Kategoriearchiv: Blog

Traumaschütteln

Familiengeschichten finde ich langweilig, wenn sie erzählt werden, weil die Mitglieder dieser Familie so tolle Frauen, Männer und Kinder sind oder waren, oder weil der Stammbaum so außergewöhnlich ist oder war. Nicht selten schreiben Leute aus solchen Motiven über ihre Familie. LANGWEILIG.

Gleichzeitig sind die Geschehnisse innerhalb von Familien Themen, die sich wie wenig anderes für eine Literarisierung eignen. Das beweisen viele großartige Texte (und übrigens auch Filme), von Thomas Mann bis Elena Ferrante. 

Ich selbst weiß gar nicht mehr, an was für einer Geschichte ich schreibe zur Zeit. Wenn es eine Familiengeschichte ist, ist es längst nicht mehr meine eigene, obwohl ich an ihr anknüpfe. Es ist vielmehr die Geschichte von Familien, ja die Geschichte DER FAMILIE schlechthin, denn die Verwerfungen, Erhebungen, Freuden und Perversionen innerhalb von Familien und Generationen gleichen sich bis ins Detail, egal, ob es reiche, arme, gebildete oder ganz einfach gestrickte Familien sind und waren. 

Jedenfalls schreibe ich und baue stündliche Pausen ein. Zum Beispiel mache ich Traumaschütteln jeden Morgen von 7:50 bis 8:00 Uhr. Ich brauche das, um den Wahnsinn, in dem ich drinstecke, irgendwie zu überleben.

Konrad Schmid, ein Churer Freund, würde an dieser Stelle vermutlich sagen: «Waischwasimaina?»

 

autós

Als dem modernen Menschen sein Körper nicht mehr genügte, um Geist und Seele durchs Leben zu kutschieren, erfand er das «Automobil» als neues Fortbewegungsmittel für sie. Das Automobil trug sie schneller und leichter über sehr viel weitere Strecken als der alte menschliche Körper. Theoretisch jedenfalls. 

Die Praxis sieht etwas anders aus: rund um die Erde stecken jeden Augenblick Millionen Menschen in Staus fest. Für sie ist die Reise beendet, bevor sie recht begonnen hat.

Logischerweise kommt niemand auf die Idee, solche Staus «Automobilstaus» zu nennen, stehen diese Staus doch für das Ende jeglicher Mobilität. 

Das Gute daran ist: wir können nun dem Philosophen Blaise Pascal beweisen, dass wir mit seinem berühmten Satz aus den Pensées kein Problem haben: «Alles Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.» 

Pascal (1623-1662) kannte das Auto noch nicht – vielleicht Da Vincis Skizzen mit dem selbstfahrenden Wagen, aber nicht das Auto. Er konnte nicht wissen, dass heute Millionen in Kisten sitzen und genau das versuchen, was er ihnen nicht zutraute, nämlich ruhig zu bleiben.

Ungewollt, das schon, doch sie sind in ihrem Autos stundenlang mit ihrem Selbst beschäftigt. Das griechische Wort autós (αὐτός) bedeutet «selbst» oder «selber». 

Gruß   

greifen und laufenlassen

«Wenn du einen Roman schreiben willst, musst du der Lokführer sein», sagte einst Erich Kästner einem Jungen, der ihn fragte, wie er denn eigentlich seine Bücher schreibe. 

Lokführer*in musst du also sein, oder, an Olympia 2026 angepasst, Skifahrer*in. 

Mit den Skiern kommst du am schnellsten voran, wenn du sie laufenlässt. Kanteneinsatz verlangsamt das Tempo, es braucht ihn aber, um die nächsten Kurven zu kriegen. Das optimale Verhältnis zwischen Kanteneinsatz und Laufenlassen macht den Unterschied zwischen denen, die auf dem Podest stehen und den vielen anderen.

 

Beim Schreiben sind es nicht die Kanten, sondern die Weichen – wie beim Zugfahren. Du musst Weichen stellen, damit deine Geschichte Fahrt aufnehmen und, im besten Fall, dahinrauschen kann wie ein TGV oder ein Albatros über den Wellen des Pazifiks.

Zu viele Weichen vermindern das Tempo und das Ziel rückt in die Fernen. Doch wenn du zu wenige oder die falschen Weichen stellst, kommt der Zug erst recht nicht an.

