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Zátopek

Auf die Frage, warum er beim Laufen solche grässlichen Grimassen schneide, sagte Emil Zátopek einmal, er könne nicht alles gleichzeitig. Schnell laufen und gleichzeitig auch noch dafür sorgen, dass sein Gesicht keine Grimassen mache, das übersteige seine Fähigkeiten. Der tschechische Läufer wurde rund um den Globus für seine unberechenbaren Sprüche geliebt, und als Langstreckenläufer wurde der vielfache Olympiasieger und Weltrekordhalter geradezu vergöttert, sogar von seinen Feinden.

Kürzlich sah ich einen Mitschnitt seines Marathonlaufs 1952 bei den olympischen Spielen in Helsinki. Er rannte wie immer, unschön, zu Späßchen aufgelegt, mit einem schrecklich verzerrten Gesicht und hochgezogenen Schultern, und dann, einige Kilometer später, mit dem Kameramann feixend, der auf dem Motorrad neben ihm herrollte. Zátopek der Verwandlungskünstler, der Mann für Überraschungen.

Als dieser Emil Zátopek bei diesem Marathon plötzlich mitten im schnellen Lauf vor diesem nebenher fahrenden Kameramann lachend beide Arme durch die Luft nach vorne stieß und sie, immer weiter rennend, parallel zu sich an den Körper heranzog, war die Botschaft klar: Er gab zu verstehen, dass man ihn doch bitte ein Stück ziehen solle, würde diese Hilfe doch das schwere Vorankommen sichtlich erleichtern.

Als ich das sah, runzelten sich meine Stirnfalten. Vorsicht, Freund, mach keine Dummheiten, dachte ich. Doch es wurde noch schlimmer. Als Zátopek einige Kilometer vor dem Ziel knapp hinter dem ersten Läufer hundertachtzig Grad um eine Wendeboie herum musste und dabei den bei der Boie stehenden Kontrolleur mit seiner linken Hand berührte und einen Augenblick festhielt (oder sich an ihm vorbeizog), fiel mir fast das Herz in die Hosen. Disqualifiziert, beurteilte ich die Lage aus dem Stand. Heute würde man dich mit einer solchen Tat disqualifizieren, mindestens, dachte ich erschreckt.

Da befiehl mich ein noch viel finsterer Gedanke: Wie würde es diesem lustigen Gesellen heute ergehen, wenn er sich den gleichen Auflagen ausgesetzt sähe wie wir sie täglich über uns ergehen lassen müssen? Würde Zátopek die Maskenpflicht in den Wind schlagen? Käme er heute davon mit diesem Lachen, Grimassenschneiden, Mitten-Im-Rennen-Leute-Fremde-Anfassen noch geduldet? Darf es heute noch Emil Zátopeks geben?

Doch, am Lichte besehen, die eigentliche Frage ist doch, wie ich komme auf solche unzusammenhängenden Gedanken? Geht es mir beim Schreiben wie es Zátopek beim Laufen ging – ich kann nicht schreiben und dabei auch noch was denken…

Nazuna

Eine Nazuna ist in Japan ein Blümlein, vergleichbar mit unserem Gänseblümchen. Nun kenne ich ein berühmtes japanisches Haiku von Basho, das der Wahrnehmung der Nazuna gilt. Gibt es ein vergleichbares Gedicht über Gänseblümchen? Rosen ja, Veilchen vielleicht auch noch, Lilie, klar, aber hat schon mal jemand auf die Gänseblümchen so geschaut wie Basho damals auf die unscheinbare Nazuna in der Hecke? Mir kommt nichts in den Sinn.

Doch, eins kommt mir in den Sinn, allerdings in Schanfigger Dialekt. Das Schanfigg ist ein langgestrecktes Walsertal im Schweizer Kanton Graubünden. Dereinst sollen Schanfigger Männer aus dem Tal weg- und in die Fremdenlegion gegangen sein. Da sei einer in der Fremde auf eine Wiese gekommen und habe auf ihr Gänseblümchen entdeckt. Im Schanfigg heißen sie Glinzali, weil ihre weiß umrandeten Äuglein glänzen wie kleine Sonnentupfer im Schnee. Da habe der Fremdenlegionär gesagt ‚luah do, Glinzali wia uf Parweig und sii hiighiit und gschtorba‘, schau Gänseblümchen wie auf meinem Heimathof Parweig, sei hingefallen und gestorben.

