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Unvergorenes Vergorenes

Liebesbriefe von Jugendlichen bergen tiefe Wahrheiten über die Liebe. 

Wenn ich beim Lesen solcher Briefe einmal innehalte, denke ich unwillkürlich an Romeo und Julia.

Zwischen diesen liebefähigen jugendlichen Menschen war Liebe (LIEBE groß geschrieben, tausendmal wiederholt und unendlich ins Hohe gehoben).

Bisher habe ich geglaubt, was die Literaturwissenschaft behauptet, dass nämlich ein alter Familienzwist der Grund für die Zerrüttung dieser Liebe gewesen sei, der uralte Konflikt zwischen den Montagues und den Capulets. 

Seit einer halben Stunde denke ich es so, dass das Beispiel von Romeo und Julia für uns alle das Schiboleth unserer Suche nach Liebe sei.

Wenn dem so ist, dann ist jeder Versuch einer Liebe der gescheiterte Versuch dieser beiden unglücklich Liebenden.

Kennen wir es nicht aus unserem eigenen Leben? Hat nicht auch bei uns der Spaltpilz der Familien die Liebe zerstört? Und wenn nicht explizit die Familien, dann eben die Sozialisierung, die uns braingewasht hat.

Zur Sozialisierung gehört vorerst die Familie, dann aber auch die uns vorangegangenen Generationen, die Kirche (die auch heute immer noch sublim mit den Fingern im Topf rührt, auch wenn wir uns meilenweit von ihr entfernt wähnen), die Schule, die Berufsabschlüsse und Studienabschlüsse und nicht zuletzt – und das tut mir besonders weh – die Art, wie wir von Geburt an zu Buben und Mädchen gemacht wurden, mit der Folge, dass wie später als Männer und Frauen nichts so sehr suchen wie die früh verlorene Liebe.

 

 

Namen machen Podiumsplätze

Gottfried Kellers Spruch «Kleider machen Leute» ist bekannt. Ich setze dazu: «Namen machen Podiumsplätze». 

Was ich damit meine? – Dass es mir nicht gelingen will, die Rankings, mit denen der Kunstmarkt seine «besten Produkte» kürt, für ein Qualitätskriterium zu halten.

Ich habe im Beitrag vom 3.2.26 vom «schönen Buchtitel» des neuen Werkes von Ferdinand von Schirach geschwärmt und von der «schönen Frau mit der Wespentaille», auch das Motorflugzeug oben auf dem Cover und die dadurch ausgelöste Erinnerung an Ernest Hemingways Afrikabücher sind mir aufgefallen. Ich nehme das alles als freundlich marktorientiertes korrektes Benehmen unter Berücksichtung bekannter Marktmechanismen.

Dass auch der Name des Verlags und der des Autors wichtig sind, ist natürlich ein Gemeinplatz und im Fall eines Bestsellers unabdingbar. 

Wir könnten uns darauf einigen, so funktioniere der Markt und es sei halt auch auf dem Buchmarkt nicht anders als in der Musik, in der bildenden Kunst und überhaupt in der ganzen Kultur: Der zu verteilende Kuchen sei nun einmal nur so und so groß, und in einer durchkapitalisierten Welt gebe es die Tendenz, dass diejenigen Player*innen (😉) mit den größten Kuchenstück*innen (?) den ganzen Kuchen fressen wollen.

Damit könnte ich noch so leben, wenn auch nicht immer gut, doch daran bin ich gewöhnt und mache mir keine Illusionen, dass es da je eine gerechte Umverteilung gibt. 

Doch es gibt noch etwas, das mich in Zorn bringt und gleichtzeitig traurig macht und das ich mit euch teilen will.

Auch beim Buch Fedinand von Schirachs ist das so. – Was es genau ist, erzähle ich ein andermal. Jetzt muss ich los.

Grüße 

The silent friend

Zeitgleich mit dem Buch Der stille Freund, auf das ich noch zurückkommen werde, ist der Film Silent Friend im Kino angelaufen. 

Extrem langsam. Durch Frauenaugen gesehen sozusagen, atmosphärisch, anekdotisch, viele Ebenen miteinander vernetzend, bildstark, ruhig. 

Da im Zentrum dieses Film ein 200-jähriger Ginkgo biloba und sein Gefühlsleben stehen, und da dieser Ginkgobaum ausnahmsweise eine Sie, also ein weibliches Exemplar ist, heißt der Film, ins Deutsche übersetzt: Die stille Freundin.

