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Verstärkung, die keine ist

Leben Kinder grundsätzlich anders als die Elterngeneration? Wenn ja, wie ist dann Dialog möglich? Wo zwischen ihnen gibt es dann Resonanzen?

Mein Leben, schon in der Jugend, war komplett anders als das meiner Eltern. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit ihnen über das Wählen zu reden. Oder sie zu meinen Geburtstagen einzuladen. Auch nicht zur Hochzeit. Sie gingen wählen – und ich ahnte auch was – schlimm genug. Mir kam das Wählen schon damals nicht in den Sinn.

Heute ist vieles anders, nur die Kluft ist geblieben.

Um vor meinen Kindern mein Nicht-Zur-Urne-Gehen zu rechtfertigen, bin ich gerade auf der Suche nach einem Zitat von Peter Handke, das klar und nachvollziehbar ausführt, warum er als Schriftsteller nie wählen gegangen ist. 

Ich bringe es noch bei, dieses Zitat, wenn ich es finde, auch wenn das meine Kinder nicht versöhnen wird.

Polin Chopin und Polen

Höre gerade Daniil Trifonov, wie er Chopin spielt. 

Und erinnere mich an ein Konzert mit einem sehr jungen, wunderbaren Pianisten, der für Live-Music-Now in einem Demenzzentrum Chopin spielte. 

Eine alte Polin, die nichts mehr erinnerte, auch nicht, dass sie Polin war, saß da wie die anderen alten Menschen, abwesend irgendwie, auf den Stuhl gefesselt, von eingespielten Verhaltenweisen zum Stillsitzen gezwungen. 

Und plötzlich begann sie bitterlich zu weinen. Eine Pflegerin musste zu ihr hin und sie halten. 

Geheimnisvoll, diese Musik, nicht wahr.

Und geheimnisvoll auch diese sogenannten Demenzkrankheit, die anscheinend nichts mit Vergessen zu tun hat. 

Stammtisch

Kritiker der AFD nannten ihren Wahlkampf einen Stammtisch-Wahlkampf. 

Die AFD selbst sagt, sie habe sich als einzige Partei strikt und authentisch um reale Alltagsprobleme gekümmert. 

Was neben Kritik und Selbstlob den Begriff Stammtisch-Wahlkampf mit einiger Berechtigung rechtfertigt, dürfte die Tatsache sein, dass AFD-Vertreter*innen tatsächlich in Kneipen, auf Märkten, Bahnhöfen und in viel begangenen Straßen Menschen ansprachen. Dabei haben sie, wie Berichte darstellen, vor allem zugehört: «Ich höre dir zu, endlich hört dir jemand einfach nur zu.» Und dann, am Schluss des «Gesprächs» ein freundliches Schulterklopfen und die einmütige Bemerkung: «Mir geht es wir dir, mich drücken die gleichen Probleme.» Das gibt gemeinsame Stärke.

Wie er auch immer im Detail abgelaufen sein mag, der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, bei dem ich nicht anwesend war, das Wort «Stammtisch-Wahlkampf» motiviert mich dazu, eine Verhinderung solchen Tuns zu unterlassen. 

Es wäre doch nur eine Art Stammtisch-Haltung, nicht wahr.

Die Argumente gingen aus

Ich war die letzten Tage in Salzburg. An einem der Abende im Kreis meiner Kinder mit Anhängen ging es um den Wahlerfolg der AFD, die bei der Landtagswahl am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt ein historisches Ergebnis einfuhr. Sie wurde mit 43,8 % der Stimmen stärkste Kraft.

«Gehst Du eigentlich stimmen?» Bevor ich etwas sagen konnte, sagten alle mit Blick zu mir: «Du musst in Zukunft stimmen gehen.»

«Ich könne in D nur bei Abstimmungen auf Kommunalebene teilnehmen», sagte ich, «aber ich gehe nicht abstimmen, weder in Kassel auf Kommunaleben noch in der Schweiz auf Bundesebene.»