Die ästhetische Erfahrung des Soldaten war eine andere als die des japanischen Wanderers, Mönchs und Haikudichters Basho aus dem 17. Jahrhundert. Deshalb und überhaupt nahm sie ein anderes Ende. Das eine Erlebis endete mit dem Tod, das andere mit einer Erweiterung der Erfahrung, beide Begegnungen mit einem solchen kleinen Blümchen sind erstaunlich und wenig haptisch.

Ich stand eben auf einer kleinen Wiese und schaute auf ein Meer von Gänseblümchen. Dies tat ich heute am gleichen Flecken schon öfters und wusste deshalb am Abend, also jetzt, wo ich es festhalte, dass sie sich mit ihren kleinen Sonnentellerchen im Laufe des Tages mit Blick zur Sonne langsam von Osten nach Westen bewegt haben. Das ist eine bekannte Tatsache, aber ich habe sie heute so intensiv erlebt, dass diese Gänseblümchen, Tausendschön, Sonnentürchen, Marienblümchen oder Margritli oder eben Glinzali, darauf reagierten. Als ein feiner Tusch von einem Hauch von Abendwind durch sie hindurchging, schüttelten sie sich zart wie ein Starenschwarm am Himmel, wie ein kleines Tierchen, das sich trockenschüttelt. Mir schien, sie hätten es mir zuliebe getan.

Bin ich im Zustand multipler Trance? Einer wilden Mischung aus philosophischen Gedanken und ästhetisch überhöhten Empfindungen, die wie Blitzableiter meiner Wahrnehmung einen kleinen Gänseblümchenorkan auslösten. Bin ich nicht nur in einem morphologischen Feld, wo derlei Zustände die Regel sind, sondern bin ich selber schon dieses Feld? – Die Erschütterungen in der Welt schlagen sich inzwischen schon beim Anblick eines Gänseblümchens nieder.

 

Teekesselchen ‚Löwenzahn‘

Stimmt, das Wort ‚Löwenzahn‘ ist ein Teekesselchen, einmal bezeichnet es den Zahn eines Löwen und dann ist damit die gelb strahlende Blume in Wiesen und Gärten gemeint. Leider auch Gärten, sagen die Rasenfetischisten. Dabei gibt es nun verschiedene Möglichkeiten, Löwenzähne von ihren heiligen Plätzen wegzutilgen. Alle kommen zur Anwendung, manche sind lebensdynamischer, andere lebensfeindlicher.

Vielleicht ist die Bezeichnung ‚lebensfeindlich‘ nicht hilfreich, wenn wir die Technik, den Löwenzahn mit Gift vom eigenen Rasen zu bannen als schlichtweg lebensfeindlich bezeichnen. Ich meine allerdings, dass es genau so zugeht und sage deshalb: lebensfeindlich. Einige Straßen weiter steht ein Einfamilienhaus, der Standort ist direkt am Rand der Bauzone. Vor dem Haus ein perfekter Rasen, wie frisch ausgerollt und noch von niemand je betreten, gerade eben mit feinem Wasserstrahl besprüht, vom Mähroboter namens Bobby dauerkurzgehalten. Und da das Haus das letzte innerhalb der Bauzone ist, steht es einer riesigen blühenden Wiese gegenüber, die sich wie eine große Lunge vom Bergpark hinunter in die Innenstadt Kassels zieht und alles an Gräsern und Blumen anbietet, was eine solche Wiese anzubieten hat. Auf der einen Seite also ein vielbuntes Grün mit Kräutern und Stengeln und dickem, sonnig warm strahlendem Löwenzahn, dort ein Grün, ich wäre versucht zu sagen, es sei ein Ives-Klein-Grün, doch Ives Klein hat nicht mit Grün, sondern mit Blau gemalt, wissen wir alle, schon klar. Wie auch immer, bei diesem Rasen kann nur Gift im Spiel sein. Das Immunsystem des Idealrasens ist gegen Löwenzahn geimpft. Funktioniert und ist eine Augenweide für alle Extrem-Rasen-Freunde, zu denen ich mich gerne zähle.

