Archiv der Kategorie: Blog

Überlegenheitsgefühle

Ein Leben ohne Maschinen ist heute nicht möglich.

Ein Leben mit weniger Maschinen hingegen ist möglich.

Meine Lebenserfahrung ist, dass ein Leben mit weniger Maschinen einen Mehrwert generiert.

Diese Erfahrung verschafft mir Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Transhumanismus.

Kommt zurück nach Europa

Vor zwei Monaten führte ein jüdischer Forscher, seines Zeichens Professor in London und Begründer eines Instituts zur Geschichte der Palästinenser – ich lasse seinen Namen weg, um in keine Richtung zu polemisieren –, aus, dass das Problem der Israelis im Nahen Osten nur dadurch auf eine Lösung zugeführt werden können, wenn wir in Europa uns dieses Problems annähmen und die Juden, die sich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus Europa vertrieben fühlten, einlüden, wieder bei uns in Europa zu leben. 

Als ich das hörte, merkte ich 1), dass ich wie aus einem Reflex heraus «Halt stopp» flüsterte und dachte, einen solchen Schritt könnte ich nur befürworten, wenn die Zurückkehrenden keine Sonderrechte und Alleinstellungsmerkmale für sich beanspruchten (ich denke, diese Reaktion ist auch auf das Agieren federführender Juden in Deutschland zurückzuführen, die alles unternahmen, um die documenta 15, die mir so sehr ans Herz gewachsen war und deren unendlich viele Veranstaltungen ich täglich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen verfolgt und besucht habe, in Grund und Boden zu verunglimpfen). Ich merkte aber auch, dass dieser Gelehrte 2) den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. 

Und mir kam ein Artikel in den Sinn, den Imre Kerzész im Jahr 2000 nach seinem ersten und einzigen Israelbesuch in der Zeit publiziert und darin gesagt (geschrieben) hatte, wenn wir in Europa uns das Nahostproblem vom Hals halten würden, werde dieses Problem zuletzt in Europa ausgetragen werden.

 

Lebendes als Totes

Ich erinnere mich noch, wie ich meiner kleinen Tochter einst erklären wollte, dass Holzbretter Teile eines Baumes seien. Sie dementierte meine Aussage, hielt sie für komplett untragbar und falsch. «Ein Holzbrett ist tot», sagte sie, «aber ein Baum lebt.»

Heute beim Spaziergang passierte etwas, das mich an das Gespräch von damals erinnerte. Berenike und besuchten eine alte, große, auf der Weide frei stehende Eiche, es ist ursprünglich ein Doppelbaum gewesen, von dem einer der beiden Stämme vor drei Jahren im Sturm gebrochen und umgestürzt ist und nun als Totholz neben der Resteiche daliegt. Am Stamm des Baumteils, der noch steht, ist neuerdings ein Schild angebracht, das mich noch nie nachhaltig zum Denken eingeladen hat. 

 

«Unverschämt, eigentlich», sagte Berenike. 

Stimmt. Da stehen Bäume in der Gegend herum, nicht nur in der Stadt, sondern auch im Wald, sie sind manchmal über hundert, manche auch schon (weit) über zweihundert Jahre alt. Sie mögen innen hohl sein, Äste mögen im Sturm abgebrochen sein. 

Dann kommen die Fachleute mit ihren Abhörsystemen und treten an diese Bäume heran und attestieren, dass ihre Lebendigkeit über den Zenith gegangen sei – und deklarieren sie zu Denkmälern.

Während von Menschen gemachte Denkmäler etwas vom Denkmalschutz haben, indem man sie restauriert, werden Bäume, die als Naturdenkmäler eingestuft werden, irgendwann einfach umgesägt, und dies oft viel, viel zu früh…

 

Zweifel, mein Freund

Ich schätze den Zweifel und das Zweifeln und auch die Zweifel, damit meine ich meine Verwandten.

Meine Mutter ist eine Zweifel und wurde, wie ihr Vater und ihre Geschwister, auf diesen Namen getauft. Er ist im Kanton Glarus zu Hause.

