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Turtle Island

So richtig fiel mir das Problem erst nach der Lektüre von Aby Warburgs Reisebericht Schlangenritual auf. Er beschreibt darin Rituale, die Pueblo-Indianer in Amerika mit lebenden Giftschlangen durchführten, um dadurch Regen anzuziehen – ein faszinierender Bericht, dünkt mich. 

Während des Lesens kamen mir drei Fragen:

  1. Pueblo?!
  2. Indinaner?!
  3. Amerika?!

Die Menschen dieser Rituale haben nichts mit Spanien zu tun («Pueblo» = span: Dorf), nichts mit Indien (die barbarischen Europäern glaubten bei ihrer Ankunft auf diesem Kontinent, sie hätten Indien entdeckt), nichts mit dem Namen Amerika (dieser Name stammt vom florentinischen Kaufmann Amerigo Vespucci (1454–1512), der erkannte, dass die von Christoph Kolumbus entdeckten Gebiete nicht Asien, sondern ein anderer Kontinent waren; nach seinem lateinisierten Namen Americus Vespucius wurde der Kontinent Amerika benannt).

Wie rede ich über diese Indigenen, wenn es weder Indianer noch Pueblo-Indianer noch Amerikaner waren? Wie nannten sie sich selbst, und wie nannten sie ihr Land.

Sie nennen ihr Land Turtle Island, Schildkröteninsel.

Der Mythos, der hinter diesem Namen steht, ist bewegend und berührend – du kannst ihn auf Wikipedia nachlesen, oder bei Google oder ChatGPT. Auch andere nordamerikanische Konzerne klären dich gerne darüber auf. 

Du kannst also bei Konzernen, die von Nachfahren abtrünniger und krimineller Europäer gegründet wurden, nach der eigentlichen Geschichte dieser ureinheimischen Enthnien googlen und dir erklären lassen, was es mit Turtle Island auf sich hat.

Schulstreik gegen Wehrdienstpflicht

In Kassel gab es kürzlich einen Schulstreik gegen die Wehrdienstpflicht. Ich dachte sofort an Hermann Kükelhaus, als ich das Plakat las. Er hatte, als er noch nicht eingezogen war, gehofft, auch in den Krieg zu gehen – weil alle anderen zur Verteidigung des Landes, wie es hieß, eingezogen worden waren. Er selbst war jung und gesund und weitgehend angstfrei. Und er hatte ein schlechtes Gewissen. Doch das brauchte er nicht allzulang zu haben, denn mit 21 war er bekanntlich als einfacher Soldat bei der Russlandoffensive mit dabei. 

Die Zeit, als ich am Buch über ihn schrieb, verdünnt sich, wie Blut, das durch Medikamente verdünnt wird. Es ist gut so, das Buch soll seinen Weg gehen. Ich bin frei für anderes.

Doch jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit stehe ich vor dem Foto des kleinen Hermann, das im Buch auch abgebildet ist, und sinne nach:

Von der Trauer, Kraft und Unschuld und kosmischen Eingebunden, die mir aus diesem Bild entgegenstrahlt, lasse ich mich noch lange weiterbewegen und inspirieren.

Wo mag sie hundert Jahre später sein, diese kosmische Kraft und Unschuld des damals eineinhalbjährigen Kindes?

Und: wie stelle ich mich selbst in eine solche Kraft hinein?! 

Darüber denke ich nach, während meines Traumaschüttelns, das ich beim Betrachten dieses Kindes praktiziere.

Gruß 

«… anzetteln»

Wenn es um aktuelle Meinungen geht, stehen «die» Medien im Fokus.

Medien und Meinungsbildung sind die zwei Seiten einer Medaille.

Man kann von Meinungsmache reden, das hat einen negativen Touch.

Man kann auch von Bildung sprechen – eben: Meinungsbildung.

Zeitungen und Fernsehen, auch Radio und andere Medien werden oft beargwöhnt, «etwas» in Gang zu setzen, eine «Sache» einzuleiten, zu «Dingen» anzustiften, «Taten» anzuzetteln. 

Dass durch Worte Kriege angezettelt werden, ist wenig bewusst, weder im Moment, wo es geschieht, noch später, wo die Weltgeschichte in dieser Weise gedeutet wird. 

 
 

Überlegenheitsgefühle

Ein Leben ohne Maschinen ist heute nicht möglich.

Ein Leben mit weniger Maschinen hingegen ist möglich.

Meine Lebenserfahrung ist, dass ein Leben mit weniger Maschinen einen Mehrwert generiert.

Diese Erfahrung verschafft mir Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Transhumanismus.

Kommt zurück nach Europa

Vor zwei Monaten führte ein jüdischer Forscher, seines Zeichens Professor in London und Begründer eines Instituts zur Geschichte der Palästinenser – ich lasse seinen Namen weg, um in keine Richtung zu polemisieren –, aus, dass das Problem der Israelis im Nahen Osten nur dadurch auf eine Lösung zugeführt werden können, wenn wir in Europa uns dieses Problems annähmen und die Juden, die sich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus Europa vertrieben fühlten, einlüden, wieder bei uns in Europa zu leben. 