Eine andere, arbeitsintensivere Methode, allerdings ohne Gift, dafür mit Hinterlist und Vorsätzlichkeit, ist, die gelben Löwenzahnköpfe abzuzwicken und in der Biotonne zu entsorgen – nur ja nicht auf dem Kompost im eigenen Garten, denn da macht die geköpfte Blume, ihrem Genius entsprechend, eine Notreifung durch und legt Millionen Samen in die entstehende Kompsterde, die dereinst im Garten ausgegeben wird.

Diese Methode ist recht erfolgreich, wenn auch nicht 100% sicher wie die andere mit der Vergiftung, Impfung, manche nennen es, siehe oben, Immunisierung. Unser Wieschen hinter dem Haus, das Räschen, erfährt diese Behandlung und ist weitgehend löwenzahnfrei, weitgehend – und das ist ein Unterschied. Es kommt vor, dass einer von uns mitten im Teetrinken oder einfach so Sitzen auf der Terrasse aufsteht und irgendwo in einer abgelegenen Ecke eine einzelne, verschämt das Sonnenlicht tankende Blüte sichtet, stracks darauf zusteuert und sie ausreißt und in der Biotonne, siehe ebenfalls oben, entsorgt. Endlagerung. Eine solche dauernde Geistesgegenwart und aufopfernde Rasen-Diene-Haltung dem simplen Leben gegenüber kann man natürlich nicht jedem Menschen abverlangen, aber wir leben so.

Nun schafft es bei dieser lebensnahen, chemiefreien Methode doch jedes Jahr der eine oder andere Löwenzahn, unsere regelmäßigen Razzien erfolgreich über sich ergehen zu lassen und zu überleben. Dann treibt er sofort seine pfahlenden Wurzeln bis tief in die Erde hinab. Dann wird er seinem Teekesselchen gleich – ich möchte es jedenfalls nicht versuchen, einem Löwen einen Zahn auszuziehen. Diese Wurzeln lassen sich nicht einmal sauber ausgraben, so tief und widerständig sind sie, herrlich eigentlich.

Ja, so ist das mit dem Löwenzahn im Garten und auf dem Rasen. Und wie ist das mit Bakterien und Viren in unseren Organen? 

«Das Herz ist analog»

Der us-amerikanische Dialogforscher William Isaacs hat vor über zwanzig Jahren eine interessante Feststellung gemacht. Er hat sich zu einem frühen Zeitpunkt Gedanken über die ‚digitale Revolution‘ gemacht, die in den 1990er-Jahren ja noch ganz woanders stand als heute.

Isaacs schrieb damals, dass diese Revolution zwar Verbindung, aber nicht Kontakt bringe. Damit meint er, dass über digitale Medien zwar die Ebene des Informationsaustauschs verstärkt, aber keineswegs mehr Kontakt zwischen den Menschen aufgebaut werden könne. Kontakt heißt Begegnung, Analogizität, Verbindung auf vielen Erfahrungsebenen, heißt auch Haptik und Sinnlichkeit.

Verbindung sollte nicht mit Kontakt verwechselt oder gleichgestellt werden. Was heute allerdings oft geschieht, ist, dass die Verbindung über den Kontakt gestellt wird. Dies wird uns auf Dauer unglücklich machen, deshalb sollten wir es in dieser Richtung gar nicht erst weiter versuchen.

Das schlagende und (mich) restlos überzeugende Beispiel ist das Herz! Wir können heute mehr Informationen austauschen, aber nicht unbedingt mehr Verständnis, Einsicht, Weisheit oder gar Herz, wie Isaacs treffend bemerkt. Seine wichtige Erkenntnis ist die, dass das menschliche Herz analog ist, nämlich kontinuierlich, fließend, wellenartig, wir könnten ergänzend sagen, es ist erhebend, sonnwärtsgericht, geistdurchseelt.