Ich fühle mich beim Schreiben weder als Zugführer noch als Skifahrer, sondern wie eine Mischung aus Lokomotive, die losdonnern will (die Batterien sind aufgeladen, die Maschinen auf Höchstleistung eingesetellt), und kleinem Streckenwärter, der – jedenfalls früher war das so – emsig zwischen den Gleisen hin und her rennt und blitzschnell die nötigen Weichen stellt.

Grüße und gute Wünsche, herzlich

Gleich und ungleich

Jeffrey Epstein (1953–2019) wird inzwischen als Einzeltäter dargestellt. Dass er obendrein ein Menschenhändler war, der für seine dunklen Rituale und Missbrauchsgeschichten ein Netzwerk mit Reichen, Prominenten und Mächtigen aufbaute, wird oft auszublenden versucht.

Er war kurz inhaftiert, dann tot. Selbstmord durch Erhängen, ist die offizielle Erklärung. Doch wer die Signatur seines Todes betrachtet, hat Fragen. Wieso hätte er sich denn umbringen sollen? Einverstanden, das mit der Kaution in Höhe von 77 Millionen Dollar hatte nicht geklappt, doch wäre die Logik nicht so gewesen, dass er den Einsatz verdoppelt und es weiterhin mit einem Freikauf versucht hätte. 

Wie auch immer, es bleibt ein schaler Eindruck zurück. Manche werden aufgeatmet haben, als das Verfahren eingestellt wurde.

 

 

 

Pauschal ist schal

Es ist schon so, wie der Titel sagt. Was pauschal daherkommt, hat sich vom Leben entfernt und ist somit langweilig, unlebendig, unbedeutend, eben: schal.

Ich reibe mich schon länger an der berühmten Formulierung: «Die Banalität des Bösen». Hannah Arendt hat diesen Begriff geprägt, als sie beim Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem in Eichmann keine perverse Bestie antraf, sondern einen, wie KI es beschreibt, «bürokratischen, durchschnittlichen, geistig unauffälligen Menschen,
der in Floskeln sprach, Regeln befolgte und ständig betonte, er habe nur Befehle ausgeführt».

Ich bin mir nicht sicher, ob Arendt selbst an der Pauschalisierung der Nazis und später der Deutschen als banale, grundböse Erfüllungsgehilfen eines Regimes mitgetan hat oder ob sich dies unabhängig von ihr aus einer Charakterisierung, die sie ursprünglich an Eichmann ablas, entwickelte. 

Jedenfalls, scheint mir, läuft der Begriff umso mehr ins Leere, je mehr er ins Allgemeine gehoben wird. Er kriegt dann vermeintlich zwar mehr Power, entfernt sich aber vom Leben – und das Leben finde ich alleweil interessanter als scharfe Begriffe.

Ich jedenfalls freue mich bei jeder und jedem, wenn ihnen, was ich in meinen Biografien auch versuche, Konkretisierungen gelingen. Dies war auch mein Anliegen beim neuen Buch über Hermann Kükelhaus. Je nach Ausdehnung des Begriffs, könnte auch er unter das Diktum des banalen Bösen gestellt werden – es wäre ein kompletter Fehlgriff. 

Übrigens habe ich eben ein Bild aus dem www-Netz von Hermann fischen wollen. Es gibt wohl kein einziges. Somit gibt es noch einen Grund, sich das Buch anzuschaffen, denn darin sind 30 ganzseitige Bilder von ihm abgelichtet 😉

Grüße aus dem Kasseler Tauwetter,

Durchblick ist nicht gleich Zynismus

Ich will meine kritische Bemerkung zu Ferdinand von Schirachs Bestseller Der stille Freund nicht länger hinausschieben. Anscheinend wäre mir wohler, ich hätte nichts angekündigt. Nun, ich habs getan und lasse deshalb am besten gleich die Katze aus dem Sack. 

Was in Schirachs Buch als Engangement und Liebe zur exakten Beschreibung daherkommt, auch da, wo es um Abgründe geht, ist, wie mich dünkt, letztlich doch nur Marketing. Beim Wort «Marketing» unterscheide ich zwischen Verleger*innen, die alles für das Marketing in die Waagschale werfen müssen, und Autor*innen, die verloren sind, wenn sie beim Schreiben ans Marketing denken (was selbstverständlich viele tun). 

Schirach hat ganz bestimmt an die Vermarktung seines Textes gedacht. Dies lässt sich an der Art und Weise, wie er über das Grauen der Hamas am 7. Oktober 2023 schrieb, zeigen. Ich glaube noch nicht einmal, dass es Instinkt war, es war vielmehr Kalkül, dass er bei diesem Thema eine klar proisraelische Haltung einnahm. Er schildert das Grauen der fanatisierten Hamasanhänger bis in die schrecklichen Details. Das gleiche Grauen auf der Gegenseite erwähnt er mit keiner einzigen Silbe. 

