeinflussungen. Doch auch hier geht sofort wieder ein wildes Philosophieren los. Wie gemein kann die Natur, wie gemein können Krankheiten und Kranheitserreger sein, wie unsäglich manche Übergänge zwischen kranken Organen! Dem allem mit Ehrfurcht begegnen, warum eigentlich und was ist der Gewinn davon – das war meine Frage an Albert Schweitzer, die ich nie so recht los wurde. Dennoch ist seine Formel mit der Ehrfurcht vor dem Leben energievoll und bedenkenswert.

Worüber ich allerdings dennoch einigermaßen staune, ist die Tatsache, dass ich bei einem sehr ähnlich klingenden Slogan keinen Augenblick auf dumme Gedanken komme. Er lautet: Ehrfurcht vor der Erde. Da geht mir das Herz auf und ich verstehe intuitiv und auf Anhieb, was damit gemeint ist und was wir beide, die Erde und ich, von dieser Einstellung haben.

In diesem Sinne mit ehrfürchtigem Gruß an die Erde, die so schrecklich unter uns Menschen leidet und uns dennoch von ganzem Herzen ehrenrührig verzeiht,

herzlich

Wenn es regnet

Mir kam ein alter Zettel eines unserer Kinder in die Hand, ein Din-A4-Blatt vorn und hinten in großer Schnürchenschrift beschrieben und eingeteilt in drei Sparten. Sie haben eine gemeinsame Überschrift: « WENN ICH ES LANGWEILIG HABE.» Die drei Unterüberschriften haben jeweils Nummerierungen und lauten: «Wenn die Sonne scheint!», «Wenn es regnet» und «Wenn es schneit”.

Emils Spielplan

Die Einträge des Kindes sind ein Beweis für die uralte These der Philosophen, dass viele große Menschheitsleistungen auf das Erlebnis der Langeweile zurückgehen.

Aus Langeweile nämlich geht das Kind laut Zettelplan bei Sonnenschein raus und fährt mit dem Fahrrad, Einrad oder Gokart und es schaukelt. Wenn es schneit, geht es ebenfalls raus und baut Schneemänner oder Iglus, geht schlittschuhlaufen und baden und macht Schneeballschlachten. Alle diese Aktivitäten werden laut Überschrift des Gesamtplans notabene aus Langeweise ergriffen.

Dann gibt es noch die Schlechtwetterrubrik, da steht Lesen, Schreiben und Malen auf dem Programm, Bauen, mit kleinen Autos spielen und Instrument üben. Wenn wir diese Spalte interpretieren wollen, kommt dieses Kind nur dann auf diese Ideen, wenn es regnet. Regen heißt also automatisch drinnenbleiben. Und noch etwas: Die Sonnenvariante und die Schneeflockenvariante listen Bewegungsspiele und Muskelbetätigung, diese wiederum haben für das Kind kausal mit Sonnenschein und Winterglück zu tun. Die Regenvariante bedeutet rumhängen, in der Wohnung irgendwo liegen oder sitzen, bedeutet Kopfarbeit. Das erinnert auch ein bisschen an gängige Schule.

Regenwetter wird in der Erwachsenenwelt und anscheinend auch bei vielen Kindern als schlechtes Wetter eingestuft. Ein Regentag ist ein shitty day, da macht das Leben keine Freude. Dies bedeutet aus Sicht jenes Kindes, das sich diesen dreistufigen Langeweileplan ausgegeckt hat, dass, wenn es drinnen sein muss, ein schlechter Tag ist.

Ist es nicht bedauerlich, wenn Kinder nicht rausgehen dürfen wie sie wollen? Doch wenn das so ist, wird die folgende Frage wichtig: Wie wäre das Drinnen zu gestalten, dass es die Kinder wie einen Sonnentag erleben?

Herbstgesang der Rotkehlchen

Wenn ich in diesen Tagen an der Hecke stehenbleibe, wo mir im vergangenen Frühling ein Rotkehlchen in unmittelbarer Entfernung auf Augenhöhe und jeden Tag aufs Neue schrille Töne ins Gesicht schmetterte, als hätte ich unverzüglich das Feld zu räumen, begegnet mir im gleichen Vogel jetzt ein liebevolles und sehr zurückhaltendes Lebewesen mit einer feinen, leicht überhörbaren Stimme. Es ist das gleiche Rotkehlchen wie im Frühling, das gleiche Exemplar, ganz bestimmt, doch es blickt mich nur indirekt an, sitzt entfernt über mir in den Zweigen und gibt einen lieblichen Gesang von sich, der mit entwaffnender Innerlichkeit an meine Seele rührt.