Ein solcher Schatz, den jede und jeder von uns in sich trägt, lässt sich nicht fragmentieren und in Informationspakete zerlegen und irgendwo an irgendeinem anderen Ende irgendeiner Leitung einfach wieder zusammensetzen. Das lässt unser Herz einfach nicht mit sich machen – und wir wissen das.

Du weißt das!! Und dieses Wissen hat tröstliche Konsequenzen.

Mein Herz schlägt nur so lange gut, als es analog schlagen darf, gemeinsam mit den Herzen anderer Menschen. Spätestens heute hat der Gedankengang von William Isaacs zwingende Aktualität.

…oder doch keine Visionen?

Vielleicht braucht die Welt ja auch keine Visionen? Denn bei genauerer Untersuchung erweist sich das, was gemeinhin als Vision bezeichnet wird, als brüchig, fragwürdig, vielleicht sogar schwarzmagisch?

Und übrigens, es ist leichtsinnig, in einer Befragung der Begriffe zur Klärung mit weiteren Begriffen wie ’schwarze Magie‘ zu operieren. Da sieht man schon bald den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und die Fragen wachsen erst recht in den Himmel, statt dass Klärung kommt.

Also lasse ich diese Unterscheidung in schwarze und weiße Magie und erinnere an die Entdeckung, dass, wer Visionen, Inspirationen, Intuitionen hat, diese von denen, die ihnen ausgesetzt sind, kommentiert und gegebenenfalls abgesetzt werden können. Ich gehe auf den Zusammenhang von ‚Vision und Feedbackschlaufe‘ ein. Sobald solche Schlaufen bei der Umsetzung von Visionen an der Tagesordnung wären, bräuchte ich mich nicht von Leuten vereinnahmen zu lassen, die, wie sie ja immer sagen, für mich ihre guten Visionen ausgedacht haben, Dinge, die ich selber weder brauchen noch eigentlich tolerieren kann.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ganz gut ohne Navigationsgeräte im Auto auskäme und auf Sportarten verzichten könnte, die nur mit GPS-geräten betrieben werden können. Der Preis für die Hilfe solcher Systeme könnte, wenn man mich fragte, zu groß ausfallen, als dass ich ihn freiwillig bezahlen wollte. Auch das kabellose Telefonieren dürfte meines Erachtens nur so weit ausgebaut werden, wie es nicht exklusiv wird mich nicht vom Telefonieren ausschließt, wenn ich mich des kabellosen Telefonierens enthalten möchte. Sobald Exklusivität, was ja nichts anderes bedeutet als Ausschluss, bei der Frage des Telefonierens nicht mehr länger der bestimmende Faktor ist, wird sofort die Frage nach der Berechtigung entstehen, ob es richtig sei, alle öffentlichen Telefonkabinen abzubauen und zu entsorgen.

Ich bin mir fast schon sicher gewesen, dass die Visionen Franz von Assisis solche waren, gegen die es keine Einwände geben kann. Zu einfach, sagen die Gegner der Selbsterhebung der menschlichen Seele. Und wenn sie das sagen, bringen sie gegen Franziskus die gleichen Argumente ins Feld wie ich gegen manche Idee aus Silicon Valley.

Visionen für die Welt

Visionen braucht die Welt.

Leicht ist so etwas gesagt, doch schwer ist es, dem Gesagten einen Inhalt zu geben. Denn die Frage, was Visionen sind, hat es in sich und lässt sich schwer oder gar nicht beantworten. Hat der gegenwärtig erfolgreichste Autohersteller Visionen? Haben Gewaltherrscher oder Staatpräsidenten Visionen? Sportler, Künstler, Wissenschaftler, Philanthtropen, Erfinder, wer von ihnen ist am ehesten für Visionen geeignet? Und wer ist dazu völlig ungeeignet? Gibt es gute und schlechte, förderliche und zerstörerische Visionen?

Weitere Fragen: Sind Visionen dann wirklich, wenn sie ins Große greifen? Die Welt verändern? Oder kann mein Versuch, heute zu allen Menschen, die mir begegnen, freundlich und entgegenkommend, offen und interessiert, absichtslos und empathisch zu sein, als Vision bezeichnet werden?