Ich kam mit meinen Ausführungen nicht sehr weit. «Heute muss jede und jeder stimmen gehen»˛ wurde ich einstimmig unterbrochen. 

Mir war ziemlich elend zumute. Alle hatten eine politische Haltung, die sie bei Abstimmungen kundtaten. Nur ich machte nicht mit. 

Ich kam mir vor wie ein Spielverderber. Mir fiel nichts ein, mich zu verteidigen. Das wurde auch gar nicht erwartet.

Es herrschte Betroffenheit. Ich schwieg.

Bald danach ging ich mit drängenden Fragen ins Bett.

Am anderen Morgen hatten wir andere, einvernehmlichere Themen.

Doch bei mir rumort es weiter. 

Weltverbesserers Demut

Kürzlich bekam ich eine Rückmeldung auf einen der letzten Tagesgedanken, wo ich fragte, was uns Menschen eigentlich davon abhalte, an der Kluft zwischen großen Menschheitsidealen und dem privaten, oft mühsamen Alltag zu zerbrechen?

Der gute Bekannte schrieb, er zerbreche nicht am Alltag, weil er wisse, dass er den grossen Menschheitsidealen nie gerecht werden könne. Und er fügte lakonisch hinzu, alles andere wäre für ihn eine Überforderung, bzw. eine Anmaßung.

Das saß, vor allem der Hinweis mit der «Anmaßung». 

Ich muss erwähnen, dass der Mann, der diese Zeilen schrieb, in seinem Leben Großes geleistet hat, was dem nahe kommt, was ich mit Menschheitsidealen meinte.

Die Malerin Paula Modersohn-Becker schrieb ihrer Schwester einst in einem Brief: «Man tut eben, was man kann und legt sich dann schlafen. Und auf diese Weise geschieht es, dass man eines Tages etwas geleistet hat.»

Nix mit dramatischem Ringen, keine Rede von Menschheitsidealen. Die Malerin erwähnt das Schlafen und Wachen und das Lassen und Tun dazwischen, so wie es der Alltag eben zulässt mit seinen Phasen der Anspannung und Entspannung. 

Diese Haltung dürfte es sein, die uns etwas tun lässt, ohne dass wir damit an das Große rühren – und es vielleicht gerade dadurch berühren.

«Das Tagewerck, dieses Tagewerck…«, das war auch für Goethe das Wichtigste, dieses unbedeutende, manchmal kleine Tagwerk. Goethe meinte damit die kleinen Schritte, die langsam einen Weg ergeben. Übrigens ging der große Goethe zeitig – sehr zeitig – zu Bett. Er sorgte vor, damit er am nächsten Tag mit frischer Kraft und neuem Mut die nächsten kleinen Schritte tun konnte.

 

Ich weiß es nicht

Was ist es eigentlich, das uns Menschen davon abhält, an der Kluft zwischen großen Menschheitsidealen und dem privaten, oft mühsamen Alltag zu zerbrechen?

Ist es die Kunst? Die Bereitschaft? Die Liebe? 

Ich weiß nicht, was Kunst oder Bereitschaft ist, und erst recht nicht, was Liebe ist. 

Falls due es weißt, sags mir, jedoch nicht in diesen ermüdend gewöhnlichen Worten, die überall zu hören sind, sondern so, dass die Fragestimmung bleibt.

Alltagsgift

Geh in einen Raum, wo gerade die Nachrichten im Radio zu hören sind.

Ist das nicht der immer gleiche Giftbecher, der da gereicht wird?! 

Nach dem Amok habe sich der Täter erschossen. Der Minister habe den Hinterbliebenen sein Beileid ausgesprochen.

In Nepal seien die Berge lebendig geworden. Die Folge davon: tausende Tote.

Dann noch etwas aus der Regierung und etwas von der zweiten Bundesliga im Fußball und schon sind mir wieder fünf Lebensminuten abhanden gekommen.