Kein anderer als der Arzt, Biologe und Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989), der selbst die meiste Zeit seines Lebens ein Schreihals war und sich weiß Gott was auf seine Intelligenz einbildete, fand Worte für den Herbstgesang der Rotkehlchen, wie sie feiner nicht ausfallen könnten. Der berühmte Mann, Nobelpreisträger seines Zeichens, hatte neben seinen permanenten Revierverteidigungsinstinkten feine und feinste Saiten. Je nach Stimmung und Jahreszeit – und Tier, das ihm begegnete – kamen sie zum Vorschein.

«Wir wissen wohl,» schrieb er 1942 in der Zeitschrift für Tierpsychologie, «dass dem Vogelsang eine arterhaltende Leistung bei der Revierabgrenzung, bei der Anlockung des Weibchens, der Einschüchterung von Nebenbuhlern usw. zukommt. Wir wissen aber auch, dass das Vogellied seine höchste Vollendung, seine reinste Differenzierung dort erreicht, wo es diese Funktionen gerade nicht hat. Ein Blaukehlchen, eine Amsel singen ihre kunstvollsten und für unser Empfinden schönsten, objektiv gesehen am kompliziertesten gebauten Lieder dann, wenn sie in ganz mäßiger Erregung, ‹dichtend›, vor sich hinsingen. Wenn das Lied funktionell wird, wenn der Vogel seinen Gegner ansingt, oder vor dem Weibchen balzt, gehen alle höheren Feinheiten verloren, man hört dann eine eintönige Wiederholung der lautesten Strophen. Es hat mich immer wieder geradezu erschüttert, dass der singenden Vogel haargenau in jener biologischen Situation und in einer Stimmungslage seine künstlerische Höchstleistung erreicht wie der Mensch, dann nämlich, wenn er in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert.»

Wenn das nicht zu einem besinnlichen Herbstspaziergang einlädt?! Das tut es wirklich. Deshalb bin ich dann mal weg.

Einen schönen Sonntag wünscht,

herzlich

 

Schönheit des Sterbens

Heute Morgen, die Sonne stand schwächelnd etwas über dem Horizont, gingen wir an einer nassen Wiese entlang, auf welcher halb im Schatten Blätter vom nahen Waldrand herangeweht worden waren. Drei abgefallene Herbstblätter lagen ausgestreckt und leicht übereinander gelegt im Gras, ein Ahorn-, ein Eichen- und ein Buchenblatt, verschieden groß, verschieden gefärbt und erst recht verschieden gestaltet und trotz des fortgeschrittenen Stadiums ihres Sterbens immer noch ganz so, dass sie idealtypisch die Bäume repräsentierten, von denen sie einen Tag zuvor abgefallen waren.

Wieso ich weiß, dass sie vor einem Tag abgefallen waren? Sie waren alle drei im gleichen Stadium des beginnenden endgültigen Zerfalls. Weshalb sie mir während des ganzen folgenden Gangs durch Wälder und über Wiesen nicht aus dem Sinn mehr gingen, waren die Blattränder, die alle drei Blätter auf die gleiche Weise gezeigt hatten. An den fein ziselierten Rändern hatte sich in noch viel feinerer Ziselierung der Frost festgefressen. Er saß rundherum an den feinrissig gezackten Blätterenden und gab ihnen eine Art eisernen Bands. Bissig, als hätte er sie mit seiner bitteren Kälte im Würgegriff.

Die Blattoberfläche selbst war durch die Oberflächenspannung, die die Blätter auch im Zerfall noch besaßen, frostfrei. Als wollten sie auch in diesem Zustand und bei dem bisschen Sonne nochmals aufleben und, wer weiß, das Unmöglich versuchen, nämlich die Fotosynthese – es sah nur so aus, klar, dass sie wussten, dass dieses Kräftespiel vorbei war, aber ausgesehen hatte es, als wollten sie es nocheinmal probieren.

Oh dachte ich, jedes dieser Blätter ist zuersts verdurstet, und als gar kein Saft mehr vom den Zweigen in die Blätter kam, fielen sie ab. Erstickungstod. Doch ihr vegetatives Leben war noch lange nicht zu Ende. Unter anderen abfallenden Blättern verschwindend, verloren sie das Lichtbewusstsein, ein zweiter Tod. Und die, die etwas weiter wegflogen, zum Beispiel in die Wiese, auf der ich gerade stand, bei denen fraß sich der Frost an den Seiten fest, dritter Tod.

Und noch immer lagen die drei Blätter da, als hätten sie ein Geheimnis zu bewahren, und sie schenkten meinen Augen Freude und Heiterkeit, diese Lebens- und Verwandlungskünstler ganz am Ende ihres so gekonnten, ästhetischen Sterbens.