Beispiele für Visionen sind schwerer zu finden als im ersten Moment gedacht. Der Erfinder des Roten Kreuzes, Henri Dunant, hatte er eine Vision? Wenn ich mich zurückerinnere, wie Ruppert Neudeck, der Ermöglicher von Cap Anamur und Erfinder der Grünhelme, manchmal von Entgleisungen innerhalb der Machenschaften beim Roten Kreuz erzählte, kommen mir Zweifel.

Überall wo Zweifel an Visionen aufkommen, steht die Vision selbst nicht nur zur Debatte, sondern regelrecht zur Disposition. Hatten die großen Welteroberer Visionen? War es die Vision Napoleons, in Paris mit hunderttausenden von Soldaten loszumarschieren und nicht früher Halt zu machen, als bis Russland erobert und Europa durch seine Hand befriedet sei? Wie wir wissen, war er Jahre später mit einigen versprengten Heimkehrern als Verlierer wieder in Paris aufgetaucht, während das Heer in den Wintermonate 1812/13 auf der Flucht von Moskau nach Frankreich aufgerieben wurde. Also war sein Wahn keine Vision, sondern blinde Machtgier, Vermessenheit, Frivolität, ja Dummheit, wie Tolstoi behauptete? Und wenn nicht die Eroberer die Visionäre der Menschheit sind, wie steht es mit den Alphadenkern in Silicon Valley? Sie haben die Idee, lieber sage ich, die Ideologie, eine digitale Parallelwelt zu schaffen und mit ihr die gegenwärtige Welt auf die Müllhalde zu schmeißen – klingt salopp, ist aber nicht ganz falsch.

Die sogenannten großen Visionäre der Gegenwart, sie dürften mit ihren Vorstößen immer nur so weit gehen, wie ihnen das positive Feedback der von ihrem Tun betroffenen Menschen erlauben würde. Sie müssten ein Überprüfungsverfahren installieren, das mit großem Aufwand erheben würde, was ihre auf die Erde geholten Gedanken für die Menschen, die Tiere, die Natur, die Planetin an Vorteilen und Nachteilen bringt, ihre manchmal so ungeheuerlichen Gedanken, die keine Visionen und Ideen sind, sondern ganz enge egoistische Machtimpulse und Machbarkeitsideologien. Sie müssten ihr Tun in Feedbackschlaufen überprüfen, damit sie jederzeit wissen, wo die Grenze ihres Ehrgeizes steckt und wo überhaupt die Grenzen zu ziehen seien.

Das tun sie bisher eher nicht, stattdessen sonnen sie sich im Erfolg ihres Tuns, das sie gerne visionär nennen.

 

 

Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden

In dieser Zeit sei es besonders wichtig, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Zur Illustration dessen, was er damit meine, sagte der Urheber dieses Gedankens, es sei an der Zeit, «nicht so viel Quatsch zu reden».

Innerhalb der Infodemie wichtige von unwichtigen Beiträgen unterscheiden ist hilfreich. Allerdings vermag zur Zeit, wie mir scheint, niemand zu bestimmen, was tatsachengesättigte wissenschaftliche Beiträge (als welche sich viele ausgeben und es nicht sind) seien und wo die Scharlatane auf dem Trittbrett der Wissenschaft mitfahren, indem sie irgendwelche quasikausalen Ketten behaupten, Fußnoten produzieren oder in weißen Kitteln argumentieren.

Und was wirklich wichtig sei und was nicht, da scheinen sich auch vorerst nicht Tatsachen zu begegnen, sondern Vorlieben. Zum Beispiel die Tomate als Vorliebe. Sie gehört in den Salat und auf die Pizza und ist auch sonst Beilage, entscheidende Beilage vieler Gerichte – das ist für die einen wichtig. Es ist ein Nachtschattengewächs und als solches nicht nur nährwerttechnisch vernachläßigbar unwichtig, sondern sogar mit der Tendenz ausgestattet, den Organimus zu vergiften. Und sehr teuer in der Herstellung, weil extrem wasserintensiv in der Aufzucht, von den Produktionsstätten mit ihren Billigarbeitern ganz zu schweigen. Und was den Aufwand der Tomatentransporte in Länder mit weniger Sonnenintensität betrifft, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Und dennoch ist die Tomatenindustrie für Gastarbeiter aus armen Ländern die Chance, durch ihre Mitarbeit ihre in Afrika zurückgelassenen Familien finanziell zu unterstützen, manchmal regelrecht zu ernähren. Das ist wichtig, auch wenn die Aufrechterhaltung des Ausmaßes an Tomaten unwichtig, ja ein Geschehen ist, das nicht nur massiv heruntergefahren werden könnte, sondern müsste.