Als ich das hörte, merkte ich 1), dass ich wie aus einem Reflex heraus «Halt stopp» flüsterte und dachte, einen solchen Schritt könnte ich nur befürworten, wenn die Zurückkehrenden keine Sonderrechte und Alleinstellungsmerkmale für sich beanspruchten (ich denke, diese Reaktion ist auch auf das Agieren federführender Juden in Deutschland zurückzuführen, die alles unternahmen, um die documenta 15, die mir so sehr ans Herz gewachsen war und deren unendlich viele Veranstaltungen ich täglich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen verfolgt und besucht habe, in Grund und Boden zu verunglimpfen). Ich merkte aber auch, dass dieser Gelehrte 2) den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. 

Und mir kam ein Artikel in den Sinn, den Imre Kerzész im Jahr 2000 nach seinem ersten und einzigen Israelbesuch in der Zeit publiziert und darin gesagt (geschrieben) hatte, wenn wir in Europa uns das Nahostproblem vom Hals halten würden, werde dieses Problem zuletzt in Europa ausgetragen werden.

 

Lebendes als Totes

Ich erinnere mich noch, wie ich meiner kleinen Tochter einst erklären wollte, dass Holzbretter Teile eines Baumes seien. Sie dementierte meine Aussage, hielt sie für komplett untragbar und falsch. «Ein Holzbrett ist tot», sagte sie, «aber ein Baum lebt.»

Heute beim Spaziergang passierte etwas, das mich an das Gespräch von damals erinnerte. Berenike und besuchten eine alte, große, auf der Weide frei stehende Eiche, es ist ursprünglich ein Doppelbaum gewesen, von dem einer der beiden Stämme vor drei Jahren im Sturm gebrochen und umgestürzt ist und nun als Totholz neben der Resteiche daliegt. Am Stamm des Baumteils, der noch steht, ist neuerdings ein Schild angebracht, das mich noch nie nachhaltig zum Denken eingeladen hat. 

 

«Unverschämt, eigentlich», sagte Berenike. 

Stimmt. Da stehen Bäume in der Gegend herum, nicht nur in der Stadt, sondern auch im Wald, sie sind manchmal über hundert, manche auch schon (weit) über zweihundert Jahre alt. Sie mögen innen hohl sein, Äste mögen im Sturm abgebrochen sein. 

Dann kommen die Fachleute mit ihren Abhörsystemen und treten an diese Bäume heran und attestieren, dass ihre Lebendigkeit über den Zenith gegangen sei – und deklarieren sie zu Denkmälern.

Während von Menschen gemachte Denkmäler etwas vom Denkmalschutz haben, indem man sie restauriert, werden Bäume, die als Naturdenkmäler eingestuft werden, irgendwann einfach umgesägt, und dies oft viel, viel zu früh…

 

Zweifel, mein Freund

Ich schätze den Zweifel und das Zweifeln und auch die Zweifel, damit meine ich meine Verwandten.

Meine Mutter ist eine Zweifel und wurde, wie ihr Vater und ihre Geschwister, auf diesen Namen getauft. Er ist im Kanton Glarus zu Hause.

Einer meiner Lieblingsautoren, Ludwig Hohl, stammte auch aus dem Glarus und seine Mutter war ebenfalls eine Zweifel. Vielleicht ist dieser Verrückte, der Extrembersteiger war und ins Flachland flüchtete (in die Niederlande), ein Geistverwandter, wenn nicht sogar lein eiblicher Verwandter. 

Der Zweifel ist der Motor des tiefgegründeten Denkens und Wahrnehmens und deshalb unerläßlich für eine wirkliche Weltbegegnung, auch wenn er uns manche Sicherheiten zerschlägt und das Herz in dauerhafter Unruhe hält.

Kürzlich sah ich ein Bild, die Auflösung ist leider schlecht, doch in glaube, das Gebäude mit der Aufschrift ZWEIFEL ist gerade noch erkennbar:

Als ich dieses Bild sah, wurde mir wohl im Bauch. 

Herzlich 

Das JETZT zählt

Katy Hessel publizierte 2022 das Buch The Story of Art without Men.

Die Autorin holt unbekannte, ver­gessene oder bislang unsichtbare Künstlerinnen auf die Bühne. Das ist interessant und horizonterweiternd. Es ist mehr als legitim, eine Geschichte zu erzählen, bei der Frauen im Mittelpunkt stehen.

Auch ist es höchste Zeit, dem chauvinistischen, westlich geprägten, euro- beziehungsweise us-zentrierten Männer-Kunstbetrieb den Riegel zu schieben (was immer noch viel zu wenig geschieht). 

Was nicht funktionieren kann, ist jedoch eine komplette Umschreibung der Geschichte mit einem kompletten Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kunstanteilen, wie Katy Hessel es versuchte. Warum auch immer Frauen jahrhundertelang von einer gleichwertigen Wahrnehmung im Kunstbetrieb ferngehalten wurden und es noch immer werden – die Werke, die sie deshalb nicht schaffen konnten, gibt es schlichtweg nicht und können somit auch nicht in die Waagschale geworden werden.