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat zehn Register gleichzeitig gezogen. Kein Wunder, dass der Streifen Überlänge hat.

Drei Geschichten aus drei verschiedenen Generationen nähern sich dem Seelenleben dieses Ginkgo-Giganten an, der mit Menschen in Kontakt geht, wenn sie so auf ihn zugehen, dass er sie wahrnehmen kann, also möglichst langsam und am besten offen wie ein kleines Kind. 

Wer bis jetzt noch gezweifelt hat, dass Pflanzen ein Bewusstsein und ein Gefühlsleben haben, wird durch diesen Film aller Zweifel enthoben. 

Ob allerdings die Frage nach dem Bewusstsein und dem Gefühlsleben von Pflanzen dadurch lösbar ist, dass man in anthropomorphistischer Überhöhung von Denken und Fühlen spricht, nehme ich trotz dieses Films als ganz dicke Frage mit.

Wie ließe sich über diese im Film breit ausgewalzten Phänomene denken, sprechen und fühlen, ohne in die alten und sensationalistischene Sprachmuster zu verfallen?!

Gruß

Was nach Mut aussieht, halte ich für Feigheit

Vorsicht, das neue Buch von Ferdinand von Schirach steht ganz oben auf der Spiegel-Bestsellerliste. Grund genug, dafür nach einer Erklärung zu suchen – am besten durch die Lektüre des Buchs. 

So verschwommen wie dieses Foto ausgefallen ist, kommt mir der Bezug zwischen den einzelnen Erzählungen und dem Buchtitel vor. Ein schöner Titel, lose in Beziehung zum Inhalt stehend. Eine schöne Frau mit Wespentaille und dem Hauch eines selbst ergriffenen Abenteurer*innenlebens. Und oben im Bild die Andeutung eines Propellers eines Motorflugzeugs – alles a bissle sehr nach Ernest Hemingway. Warum auch nicht, Hauptsache es zieht. 

Was auch zieht, ist der Name des Verlags und natürlich des des Autors. 

Alle diese kleinen wichtigen Punkte fallen schon mal ins Gewicht. Mehr ins Gewicht fällt der vorgetäuschte Touch von Entrüstung und Erschüttertheit im Buch. Der Autor gibt sich Mühe, als rechtschaffener und moralisch integrer Schriftsteller aufzutreten und Themen zu verarbeiten, die die Gemüter bewegen. 

Dieser Touch kommt im kurzen Text besonders stark zum Ausdruck, in welchem Schirach unter dem goetisch anmutenden Titel Wirklichkeit und Wahrheit über den 7. Oktober 2023 und die Hamas-Terroristen schreibt. Damit wir das Ausmaß des Grauens auch wirklich bis in die hinterste Fasern unseres Organismus aufnehmen, bringt er Details über die verstümmelten, verggewaltigten, mit Messern ihrer Brüste entledigten jungen unschuldigen Frauen, schreibt, wie die Terroristen ihnen «Nägel in die Oberschenkel und die Leistengegend gehämmert» hatten und dergleichen mehr. 

Und wieder wehrt sich etwas in mir. Nicht deshalb, weil der Autor zitiert, was über dieses Massaker berichtet wurde. Ist das die Entrüstung eines Autors, dem es um die Wirklichkeit und Wahrheit zu tun ist?

Morgen versuche ich eine Antwort auf diese Frage. 

Innerlich abgewinkt

Kürzlich sprach im Deutschen Bundestag eine Überlebende des Holocaust. 

Ihr Name ist Tova Friedman. Die Medien sagen, sie habe eine bewegende Rede  zur offiziellen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus gerhalten.

Die Dame überlebte als Kind das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie ist als Zeitzeugin und Aktivistin gegen das Vergessen unterwegs. Sie habe sich schwer getan, nach Deutschland zu kommen, hieß es – sicherlich nicht wegen der Sprache, nein, sondern wegen des langen Schattens, der über Deutschland hängt, insbesondere für jüdische Menschen.

Ich fand etwas anderes ebenfalls bewegend, oder auch abstoßend, nämlich wie in Deutschland Erinnerungskultur betrieben, ich könnte auch sagen: abgespult wird. 

Und schon merke ich, wie befangen ich bin und wie schwer es ist, dazu etwas zu sagen.

Dennoch sage ich, ohne Frau Friedman auch nur im Entferntesten kritisieren oder ihre Rede in Frage stellen zu wollen, dennoch sage ich, muss ich sagen, wie es mir beim Anblick der Räume im Bundestag, in denen sie sprach, ging und wie mich die Inszenierung beelendet hat.