Es ist also selbst bei der Frage, ob so viele Tomaten wichtig seien oder nicht, gefährlich, dass, wer darüber befindet, selber ins Quatschen kommt, was allerdings durch das Unterscheiden gerade unterbunden werden soll. – Bin ich, während ich das schreibe, beim Unterscheiden oder bin ich am quatschen? Schwer zu sagen.

Doch leicht ist an den gesunden Menschenverstand zu erinnern, der weiß recht genau, was wie geht und was nicht, und er ist darin unbestechlich, mit unwichtigen Dingen Schluss zu machen. Ob wir es dann tun, hängt eben davon ab, ob wir dem in uns allen schlummernden Menschenverstand das Feld eröffnen und zur Entfaltung verhelfen, oder ob uns tatsächlich das Quatschen und Quatschanhören genügt.

Musiker vier

«Es war einmal ein Musikus, der spielte im Kaffee – und sang von Leid und Weh.»

Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen. Vielleicht deshalb, weil mir nicht viel aus meiner Jugend und Schulzeit in Erinnerung geblieben ist, vielleicht aber auch wegen seines melancholischen Grundtons ist er mir immer lieb gewesen. Er ist nicht nur melancholisch, er zeigt auch das Selbstverständnis des nicht von Agenturen und Verkaufserfolg vereinnahmten Künstlers, des Straßenmusikers, der alles herschenkt. Die Leute, die ihn hören, denken dann meist fälschlicherweise, das sei halt sein einfaches Gemüt, man müsse ihn singen lassen, dann sei er glücklich. Die Amsel ist auch glücklich, wenn sie uns ihr Lied von den Dächern singt. Wer denkt schon an Entlohnung. Man soll dem Kind auch keine Süßigkeiten zustecken, wenn es etwas Gutes aus sich heraus getan hat.

Der geliebte Spruch hat, seit die Konzerthäuser zu und alle Musiker und Musikerinnen, die bisher recht und schlecht von der Musik lebten, dem Hungertod ausgesetzt sind, einen ganz anderen Ton erhalten. Während Melancholie durchaus noch auf dem Feld der Kreativität zu Hause ist, fällt der neue Ton, den der im Kaffe von Leid und Weh singende Musikus in meiner Seele auslöst, aus dem Rahmen, komplett und bestürzend aus dem Rahmen. 

Der Musikus unterschied, so offenbart es uns seine Kulturgeschichte durch die Jahrhunderte, nie zwischen primären und sekundären Bedürfnissen. Er war ein Geschöpf Gottes und sang. In diesem Tun waren diese beiden Bedürfniswelten zusammen. Wenn er nun nicht mehr im Kaffee erscheint und singt, weil ersten die Kaffees geschlossen und zweitens die Menschen alle mit ganz anderen Dinge beschäftigt sind als mit dem Verleihen ihrer Ohren, dann ist der Musikus nicht in seinen sekundären Bedürfnissen beschnitten, sondern bei ihm ist nichts mehr.

Entweder hat er Galgenhumor und singt, bis ihm die Gurgel vertrocknet ist, oder er rennt wie ein Huhn, dem der Kopf abgeschnitten wurde, wirr in der Gegend herum um verschafft sich auf irrwitzige Art Gehör, indem er was weiß ich welche Kanäle bedient – oder er hat zu diesen beiden Lebensformen keine Beziehung und verstummt sofort.