Einer meiner Lieblingsautoren, Ludwig Hohl, stammte auch aus dem Glarus und seine Mutter war ebenfalls eine Zweifel. Vielleicht ist dieser Verrückte, der Extrembersteiger war und ins Flachland flüchtete (in die Niederlande), ein Geistverwandter, wenn nicht sogar lein eiblicher Verwandter. 

Der Zweifel ist der Motor des tiefgegründeten Denkens und Wahrnehmens und deshalb unerläßlich für eine wirkliche Weltbegegnung, auch wenn er uns manche Sicherheiten zerschlägt und das Herz in dauerhafter Unruhe hält.

Kürzlich sah ich ein Bild, die Auflösung ist leider schlecht, doch in glaube, das Gebäude mit der Aufschrift ZWEIFEL ist gerade noch erkennbar:

Als ich dieses Bild sah, wurde mir wohl im Bauch. 

Herzlich 

Das JETZT zählt

Katy Hessel publizierte 2022 das Buch The Story of Art without Men.

Die Autorin holt unbekannte, ver­gessene oder bislang unsichtbare Künstlerinnen auf die Bühne. Das ist interessant und horizonterweiternd. Es ist mehr als legitim, eine Geschichte zu erzählen, bei der Frauen im Mittelpunkt stehen.

Auch ist es höchste Zeit, dem chauvinistischen, westlich geprägten, euro- beziehungsweise us-zentrierten Männer-Kunstbetrieb den Riegel zu schieben (was immer noch viel zu wenig geschieht). 

Was nicht funktionieren kann, ist jedoch eine komplette Umschreibung der Geschichte mit einem kompletten Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kunstanteilen, wie Katy Hessel es versuchte. Warum auch immer Frauen jahrhundertelang von einer gleichwertigen Wahrnehmung im Kunstbetrieb ferngehalten wurden und es noch immer werden – die Werke, die sie deshalb nicht schaffen konnten, gibt es schlichtweg nicht und können somit auch nicht in die Waagschale geworden werden.

Auf was es wirklich ankommt, ist doch, dass Frauen künstlerisch in die tiefsten Tiefen loten und von dort her Kunst generieren. Tun sie dies? Tun sie es besser als Männer es heute tun?

Und wenn wir schon Fragen stellen, dann bitte auch noch diese: interessiert sich denn überhaupt noch jemand für den exklusiven Mann-Frau-Gegensatz in der Kunst, wo inzwischen so viele andere Geschlechteridentitäten mitmischen? 

Und müssen nicht auch diese Gruppen auf die Frage nach der tiefsten Tiefe der Kunst eine Antwort finden, wenn sie in die Kunstgeschichte eingehen wollen?

Revival

Mein neuestes Buch über den Dichter im Krieg, Hermann Kükelhaus, kriegt Verstärkung. Gestern erfuhr ich, dass die längst vergriffene sogenannte Grebe-Ausgabe wieder aufgelegt werden soll. Das war mein Wunsch, und der Verlag erfüllt ihn nun. 

Damit sind wichtige Weichen für ein Hermann-Kükelhaus-Revival gestellt im Sinne eines Parallelprozesses: Mein Buch legt die Biografie des Dichters frei, die Grebe-Ausgabe bietet sämtliche Prosatexte und Gedichte von ihm.

Ich freue mich sehr, dass dies alles gerade jetzt auf dem Buchmarkt erscheint. Es ist ein Beitrag zur Besinnung in Kriegsfragen und legt uns nahe, was mit Menschen im Krieg passiert, wie sie bestialisiert und wie ihre Gedanken zersplittert und die Gefühle zerrieben und Beziehungen unmöglich gemacht werden. 

Wer glaubt, nur ein Terror der Abschreckung garantiere ein Überleben in Frieden, wird durch diese Auseinandersetzung gründlich in Fragestimmung versetzt.