Peinlich und fast nicht auszusprechen, dass mir in einem unkontrollierten Moment der Begriff «Quotenjüdin» in den Kopf schoss. Doch genau so fühlte es sich für mich an.

Früher war nicht alles besser – jedoch anders.

Schöne Neuigkeiten

Hier die erste Neuigkeit: Mein neuestes Buch ist seit einigen Tagen im Buchhandel erhältlich.

Der Titel lautet: Hermann Kükelhaus. Ein Dichter im Krieg.

Das Taschenbuch ist erschienen in der Edition Hamouda in Leipzig, fadengeheftet, mit 30 ganzseitigen Abbildungen, davon viele Erstveröffentlichungen, Hardcover, 18,- EUR. 

Ich freue mich über jeden und jede Leser*in!

Leute, ich freue mich sehr über eure/Deine/Ihre positive, kritische, besinnliche, nachdenksame oder sonstwie persönlich gefärbte Rückmeldung zu diesem Buch. Sorry, dass ich das so explizit erwähne, aber wir Schreibersleute bekommen noch weniger Rückmeldungen als alle anderen, viel weniger als in anderen Berufen und weniger als in anderen Kunstsparten. Die meisten Sachen von uns werden nicht besprochen, die meisten von uns werden nicht in Talkshows eingeladen (worüber ich ja nicht unglücklich bin). Auch sonst wird unserer Arbeit wenig wertgeschätzt. Und wer nicht auf Lesereise geht (auch darüber bin ich nicht unglücklich, ich meine, dass ich nicht öffentlich auftreten muss), weiß noch nicht einmal, wie sich Applaus als Äußerung von Wertschätzung anfühlt. – Ist alles nicht eine Feststellung, keine Klage 😎.

Ich sage es nochmals, nur mit anderen Worten: der Schreibenden Künstlerbrot ist die persönliche Ansprache…

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Zweite Neuigkeit: Seit heute ist mein Novalisclip No.26 online, entweder auf dieser Website (Link «Videos») oder auf Youtube.

Viel Freude, Gruß

Pause

Pause – fertig Pause! Ich habe lange genug pausiert und länger keine Tagesgedanken mehr geschrieben.

Dafür gab es einen persönlichen, sozusagen privaten Grund. Er ist inzwischen ausgeräumt und ich freue mich darauf, weiterzumachen. 

Weitermachen, das ist auch das Thema in diesen Zeiten.

Ich nehme mir da meine Vorfahren aus den Bergen zum Vorbild. Bei ihnen hieß es manchmal weitermachen, wenn sie am Tag davor vielleicht gerade wieder einmal eins ihrer Kinder begraben oder beim Arbeiten im Wald ein Bein abgeschlagen haben. 

Klingt dramatisch, war es damals aber auch, du meine Güte. 

Heute ist es unter ganz anderen Umständen ebenfalls dramatisch, das wissen wir alle, gleich was wir denken, fühlen und tun. 

Von vielen unserer Vorfahren, leider nicht von allen, aber doch von nicht wenigen, können wir auch dies lernen, was die deutsche Sprache mit dem faszinierenden Wort «Zuversicht» bereithält.

Wie lautet eigentlich die Verbform von «Zuverischt»? «Zuversehen»? 

Jedenfalls ist Zuversicht ein Schritt nach vorn. Viele Menschen wollen sie uns streitig machen. Die Schöpfung hingegen freut sich, wenn wir Zuversicht wahren und anderen Lebewesen in freundlicher Hingewandtheit überall, wo es uns möglich ist, die Hand reichen und sie ehren.

 

 

NOVALIS Clip 25

Wieder alles aktuell, was das von Novalis vor über 200 Jahren durch mich vor 25 Jahren zur Gegenwart gedacht wurde. Ich denke nicht, dass das beunruhigen muss, im Gegenteil, es hilft, auf drängende Ereignisse mit etwas Atem draufzuschauen.

Der ganze Text des Clips, beginnend auf S.94 meines Novalisbuches, 62. Tag, Samstag, 3. März 2001, Kassel:

«‹In lang hinab gesunkenen Zeiten,
Ich will sie in mir vorbereiten,
Entstand, nicht unweit hier,
Aus einem Urzustand Natur,
Ein tief gepflegtes Wesen.