Wer hat das Recht so etwas zu sagen?!

Es gibt Dinge, für die wir nicht aufmerksam genug sind. Auch Begriffe gibt es und ebenso Gedanken, denen gegenüber wir nicht genügend aufmerksam sind. Besonders tückisch dabei ist, dass solche Unaufmerksamkeiten die Angewohnheit haben, nicht bemerkt, nicht bewusst wahrgenommen zu werden.

Wir seien zu viele, das ist für mich ein solcher Gedanke. Es gebe zu viele Menschen auf der Erde, das höre ich immer öfter, auch von Menschen, die nicht gerade typisch dafür sind, dass sie Gemeinplätze von sich geben. Der Gemeinplatz, wie seien zu viele, ist frei heraus gesagt eine Gemeinheit für alle diejenigen Menschen, die ich als die zu vielen vor Augen habe, denn irgendwelche Menschen muss ich ja damit meinen, wenn ich diese Überzeugung äußere.

Wir sind mehr als vor einem Jahr, viel mehr als vor fünf, zehn, fünfzig Jahren. Wenn wir sagen, es seien zu viele, dann müssten wir auch mutig sagen, wen wir opfern würden oder weghaben wollten, um nicht mehr zu viele zu sein. Das kann niemand mit gutem Gewissen. Und keine Wissenschaft hat bisher die Aussage erhärtet, dass wir Menschen zu viele sind.

Etwas anderes ist – und darüber ist das Gespräch sinnvoll und nötig – die Behauptung, viele von uns würden einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, der von der Erde ab einer gewissen, inzwischen vielleicht erreichten, Menge nicht mehr verkraftet werden kann. Das ist ein diskussionsfähiges Thema, doch darüber höre ich viel weniger als über die immer häufiger zu hörende Klage, wie seien hier auf diesem Globus inzwischen zu viele.

Erde nie verlassen

Zur Zeit werden wieder neue Programm für die europäische Raumfahrt aufgegleist. Wer wie ich vom Goethewort überzeugt ist, dass der Mensch der genaueste physikalische Apparat sei, den es je gegeben hat und geben kann, dass er also mehr vom Universum weiß als alle Teleskope, Raumsonden und Extramissionen, die je ins Universum guckten oder im Weltall unterwegs waren, versteht das Engagement für solche Projekte vermutlich schwerer als ein junger Physiker, der in die Raumschifffahrt einsteigen möchte und genau verfolgt, durch welche neuen Unternehmungen vielleicht eine Tür für seine Träume aufgegangen sein könnte…

Wie erfolgreich von solchen Dingen auch immer berichtet wird und wie sehr sich kluge und noch viel klügere und genial kluge Leute daran erfreuen, weil diese Dinge ihre Kinder sind, wir sollten nicht vergessen, dass wir Menschen, in was für Weiten vom Planeten Erde wir auch vorbeigeflogen und darüber erstaunt gewesen sind, wie schön und berührend dieser bläulichweißgrüne durchschimmernde Ball vor tiefschwarzem Hintergrund in der Schwerelosigkeit leuchtet, doch stets die Erde auf diese Reisen mitgenommen und also auch die Verpflichtung mitgenommen haben, allem voran dieser Erde selbst Dankbarkeit und Bewunderung entgegenzubringen.

War jetzt ein etwas ungerader Satz. Geht auch einfacher. Wir nehmen, wenn wir ins Weltall fliegen, den Sauerstoff von der Erde mit. Wir nehmen, wenn wir ins Weltall fliegen, die Temperatur von der Erde mit. Wir nehmen, wenn wir ins Weltall fliegen, die Sprache von der Erde mit. Vielleicht ist auch unsere Mathematik eine Mathematik der Erde, die wiederum ein Teil des Universums ist – auch die nehmen wir mit. Wir nehmen, wenn wir ins Weltall fliegen, Nahrung von der Erde mit, Kleidung, Sehnsucht, Freude, eigentlich nehmen wir alles von hier mit.

Wir sind und bleiben Bürger dieser Welt, unserer Erde, und es gibt sie nur einmal. Ich kann mich darüber jeden Tag freuen.

 

ver…

Ver…rückt? Ver..deckel? Ver…rannt? Ver…standen? Ver…setzt? Ver…flucht? Ver…da…?

Nein: Vergeigt? – Er habe es vergeigt, sagte heute ein Freund am Schluss seiner Erzählung. Es ging um einen Autor, der die Frau seines Lebens gefunden habe, während sie in ihm den Mann ihres Lebens gefunden habe. Und trotzdem seien sie nicht beisammen geblieben, sondern sie habe einen anderen Mann und er eine andere Frau geheiratet.