Ob Hermann Kükelhaus eine Anleitung zum Pazifismus ist, soll deiner eigenen Beurteilung überlassen bleiben, wovon ich allerdings überzeugt bin, ist, dass jede Zeile, die er geschrieben hat, Anlass zur Besinnung gibt.

Ohne Empathie so extrem empathisch

Es ist sinnvoll, sich selbst als Teil dieser Welt verstehen zu lernen. Das fällt nicht immer leicht. Ich bin heute wieder einmal erschrocken, von was für Energien und Gedanken ich umgeben bin. Wenn ich Teil der Welt sein will, will ich mir darüber auch im Klaren sein. 

Ich bin gerade eben an einem Satz dran gewesen und war etwas ungeduldig, wie ich ihn zu Ende schreiben könnte. In früheren Zeiten hat man sich in einem solchen Moment beim Schreiben zurückgelehnt und hat sein Vorstellungsleben und die Fantasiekräfte bemüht. 

Das braucht es heute nicht mehr. Heute kannst Du digital abrufen, was andere vor dir in dieser Situation geleistet haben, und es einfach übernehmen oder adaptieren. 

Ich schrieb vorhin: „Wer weder seinen Vater noch den Großvater kennt und ohne Mutter aufgewachsen ist, ist ein Mensch, der –»

An dieser Stelle angekommen, überlegte ich, was für ein Bild ich für einen solchen Menschen nehmen könnte. Ich war ungeduldig, weil ich den Satz so schnell wie möglich hinter mir haben und weiterschreiben wollte. Also konsultierte ich KI.

Ich tippte ein: «Schreib folgenden Satz literarisch zu Ende: «Wer weder seinen Vater noch den Großvater kennt und ohne Mutter aufgewachsen ist, ist ein Mensch, der –»

Das streberhafte Gebaren von ChatGPT ist manchmal echt lästig. In diesem Fall zeigt sich die Streberei in einem viel zu langen Satz. Doch ich muss sagen, die Aufgabe hat das System mehr als hinlänglich erfüllt.

Der ganze Satz, durch weitere Sätze ergänzt, lautet: 

«Wer weder seinen Vater noch den Großvater kennt und ohne Mutter aufgewachsen ist, ist ein Mensch, der seinen Namen wie ein geliehenes Kleid trägt – es passt ihm, aber es wärmt ihn nicht. Er steht in der Welt wie ein Haus ohne Fundament, vom ersten Windstoß geprüft, vom leisesten Zweifel erschüttert. Niemand hat ihm erzählt, wessen Lachen in seinem eigenen widerhallt, wessen Zorn in seinem Blut schläft. Er erfindet sich aus dem, was übrig blieb: aus Blicken der Fremden, aus Büchern, aus der Art, wie das Licht am Abend auf die Straße fällt. Und manchmal, wenn es still wird, lauscht er in sich hinein, als könne er dort doch noch Schritte hören – schwere, vergangene Schritte –, die ihm sagen, woher er kommt. Doch wenn niemand antwortet, beginnt er selbst zu sprechen. Und vielleicht ist er gerade deshalb nicht nur ein Verlorener, sondern einer, der sich seine Herkunft erst noch erschafft.»

Herrlich, nicht wahr. Gut gemacht, gratuliere, doch ich denke, wir brauchen keine Angst zu bekommen, dass uns KI bald abgeschafft haben wird.

Traumaschütteln

Familiengeschichten finde ich langweilig, wenn sie erzählt werden, weil die Mitglieder dieser Familie so tolle Frauen, Männer und Kinder sind oder waren, oder weil der Stammbaum so außergewöhnlich ist oder war. Nicht selten schreiben Leute aus solchen Motiven über ihre Familie. LANGWEILIG.

Gleichzeitig sind die Geschehnisse innerhalb von Familien Themen, die sich wie wenig anderes für eine Literarisierung eignen. Das beweisen viele großartige Texte (und übrigens auch Filme), von Thomas Mann bis Elena Ferrante. 