Auf was es wirklich ankommt, ist doch, dass Frauen künstlerisch in die tiefsten Tiefen loten und von dort her Kunst generieren. Tun sie dies? Tun sie es besser als Männer es heute tun?

Und wenn wir schon Fragen stellen, dann bitte auch noch diese: interessiert sich denn überhaupt noch jemand für den exklusiven Mann-Frau-Gegensatz in der Kunst, wo inzwischen so viele andere Geschlechteridentitäten mitmischen? 

Und müssen nicht auch diese Gruppen auf die Frage nach der tiefsten Tiefe der Kunst eine Antwort finden, wenn sie in die Kunstgeschichte eingehen wollen?

Revival

Mein neuestes Buch über den Dichter im Krieg, Hermann Kükelhaus, kriegt Verstärkung. Gestern erfuhr ich, dass die längst vergriffene sogenannte Grebe-Ausgabe wieder aufgelegt werden soll. Das war mein Wunsch, und der Verlag erfüllt ihn nun. 

Damit sind wichtige Weichen für ein Hermann-Kükelhaus-Revival gestellt im Sinne eines Parallelprozesses: Mein Buch legt die Biografie des Dichters frei, die Grebe-Ausgabe bietet sämtliche Prosatexte und Gedichte von ihm.

Ich freue mich sehr, dass dies alles gerade jetzt auf dem Buchmarkt erscheint. Es ist ein Beitrag zur Besinnung in Kriegsfragen und legt uns nahe, was mit Menschen im Krieg passiert, wie sie bestialisiert und wie ihre Gedanken zersplittert und die Gefühle zerrieben und Beziehungen unmöglich gemacht werden. 

Wer glaubt, nur ein Terror der Abschreckung garantiere ein Überleben in Frieden, wird durch diese Auseinandersetzung gründlich in Fragestimmung versetzt.

Ob Hermann Kükelhaus eine Anleitung zum Pazifismus ist, soll deiner eigenen Beurteilung überlassen bleiben, wovon ich allerdings überzeugt bin, ist, dass jede Zeile, die er geschrieben hat, Anlass zur Besinnung gibt.

Ohne Empathie so extrem empathisch

Es ist sinnvoll, sich selbst als Teil dieser Welt verstehen zu lernen. Das fällt nicht immer leicht. Ich bin heute wieder einmal erschrocken, von was für Energien und Gedanken ich umgeben bin. Wenn ich Teil der Welt sein will, will ich mir darüber auch im Klaren sein. 

Ich bin gerade eben an einem Satz dran gewesen und war etwas ungeduldig, wie ich ihn zu Ende schreiben könnte. In früheren Zeiten hat man sich in einem solchen Moment beim Schreiben zurückgelehnt und hat sein Vorstellungsleben und die Fantasiekräfte bemüht. 

Das braucht es heute nicht mehr. Heute kannst Du digital abrufen, was andere vor dir in dieser Situation geleistet haben, und es einfach übernehmen oder adaptieren. 

Ich schrieb vorhin: „Wer weder seinen Vater noch den Großvater kennt und ohne Mutter aufgewachsen ist, ist ein Mensch, der –»

An dieser Stelle angekommen, überlegte ich, was für ein Bild ich für einen solchen Menschen nehmen könnte. Ich war ungeduldig, weil ich den Satz so schnell wie möglich hinter mir haben und weiterschreiben wollte. Also konsultierte ich KI.

Ich tippte ein: «Schreib folgenden Satz literarisch zu Ende: «Wer weder seinen Vater noch den Großvater kennt und ohne Mutter aufgewachsen ist, ist ein Mensch, der –»

Das streberhafte Gebaren von ChatGPT ist manchmal echt lästig. In diesem Fall zeigt sich die Streberei in einem viel zu langen Satz. Doch ich muss sagen, die Aufgabe hat das System mehr als hinlänglich erfüllt.

Der ganze Satz, durch weitere Sätze ergänzt, lautet: 

«Wer weder seinen Vater noch den Großvater kennt und ohne Mutter aufgewachsen ist, ist ein Mensch, der seinen Namen wie ein geliehenes Kleid trägt – es passt ihm, aber es wärmt ihn nicht. Er steht in der Welt wie ein Haus ohne Fundament, vom ersten Windstoß geprüft, vom leisesten Zweifel erschüttert. Niemand hat ihm erzählt, wessen Lachen in seinem eigenen widerhallt, wessen Zorn in seinem Blut schläft. Er erfindet sich aus dem, was übrig blieb: aus Blicken der Fremden, aus Büchern, aus der Art, wie das Licht am Abend auf die Straße fällt. Und manchmal, wenn es still wird, lauscht er in sich hinein, als könne er dort doch noch Schritte hören – schwere, vergangene Schritte –, die ihm sagen, woher er kommt. Doch wenn niemand antwortet, beginnt er selbst zu sprechen. Und vielleicht ist er gerade deshalb nicht nur ein Verlorener, sondern einer, der sich seine Herkunft erst noch erschafft.»

Herrlich, nicht wahr. Gut gemacht, gratuliere, doch ich denke, wir brauchen keine Angst zu bekommen, dass uns KI bald abgeschafft haben wird.