Soweit die Realebene. Die nächsthöhere Ebene in der Erzählung war die eigentlich berührende. Die beiden füreinander Bestimmten seien zwar nicht zusammengeblieben, doch sie seien es andererseits schon. Er ist nämlich tot, früh an einer schweren Krankheit gestorben. Sie ist mit ihm in Verbindung, so habe sie es ihm, dem Erzähler, geschlidert. Wann immer sie wolle, besuche er sie (wir würden platt sagen: im Geiste) und gebe ihr, wenn sie ihn frage, Antworten und Tipps. er war nämlich Arzt.

Ja schade, endete der Erzähler diese Geschichte, wären sie doch im Leben auch zusammengeblieben. Sie hätte es ja gewollt, er leider nicht. Tja, er hat die Sache vergeigt.

Seit dieser Geschichte, deren überirdischen Flair ich nicht wiedergeben kann, während des Erzählens aber gespürt habe, seit diesem Tanz von Begegnungen, Abschieden und Wiederbegegnungen in anderer Form, vor allem seit dem Schlusskommentar unter dieses feinstofflichen Gefüges durch das Wort «vergeigt» höre ich in meinem inneren Ohr die Geige ganz anders, abgründiger und erhebender noch als bisher. Im ersten Moment dachte ich, das passt nicht, unter eine solche Geschichte das Schlusswort «vergeigt» hinzupfahlen. Doch da ist ein Flair, da klingt etwas an, was nur durch eine Geige erklingen kann…

Das mit dem Teilen

An der Haustüre hatte es geklingelt. Eine alte Nonne stand da und fragte fein und zurückhaltend, ob sie mal ein bisschen in unser Haus schauen dürfte. Wir wohnte da als sechsköpfige Familie, da war ganz schön viel los, wie wir fanden. Wir ließen die Frau herein und sie fing schon bald an: «Ja, das war die Tür ins Bad. Und hier das Geländer an der Treppe nach oben, ich erinnere mich.» Und immer so weiter. Die Nonne hatte als Kind im Krieg in diesem Haus gewohnt, es sei damals bis unters Dach von verschiedenen zwangseinquartierten Partien bewohnt gewesen, fünf Familien insgesamt.

Fünf Familien gegen zwei Eltern mit vier Kindern. Wir waren erstaunt.

Gestern im Radio hörte ich, Rentner und Pensionen seien in in den letzten Jahren finanziell so gut aufgestockt worden, dass sie abzüglich der Teuerungsprozente immer noch 8% zugelegt hätten. Nobel, dachte ich, wo andere Gehaltsempfänger nicht mal die Teuerung verrechnet bekommen.

Und gerade eben hatte ich ein Telefonat mit einem Achtzigjährigen, der mir erzählte, dass sein hundertjähriger Vater vor einigen Tagen gestorben sei. Herzstillstand nach hundert Jahren. Ja, und dann sagte der Mann noch:

«Corona, das hat doch auch was Gutes, nicht wahr?!»

Ixh fragte: «Wie meinen Sie das?»

«Na, jetzt müssen wir endlich lernen zu teilen!»

Ich muss jetzt aufhören, es ist kurz vor dem Mittagessen und wir haben unsere alte Nachbarin eingeladen. Teilen ist schön, wer das noch nicht selbst rausgefunden hat, soll sichs hiermit hinter die Ohren schreiben.

 

Dünnes Eis

Ich war als Kind und auch später oft auf Seen und Kanälen schlittschuhfahren. Einmal habe ich mir nachts auf einem See sogar eine Rippe gebrochen – ich konnte das Loch nicht erkennen, in dem der linke Schuh steckenblieb.

In letzter Zeit bin ich nicht mehr dazu gekommen. Das Eis ist zu dünn geworden. Ist es das? Oder war mir früher egal, wie dick oder dünn das Eis sei und jetzt bin ich vorsichtiger? Oder liegt’s an den unzuverläßig gewordenen Wintern?

Es ist erstaunlich, wie mutig sich Menschen früher auf dünnes Eis begaben, um Schlittschuh zu laufen und in den Genuss der Schwerelosigkeit beim Pirouettendrehen zu kommen. Sie sind auch gar nicht so selten eingebrochen und entweder ertrunken oder mit Leitern und dergleichen abenteuerlich gerettet worden.