Exponentiell verzichten

2001 im September war, wie ich aus der Schlagzeile einer deutschen Zeitung bestens erinnere, der «Terrorangriff auf Amerika». Wenige Wochen später war in Sils Maria im Engadin das Nietzsche-Kolloquium. Ich war als Referent eingeladen. Neben Honorar, einem illustren Publikum und einer wunderbaren Landschaft drumherum gehörte zu diesem Auftritt auch eine Dauerkarte für das Kolloquium, ein Einzelzimmer im Fünfsternehotel mit Vollpension, außerdem ein freies Abendessen mit den anderen Dozentinnen und Dozenten, ausgerichtet von Herrn Dietrich, dem damaligen Hoteldirektor. Fleisch von regionalen Erzeugern, beste Weine aus dem nahen Italien, schöne Gespräche mit Frau Rosenthal aus London, im Zimmer ein eigener Bademantel und bei Bedarf erlesene Häppchen aufs Zimmer.

Mir ging die ganze Sache schwer auf den Senkel. Das neue Jahrhundert war kaum am Start und schon so angezählt. Und wir feierten in unberührter Natur in einem Hotel der Spitzenklasse den großen Deutschen Philosophen, der sich vor über hundert Jahren in diesen Winkel verirrt und hier herumvegetiert hatte. Ich fühlte mich unwohl und erhöhte das Unwohlsein noch dadurch, dass ich genaus das tat, was laut Marshall Rosenberg Gift ist, ich verglich nämlich meine Not als verwöhnter Hotelgast mit lauter Sachen, die mit dieser Not unvergleichbar sind. In New York geht die Welt unter und wir degustieren hier in besonderen Gläsern besondere Weine. Nietzsche wusste damals in Sils Maria nicht, wie er in seiner dunklen Absteige unten im Dorf die Miete – ein Franken pro Tag – bezahlen sollte und ich schlurfe wie damals der Schah von Persien im Morgenrock über edelmöblierte Flure in Richtung Wellnessbereich.

Was mich am meisten irritierte: Ich genoss das für mich sonst unbezahlbare und in meinem Leben bisher nicht vorgekommene Luxusleben schon ab dem zweiten Tag in vollen Zügen.

Egal wie das mit der angezählten Welt weitergehen würde, egal ob die Prophezeihungen von Nostradamus zum Einsturz der Twin Towers den Zeitereignissen einen höheren Sinn abrangen oder nicht, ich fand, dass diese Fünfsternewelten Bestand haben und gerettet werden sollten.

Ich hatte eine gute Idee. Es sollte 5-Sterne-Hotel-Kontingente geben. Jeder Single, jedes Paar, jede Familie darf einmal pro Jahr für ein paar Tage ins pure Glück eines solchen Luxuslebens abtauchen, sich verwöhnen lassen und dieses äußere, aber wichtige menschliche Glück in vollen Zügen genießen.

Inzwischen denke ich in gleicher weise über Flugkontingente nach, von Bier- und Fußballkontingenten und vor allem Fleischkontingenten ganz abgesehen.

Einmal im Jahr solche Tage, wie ich sie damals beim Kolloquium hatte, das würde mir genügen, davon könnte ich ein ganzes Jahr lang zehren, ja, ich habe so was seither nicht mehr erlebt und zehre immer noch davon. Die ganzen Kontingente aufs Jahr und den einzelnen Menschen heruntergerechnet würde einem exponentiellen Verzicht sondermaßen gleichkommen, der ohne weitere äußeren Katastrophen die Welt in eine geliebte Planetin verwandeln würde, ohne dass wir ganz verzichten müssten.

Ich weiß, das klingt alles viel zu plump, um als die neue Vision an den Markt gebracht zu werden, aber mir gefällt die Option ohne Abstriche und ich halte sie keineswegs für eine Utopie.