Darf er auch nicht, wenn er sein Buch auf dem Podest sehen will. Hätte er seine Position, die auf der ganzen Linie der sogenannten Deutschen Staatsraison entspricht, auch nur um ein menschliches Haar aufgeweicht und den Gesamtzusammenhang wenn nicht erläutert, so doch zu erläutern versucht, wäre das Buch gar nicht erst erschienen. 

So, wie er es gemacht hat, hätte er die Sache jedoch lassen sollen. Er ist einfach nicht fair, ja er ist doppelt unfair, weil er sein Kalkül als Menschenliebe verkauft.

Wenn nun jemand mit Peter Handke kommt, der in den 1990er Jahren im Jugoslawienkrieg für Serbien Partei ergriffen und damit weltweit harsche Kritik geerntet hat, und wer damit behaupten möchte, dass engagiertes Parteiergreifen zum Handwerk von Schriftsteller*innen gehöre, hat vergessen, dass Handke damals den a priori Diskreditierten eine Stimme gab, während Ferdinand von Schirach, wie gesagt, nichts als eine unglückliche Deutsche Staathaltung repräsentiert – wahrlich eine Hinterhältigkeit, die es mir leicht macht, das Buch in die Kiste vor unserem Gartenzaun zu geben, wo all das Zeug hinkommt, das bei mir keinen Platz hat.

  

 

Nicht aus Verweigerung schreibe ich nicht, sondern aus Unvermögen

Ich schreibe nicht über den Unfall von Lindsey Vonn heute morgen in der Abfahrt der Damen bei Olympia, wie sie es nochmals und endgültig wissen wollte und trotz Kreuzbandriss an den Start ging und um jeden Preis gewinnen wollte, beschreibe nicht ihre aggressive Fahrt vom Start an und nicht den millimeterkleinen Fehler an der Flagge in einer Rechtskurve ganz oben, der einen Sturz auslöste, der ihr wieder weiß Gott was für Verletzungen zugeführt haben wird. Ich lasse den Versuch, ihre Familie unten im Ziel zu beschreiben, den Vater, der schon so viele Unfälle seiner Tochter live miterlebt hat, ich lasse das alles, genaus wie einen Verriss der uns noch bevorstehenden Kommentare über ihr für Spitzensportlerinnen vorangeschrittenes Alter.

Wieso sollte ich es versuchen, in diese Bilder eine Ordnung hineinzubringen, wo ich in meinem eigenen Leben noch keine Ordnung hinbekommen habe. Bei mir schaltete nämlich alles ab, als ich den Wegtransport von der Piste mit einem gelben Hubschrauber am Bildschirm live mitverfolgte. Es schaltete ab und war alles auf Alarm, denn wie sich dieses gelbe Ungetüm mit der Verletzten vor einer hohen senkrechten Felswand im Hintergrund in den Himmel schraubte, war bei mir wieder mal Flimriss und ich war im Land von Lindsey Vonn, wo vor Jahrzehnten – oder war es gestern?! – ein gelber Hubschrauber vor den Wandüberhängen des El Capitan meinen Freund vom Unfallort in den Himmel zog und mich allein zurückließ. 

Beim Lesen von Gabor Mathés neuem Buch über Trauma wurde mir wieder so recht bewusst, wie sehr dieses Trauma mit großem «T» mein Leben begleitet und, wenn ich daran arbeite, bedroht.

Unvergorenes Vergorenes

Liebesbriefe von Jugendlichen bergen tiefe Wahrheiten über die Liebe. 

Wenn ich beim Lesen solcher Briefe einmal innehalte, denke ich unwillkürlich an Romeo und Julia.

Zwischen diesen liebefähigen jugendlichen Menschen war Liebe (LIEBE groß geschrieben, tausendmal wiederholt und unendlich ins Hohe gehoben).

Bisher habe ich geglaubt, was die Literaturwissenschaft behauptet, dass nämlich ein alter Familienzwist der Grund für die Zerrüttung dieser Liebe gewesen sei, der uralte Konflikt zwischen den Montagues und den Capulets. 

Seit einer halben Stunde denke ich es so, dass das Beispiel von Romeo und Julia für uns alle das Schiboleth unserer Suche nach Liebe sei.

Wenn dem so ist, dann ist jeder Versuch einer Liebe der gescheiterte Versuch dieser beiden unglücklich Liebenden.