Teilzuhaben an einer großen Welt,
Die sich in einem Innern hält
Und ohne Glanz, in aller Würde
Des Lebens schwere Alltagshürde
Benimmt und aus dir strömt.

Weh, wer in diesem Wesen lebt,
Zu Höherm sich das Innre regt,
Und weh, wenn einer außen bleibt,
Er merkt noch nicht, wie’s reibt
Und wie die Welt im Krebsgang schwindet.› (NOVALIS)

Vielleicht gibt es auch (!) hier nur ein ENTWEDER – ODER.
ENTWEDER wir die Welt mit NOVALIS der Paukenschlag der Wandlung, still wahrlich wie gutes, unversetztes Wasser, und tief wie das Meer an tiefen Stellen seines Wassers.
ODER sie wird zur unbewussten Bedrohung, leider Bedrohung und leider leider unbewusst, oder, noch schlimmer und genau: die Selbstwahrung der Unbewusstheit wird von einer intellektuellen Schärfe überstrahlt, die ein Gefühl von Unvermögen durch Besetzung des Unbewussten nicht erkennt, aber in der Selbsteinschätzung scharfer Reflektiertheit der Welt einen antiwesenhaften Geist aufdrückt.
Mit dem Starkwerden der Grünen, zu deren Parteigründung der Novaliskenner Beuys als Gründungsmitglied Kraft und Energie vergab, wird der Kampf gegen dieses Wesen militant.
Schmerz und Berklemmung, zur politischenm Gegenwart in aller Ohnmacht ja zu sagen, denn bis in die Geldabgaben tut einer mit einem Staat mit, der an seinem Erbe Verrat übt und unter dem schon im Sozialismus beängstigend aufgelebten, bei den Grünen noch militanter geweordenen Begriff der Political Correctness alles Leben vergiftet.»

Gruß   

NOVALIS zum «Geniebegriff»

Der 24. NOVALIS-Clip ist da, siehe auf dieser Website im Link «Videos».

Der Text ist brandwichtig, gerade deshalb, weil heute von den KI-Strategen verbreitet wird, dass der alte, vor allem auf den weißen europäischen Mann zugerichtete Geniebegriff bald aus der Diskussion herausfallen und als chauvinistisch ad acta gelegt werde.

Der Denk-, beziehungsweise Überzeugungshintergrund dieser, wie ich sie hier einfach mal nenne, Strategen ist dieser: KI deckt in Zukunft alles komplett ab, was bisher nur Genies vorbehalten war.

NOVALIS Sichtweise auf das «Genie» bietet eine Denkalternative. Hier mein Text, in welchem ich zwei mir sehr nahegehende NOVALIS-Zitate bearbeite: 

Blüthenstaub: «Genie ist das Vermögen, von eingebildeten Gegenständen wie von wirklichen zu handeln und sie auch wie diese zu behandeln.»
Die Kinowelt als Abbildnerin eingebildeter Welten, die so real ihre Welt abbilden, das die Realität daneben sich beleidigt anfühlt. Im Internet findet ein so perfekt gestalteter eingebildeter Transfer von Wirklichkeit statt, ein Sog von in Sprache verkleideten Sprechblasen, da hat daneben alle Echtheit und alles Genie ein Ende. Muss noch anderes her, um Kraft des Genies zu wirken! Etwa Liebe im Sinne Bubers oder auch Novalis’, wobei ich bei letzterem nachschauen müsste und bei Buber durch den Kalender im Klo auf einem bestimmten Stand bin, aber sonst denn doch glaube: «Der Mensch vermag in jedem Augenblick ein übersinnliches Wesen zu sein.» Ohne weitere Vorbereitung ein solcher Satz (aus Blüthenstaub 22), das ist Glaube, das ist Drinstehen in einem Strom, der fließt wie ein Ganges oder der Amazonas, eine Urbewegung, gleich was für Wetter und gleich welche Katastrophe sonst in der Welt, auf der Erdoberfläche. Novalis der Gedankensinn-Reiniger, der Gesetzesübertreter und Gesetzgeber, der Stollenassessor vor Ort, vor dem Ort der Sprache, Gedanke an Gedanke, alles in Poësie getaucht, das ist Novalis, das ist das Leben in einem undefinierbaren Werk.
Der Romantiker definiert nicht und lässt sich nicht definieren, er schwimmt auf den leichten Wellen eines Stromes. Leben entsteht, Leben vergeht, es pulsen die Felder, es lösen sich Knoten, kein Leben erlischt ohne Grund.

Einen schönen Tag,