Ich selbst weiß gar nicht mehr, an was für einer Geschichte ich schreibe zur Zeit. Wenn es eine Familiengeschichte ist, ist es längst nicht mehr meine eigene, obwohl ich an ihr anknüpfe. Es ist vielmehr die Geschichte von Familien, ja die Geschichte DER FAMILIE schlechthin, denn die Verwerfungen, Erhebungen, Freuden und Perversionen innerhalb von Familien und Generationen gleichen sich bis ins Detail, egal, ob es reiche, arme, gebildete oder ganz einfach gestrickte Familien sind und waren. 

Jedenfalls schreibe ich und baue stündliche Pausen ein. Zum Beispiel mache ich Traumaschütteln jeden Morgen von 7:50 bis 8:00 Uhr. Ich brauche das, um den Wahnsinn, in dem ich drinstecke, irgendwie zu überleben.

Konrad Schmid, ein Churer Freund, würde an dieser Stelle vermutlich sagen: «Waischwasimaina?»

 

autós

Als dem modernen Menschen sein Körper nicht mehr genügte, um Geist und Seele durchs Leben zu kutschieren, erfand er das «Automobil» als neues Fortbewegungsmittel für sie. Das Automobil trug sie schneller und leichter über sehr viel weitere Strecken als der alte menschliche Körper. Theoretisch jedenfalls. 

Die Praxis sieht etwas anders aus: rund um die Erde stecken jeden Augenblick Millionen Menschen in Staus fest. Für sie ist die Reise beendet, bevor sie recht begonnen hat.

Logischerweise kommt niemand auf die Idee, solche Staus «Automobilstaus» zu nennen, stehen diese Staus doch für das Ende jeglicher Mobilität. 

Das Gute daran ist: wir können nun dem Philosophen Blaise Pascal beweisen, dass wir mit seinem berühmten Satz aus den Pensées kein Problem haben: «Alles Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.» 

Pascal (1623-1662) kannte das Auto noch nicht – vielleicht Da Vincis Skizzen mit dem selbstfahrenden Wagen, aber nicht das Auto. Er konnte nicht wissen, dass heute Millionen in Kisten sitzen und genau das versuchen, was er ihnen nicht zutraute, nämlich ruhig zu bleiben.

Ungewollt, das schon, doch sie sind in ihrem Autos stundenlang mit ihrem Selbst beschäftigt. Das griechische Wort autós (αὐτός) bedeutet «selbst» oder «selber». 

Gruß   

greifen und laufenlassen

«Wenn du einen Roman schreiben willst, musst du der Lokführer sein», sagte einst Erich Kästner einem Jungen, der ihn fragte, wie er denn eigentlich seine Bücher schreibe. 

Lokführer*in musst du also sein, oder, an Olympia 2026 angepasst, Skifahrer*in. 

Mit den Skiern kommst du am schnellsten voran, wenn du sie laufenlässt. Kanteneinsatz verlangsamt das Tempo, es braucht ihn aber, um die nächsten Kurven zu kriegen. Das optimale Verhältnis zwischen Kanteneinsatz und Laufenlassen macht den Unterschied zwischen denen, die auf dem Podest stehen und den vielen anderen.

 

Beim Schreiben sind es nicht die Kanten, sondern die Weichen – wie beim Zugfahren. Du musst Weichen stellen, damit deine Geschichte Fahrt aufnehmen und, im besten Fall, dahinrauschen kann wie ein TGV oder ein Albatros über den Wellen des Pazifiks.

Zu viele Weichen vermindern das Tempo und das Ziel rückt in die Fernen. Doch wenn du zu wenige oder die falschen Weichen stellst, kommt der Zug erst recht nicht an.

Ich fühle mich beim Schreiben weder als Zugführer noch als Skifahrer, sondern wie eine Mischung aus Lokomotive, die losdonnern will (die Batterien sind aufgeladen, die Maschinen auf Höchstleistung eingesetellt), und kleinem Streckenwärter, der – jedenfalls früher war das so – emsig zwischen den Gleisen hin und her rennt und blitzschnell die nötigen Weichen stellt.

Grüße und gute Wünsche, herzlich