Kennen wir es nicht aus unserem eigenen Leben? Hat nicht auch bei uns der Spaltpilz der Familien die Liebe zerstört? Und wenn nicht explizit die Familien, dann eben die Sozialisierung, die uns braingewasht hat.

Zur Sozialisierung gehört vorerst die Familie, dann aber auch die uns vorangegangenen Generationen, die Kirche (die auch heute immer noch sublim mit den Fingern im Topf rührt, auch wenn wir uns meilenweit von ihr entfernt wähnen), die Schule, die Berufsabschlüsse und Studienabschlüsse und nicht zuletzt – und das tut mir besonders weh – die Art, wie wir von Geburt an zu Buben und Mädchen gemacht wurden, mit der Folge, dass wie später als Männer und Frauen nichts so sehr suchen wie die früh verlorene Liebe.

 

 

Namen machen Podiumsplätze

Gottfried Kellers Spruch «Kleider machen Leute» ist bekannt. Ich setze dazu: «Namen machen Podiumsplätze». 

Was ich damit meine? – Dass es mir nicht gelingen will, die Rankings, mit denen der Kunstmarkt seine «besten Produkte» kürt, für ein Qualitätskriterium zu halten.

Ich habe im Beitrag vom 3.2.26 vom «schönen Buchtitel» des neuen Werkes von Ferdinand von Schirach geschwärmt und von der «schönen Frau mit der Wespentaille», auch das Motorflugzeug oben auf dem Cover und die dadurch ausgelöste Erinnerung an Ernest Hemingways Afrikabücher sind mir aufgefallen. Ich nehme das alles als freundlich marktorientiertes korrektes Benehmen unter Berücksichtung bekannter Marktmechanismen.

Dass auch der Name des Verlags und der des Autors wichtig sind, ist natürlich ein Gemeinplatz und im Fall eines Bestsellers unabdingbar. 

Wir könnten uns darauf einigen, so funktioniere der Markt und es sei halt auch auf dem Buchmarkt nicht anders als in der Musik, in der bildenden Kunst und überhaupt in der ganzen Kultur: Der zu verteilende Kuchen sei nun einmal nur so und so groß, und in einer durchkapitalisierten Welt gebe es die Tendenz, dass diejenigen Player*innen (😉) mit den größten Kuchenstück*innen (?) den ganzen Kuchen fressen wollen.

Damit könnte ich noch so leben, wenn auch nicht immer gut, doch daran bin ich gewöhnt und mache mir keine Illusionen, dass es da je eine gerechte Umverteilung gibt. 

Doch es gibt noch etwas, das mich in Zorn bringt und gleichtzeitig traurig macht und das ich mit euch teilen will.

Auch beim Buch Fedinand von Schirachs ist das so. – Was es genau ist, erzähle ich ein andermal. Jetzt muss ich los.

Grüße 

The silent friend

Zeitgleich mit dem Buch Der stille Freund, auf das ich noch zurückkommen werde, ist der Film Silent Friend im Kino angelaufen. 

Extrem langsam. Durch Frauenaugen gesehen sozusagen, atmosphärisch, anekdotisch, viele Ebenen miteinander vernetzend, bildstark, ruhig. 

Da im Zentrum dieses Film ein 200-jähriger Ginkgo biloba und sein Gefühlsleben stehen, und da dieser Ginkgobaum ausnahmsweise eine Sie, also ein weibliches Exemplar ist, heißt der Film, ins Deutsche übersetzt: Die stille Freundin.

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat zehn Register gleichzeitig gezogen. Kein Wunder, dass der Streifen Überlänge hat.

Drei Geschichten aus drei verschiedenen Generationen nähern sich dem Seelenleben dieses Ginkgo-Giganten an, der mit Menschen in Kontakt geht, wenn sie so auf ihn zugehen, dass er sie wahrnehmen kann, also möglichst langsam und am besten offen wie ein kleines Kind. 

Wer bis jetzt noch gezweifelt hat, dass Pflanzen ein Bewusstsein und ein Gefühlsleben haben, wird durch diesen Film aller Zweifel enthoben. 

Ob allerdings die Frage nach dem Bewusstsein und dem Gefühlsleben von Pflanzen dadurch lösbar ist, dass man in anthropomorphistischer Überhöhung von Denken und Fühlen spricht, nehme ich trotz dieses Films als ganz dicke Frage mit.

Wie ließe sich über diese im Film breit ausgewalzten Phänomene denken, sprechen und fühlen, ohne in die alten und sensationalistischene Sprachmuster zu verfallen?!

Gruß