Kürzlich wurde ein Bauer, der ein Leben lang seinen kleinen Bauernhof in den Alpen betrieben hatte und den ich seit meinem neunten Lebensjahr kenne, ins Heim gegeben. Er war verwirrt und konnte nicht länger allein in seinem Haus mit den niedrigen Decken leben. Alle, die hörten, dass ausgerechnet dieser Mensch, dieses Stück Urnatur und Bergbauernexistenz ins Pflegeheim müsse, hielten die Luft an. Manche meinten, er würde diesen Einschnitt in die Freiheit seines bisherigen Lebens nicht überstehen. Als ich einige Wochen nach der Einlieferung seinen Sohn im Dorf traf und mit Herzklopfen nach seinem Vater fragte, strahlte er vor Begeisterung. Der Papa sei glücklich, berichtete er entspannt, er müsse nicht mehr das Haus selber heizen, nicht mehr für sich allein kochen, es seien überall Menschen um ihn herum, die nett mit ihm seien, man rede mit ihm, er habe ein schönes Bett. – Für Eduard, so heißt der uralte Mann mit Vornamen, war die neue Umgebung sein erstes Fünfsternehotel. Und da er bis ins hohe Alter nie in einem solchen Hotel untergebracht war, hat er so viele Kontingente frei, dass er dort glücklich sterben darf, wenn es so weit ist.

 

 

Systemrelevant

Was ist das System? Und wer ist systemrelevant. So einfach ist es nicht, dass Selbständige oder Künstler durchs System fallen, während Angestelle, ob in der Bankfiliale oder in der Autoindustrie, alle systemerhaltend wären. Es kann alle erwischen und ist für alle, wenn nicht genau gleich, so doch letztendlich unberechenbar.

Was allerdings für alle gleich und gleich unangenehm ist, das ist der Begriff selber: ’systemrelevant‘. Wie unmenschlich, Teilnehmer einer Gesellschaft in solche einzuteilen, die für das System Nutzen bringen oder eben keinen solchen Nutzen bringen. Was ist der Nutzen? Wer sagt, welcher Mensch wie nützlich oder unnütz ist? Wieder einmal ist ein falscher Begriff für etwas im Umlauf, was es so und was es eigentlich überhaupt nicht gibt. Wer mit diesen Menschen zu tun hat, weiß beispielsweise, wie systemrelevant Behinderte sind.

In der Schweiz gab es eine Zeit lang den Igelschutz. Dieser Verein sammelte offensiv Spenden für den Schutz der durch Autos und Straßen gefährdeten Igel. Ein Plakat des Igelschutzes wollte mir einfach nicht gefallen. Groß auf dem Plakat war ein Igel zu sehen. Zu lesen waren zwei kurze Sätze, einmal die Sequenz „Achte auf mich“ und dann: „Der Igelschutz dankt“. Die ganze Komposition des Plakat war so konzipiert, dass das Wichtigste an dieser Botschaft der Igelschutz war. Sicherlich war der Hinweis auf einen tierfreundliche Verein mit viel ehrenamtlicher Arbeit zugunsten des Lebens der Igel angebracht, doch mir kam es immer so vor, als würde ich Igel schützen sollen, damit dieser Verein seine Legitimation und seine Bedeutung erfahre. Nicht eigentlich der Schutz des Igels stand im Zentrum, sondern ein Verein, der bestimmt hat, wie bedeutend für uns alle der Schutz der Igel sei.

Wer bestimmt, welcher Mensch, welche Tätigkeit, welche Arbeitsystemrelevant sei?! Das kann doch kein Mensch wirklich bestimmen, denn nicht nur behinderte Menschen, alle Menschen sind wichtig oder eben relevant. Dies gilt für die Gesellschaft und jeden Einzelnen. Manchmal ist in meinem Leben im Nachhinein gerade derjenige besonders entwicklungsfördernd und also für meine Biografie systemrelevant, den ich als mein größtes Entwicklungshemmnis, als den größten Feind erlebe. Und eine Gesellschaft, weiß sie denn wirklich, auf was sie verzichtet und was für Schäden sieheraufbeschwört, wenn sie Berufe nach irgendwelchen letztlich fiktiven Systemen mit mehr oder weniger Bedeutung versieht? Nein, weiß sie nicht und sie sollte nichts anderes tun als jetzt sofort dafür zu sorgen, dass dieser die Menschen auseinanderreißenden Unbegriff, der nichts abbildet, sondern nur Unglück schafft, so schnell wieder verschwindet wie er in schwieriger Zeit gekommen ist.