Jedesmal nach den Nachrichten weiß ich über etwas Bescheid, das mich nichts oder wenig angeht – oder, wenn ich zuließe, dass es mich etwas angeht, mein Leben verändern würde.

Für Traumatherapeut*innen sind kranke Menschen Symptomträger der Systeme.

So gesehen sind Amokläufer*innen und eine sich zu Wort meldende Natur die natürliche Reaktion auf den menschengemachten alltäglichen Wahnsinn, dem die Nachrichten aus dem Weg gehen.

 

Helft retten!

Wozu wurden E-Mails erfunden? Anscheinend, um mir täglich Aufrufe ins Haus zu schicken: Rette die Wale! Rette das Klima! Rette dieses Volk und jenes Volk! Rette die Metzgerei in deiner Nähe! Rette Kröten, Frösche, Maulwürfe und Igel!

Heute las ich vor dem Buchladen am Bebelplatz auf einer großen Tafel: «Rettet die Handschrift – schreibt Postkarten!»

Das hat mich sofort angesprochen und erfreut. 

Wenn du dich durch diesen Aufruf ebenfalls angesprochen fühlst, schreib mir eine Postkarte. Ich schreibe garantiert zurück.

Grüße aus sommerlicher Wärme

PS: Meine Adresse findest du im Impressum 😉

Fragmetiert

Wie sehr Denken in unserem Alltagsleben fragmentiert ist, zeigt sich zur Zeit an der Niedrigwasserstandsdebatte. 

Die Wassermenge im Rhein steht auf einem historischen Tiefstand. Der Fluss führt nur ein Drittel des Wassers, das sich sonst durch sein Flussbett wälzt, melden die Nachrichten. 

Zeit für Minister, sich wortlaut für das Wohl des Volkes, sprich der Wirtschaft, stark zu machen. Man müsse die Rinnen, in denen die schweren Schiffe aufzulaufen drohen, eben ausbaggern, damit das Wasser wieder tief genug sei und weiterhin die bisherigen schweren Lastenkähne ihre schweren Lasten rauf und runter ziehen könnten. 

Ist das nicht ein durchwegs fragmentiertes Denken? Wie tief kann man einen Kanal, in welchem kein Wasser mehr fließt, ausbaggern und dabei erwarten, dass es er danach wieder ein Fluss mit Wasser wie vorher sei?!

Wie würde es Minister*innen, überhaupt Politiker*innen gehen, wenn sie integral denken würden?

 

 

 

Was aber bleibt

Was bleibt, stiften nicht die Dichter, wie der weltfremde Hölderlin einst meinte, sondern was mir geblieben ist von der Tour de France, sind Bilder der Wegwerfgesellschaft.

Die Duelle verblassen, auch die wippenden Körper bei 14% Steigung, die Etappensprints und das taktische Fahren der Mannschaften. All dies ist wenige Tage nach dem Ende der Tour im trüben Orkus des Vergessens versunken. 

Was bleibt, ist das Bild einer Menschenmasse vom Umfang mehrerer Busladungen, die sich – eingerahmt von einer stinkenden Masse von Autos und vor allem Motorrädern, deren Kameramänner immer wieder die Tachos filmen, die anzeigen sollen, wie schnell die Radfahrer die Berge runter und durch stille Täler flitzen – als träger Lindwurm durch abgelegenste Landschaften bewegt und deren buntbekleidete Einzelobjekte, begleitet von ihren farbigen Mannschaftswagen, permanent, das heißt über viele Stunden, Flaschen an sich reißen und andere Flaschen in Büsche und Böschungen schleudern, oder Eisbeutel unter ihre Trikots schieben und die Verpackungen in Büsche und Böschungen werfen, oder die eingeschweißten Laschen von Energiegels mit den Zähnen aufreißen und die leergeschlonzten Plastikteile in Büsche und Böschungen knallen…