Daraus lässt sich Allgemeines ableiten, zum Beispiel, dass der Mensch früher das dünne Eis in der Natur suchte und dass er dieses Feeling, wie andere Dinge auch, brav durch die Evolutionsgeschichte trug. Inzwischen überträgt er dieses eisige Vergnügen auf weniger haptische, aber im Haptischen durchaus spürbare Ebenen, auf die Börse etwa oder die Ozonlöcher. Es gibt immer noch Leute, die mit ihrem ganzen Geld spekulieren, und es gibt andere, die trotz massiver Warnungen schon am ersten Ferientag im Süden so lange in die Sonne liegen, dass ihre verbrutzelte Haut, na, da hätten sie auch gleich in die Mikrowelle sitzen können.

Der Mensch liebt das dünne Eis. Freud ging noch weiter, wenn er in seinem absolut inkonsistenten Text Über das Unbehagen in der Kultur behauptete, wir würden nicht nur immer wieder das dünne Eis suchen, weil es uns anzieht, nein, wir würden uns am wohlsten fühlen, wenn das Eis bricht und wir die Auslöser dafür sind. Todestrieb. Kultur war für Freud eine Sicherheit diesseits der Eisschicht, die nur bürgerliche Kleingeister interessierte. Auf dieser sicheren Seite fühlte sich Freud selber anscheinend freudlos unwohl. Doch statt die Schlittschuhe umzuhängen und loszuziehen und tiefe Furchen ins Eis zu ziehen, rauchte er seine Zigarren und schrieb sich sein Unbehagen von der Seele.

Vermutlich aber hat er, was die anderen betrifft, die, die nicht so leben können wie er, vermutlich hat er all diese anderen richtig eingeschätzt, wenn er meint, dass sie sich unwohl fühlen und deshalb permament mit dem Rand, wo das Eis ins offene Wasser übergeht, sympathisieren, und wo der, der über die Demarkationslinie hinausschlittert, im kalten Wasser absäuft und auf Grund geht. Das ist der eine Teil in uns.

Der andere Teil in vielen von uns ist der Heimwerker und Baumarktkunde, der zur Zeit sein Geld und seine Freizeit in die Isolierung seines Eigenheims investiert und einen zusätzlichen Ofen an den Kamin dranhängt, damit die Winterszeit kein Deutsches Wintermärchen werde. Da zerrinnen sie vor biederem Glück und schwelgen vor sich her, verklärt in ew’gen Wonnen, unberührt von Unbehagen, im Gegenteil.

Simpel, sagen sie.

Sie haben einfach Rezepte. Nur, gekocht wird mit diesen Rezepten kaum. Warum denn auch nicht?

Sie, deren Namen ich hier nicht nennen will – sie sind allzu bekannt, Heiler, Politiker, Künstler, Mystiker, Naturwissenschaftler –, sie geben auf die Frage, wieso sie einen so großartigen Umgang mit diesen Rezepten haben, immer die gleiche Antwort.

Er war nicht einer von ihnen, hatte auch nicht die gleiche Antwort wie sie, aber eine ähnliche. Der Mann war Lehrer an meinem Gymnasium. Er gab uns Stunde in Mathematik, eine einzige. Er hatte eine Vertretungsstunde übernommen, ging im Gang zwischen den Tischreihen hin und her und entfaltete alle denkbaren Entschuldigungen, die man als Schüler so haben kann, um jetzt im Moment etwas anderes zu machen als mathematische Lösungen anzugehen. Ja, was kann man da machen, wenn es mit der Mathematik immer schwieriger wird, fragte er. Es gibt nur eins, sagte er und dieses eine ist mit einem einzigen Wort gesagt. Er sprach nicht weiter wie bisher, sondern dieser riesige Lehrer, von dem wir nicht wussten, wie er tickte, schrie plötzlich mit schmetternder Stimme ein Wort, dieses einzige Wort ins Klassenzimmer: ANFANGEN.

Ok, die Botschaft war klar. Und die anderen, die wirklich die Welt verändert haben? Die großen Namen der Menschheitsgeschichte? Wenn du die fragst, wie sie es zu dem gebracht haben, was durch ihr Lebenswerk Gutes für andere entstanden sei, sie schreien dir nicht dieses Wort ins Gesicht, aber was sie sagen ist ähnlich: KONZENTRATION sagte ein großer zypriotischer Eingeweihter. WAHRNEHMEN war die Antwort eines anderen, wieder ein ditter sagte: WAHRSPRECHEN.

Aus allen diesen Stellungnahmen klingt heraus, dass kein Aufschub sei. Und dass man etwas Zeit mitbringen soll.

Also, ich höre hier jetzt auf, in meinen Ohren klingelts, wie wenn mich der Tinnitus erwischt hätte: Es gibt zu tun.