Wir alle sind Ausländer*innen, wir alle kommen aus dem Kosmos…

Wir alle sind Ausländer*innen, wir alle kommen aus dem Kosmos…

Heute sagte mir mein Hausarzt – zugegebenermaßen ein VITAMIN D Freak – wir in Kassel sollten vom Spätsommer bis zum nächsten Frühsommer große Mengen Vitamin D zu uns nehmen, da es permanent düster, verhangen und sonnenfern sei in unserer Stadt.
Deshalb die depressive Grundstimmung? Deshalb die bleichen, aggressiven Gesichter an jeder zweiten Straßenecke?
Ich werde seinen Rat befolgen.
Und ich will nicht zu denen gehören, die jetzt über die Hitzewelle klagen. Endlich mal meditterane Gefühle. Oder noch besser: Es ist zur Zeit hier in der Stadt wie in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, alles ist voller Geheimnisse und lustiger Feen, Undinen, Lüftchen und Zaubereien. Übermütchen und Gedankenlosigkeiten, herrlich…

Während der documenta fifteen erschreckten mich im damaligen Antisemitismusstreit, der seinen Würgegriff um diese Kunstausstellung schlang, immer wieder vor allem zwei Namen: Volker Beck und Meron Mendel.
Sie beanspruchten während dieser unsäglichen, hochpolitischen Debatte eine Art Alleinstellungsanspruch, was ihre Einmischungskompetenz betraf.
Das machte mich manchmal halb krank.
Die von ihnen kritisierte documenta ist längst vorbei, doch der streitbare Geist in den beiden Männern tobt anscheinend weiter, nur, dass sie sich jetzt gegenseitig angreifen.
Jeder der beiden scheint genau zu wissen, was mit Außenstellen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem passierte, wenn solche, wie manche befürworten, in Deutschland eröffnet würden.
Meron Mendel zeigt sich der israelischen Regierung gegenüber kritisch und befürchtet ihre Einmischung und politische Einflussnahme, Volker Beck hält eine solche kritische Haltung für restlos unbegründet.
Was Mendel und Beck zu verbinden scheint, ist ihre Überzeugung, dass jeder von ihnen Bescheid wisse und mit seiner Meinung politisch Einfluss zu nehmen nicht nur berechtigt, sondern geradezu aufgefordert sei.
Beide warnen vor den falschen Leuten, die falsche Erinnerungkultur betreiben könnten – dass sie selbst vielleicht die Falschen sind, die da mitzureden haben, ist ein weiteres Merkmal der beiden streitbaren Männer.

Du kannst dich aufregen über seinen Lebenswandel, kannst ihr vorwerfen, dass sie zu impulsiv auftrete und über ihre Ziele hinausschieße.
Wie ich nun Daniel Barenboim (über dessen Auftreten es so viele on dits gibt, dass ich sagen muss: ich weiß nichts Rechtes über ihn) und Martha Argerich (ihre Bühnenpräsenz ist unerreicht) bei den Salzburger Festspielen zusammen am Flügel sitzen sehe und höre, wie sie vierhändig Schuberts op. D 951 spielen, umfasst mich eine die Innigkeit, wie sie der Untergrund bei Schubert zu sein hat, eine auf ein im Hier und Jetzt vollzogenes Jenseits ausgerichtete Innigkeit.
Und ich denke: Das kenne ich von der Klassikszene, dass jüdische Menschen zusammen mit jüdischen Menschen musizieren. Das ist für andere nicht immer nur einfach.
Ich denke auch dies: Wenn ich mir vorstelle, was den Vorfahren dieser Menschen angetan wurde, dann ist die Konsequenz daraus doch fast (herz)logischerweise die, dass sie mit keinen anderen Menschen so intim performen können wie eben nur untereinander, ja, es ist vielleicht sogar so, dass sie alles andere schlichtweg nicht mehr ertragen, wie sehr sie sich auch darum bemühen mögen.

Die Spätergeborenen werden unser Schweigen verurteilen, höre ich immer wieder.
Ja, das mag sein, doch hoffentlich werden sich die Spätergeborenen ein Bild von der Problematik verschaffen können, in welchem die, die schweigen, gefangen waren – oder, wie wir heute, sind.
Schweigen kann auch eine Folge davon sein, dass es einem die Sprache verschlagen hat.
Allein das folgende Dilemma – eines von vielen, die mich quälen – ist schier unaussprechbar: Einerseits ist es unsäglich, dass von russischer Seite seit Jahren Krieg gegen die Ukraine geführt wird, andererseits ist es für mich ebenso unsäglich, dass deutsche Politiker*innen noch nie dafür um Entschuldigung gebeten haben, dass vor einigen Jahrzehnten Deutsche etwa 20 Milllionen russische Menschen ums Leben gebracht haben.

Ich bin wieder zurück am Schreibtisch, nachdem ich länger offline in den Bergen war. Mauern bauen, Zecken bekämpfen, Wiesen sensen, Bäume schneiden, lauter derlei schöne und weniger schöne, anstrengende und weniger anstrengende Dinge.
Und nun wieder unter Schreibenden.
Ich schreibe meine Texte noch selbst, mühsam, langsam, sperrig.
In der Debatte, ob Journalist*innen ihre Texte selbst schreiben müssen oder durch KI schreiben lassen dürfen, habe ich kein Problem, mich auf die Seite derer zu stellen, die pro KI voten.
Nur – ich selbst brauche das altmodische Gefühl, unter meinen Gedanken und Fingern einen Text entstehen zu sehen.
Wie solche Texte zu schreiben seien, darüber gibt es auch ohne KI heutzutage viel Fremdbestimmung.
So soll ich nur schreiben, was Leser*innen sofort verstehen. Allgemeinbildung vorauszusetzen wäre politisch unkorrekt, die Zumutung etwas zu googlen auch.
Ich bin heute morgen beim Schreiben gerade an einer Stelle angekommen, wo ich meine Großmutter beschreiben will, ihre Mischung aus Liebe und Züchtigung. Da kam mir das seinerzeit heiß debattierte Bild von Max Ernst mit der züchtigenden Gottesmutter in den Sinn.

Es ist das berüchtigte Bild mit der Heiligen Mutter, die ihrem Heiligen Kind den Hintern versohlt – genau wie damals unsere Großmutter! Sie hatte eine Hand für die Liebe und eine andere für die Züchtigung.
Soll ich meinen Leser*innen Max Ernsts Gemälde zumuten?
Selbstverständlich, sage ich.
Selbstverständlich nicht, sagen dir die Leute, die Creative Writing anbieten.
Selbstverständlich nicht, sagen die Verlage, die ihre Autor*innen dazu erziehen, ihre Leser*innen zur Verdummung zu erziehen.

Erzählte mir jemand, wie sie als Zuhörerin mitten in eine Radiosendung geplatzt sei. Es ging um einen Mann, er erzählte mit selbstbewusster Stimme von seiner Laufbahn als Soldat und Dozent. Er habe das Abitur geschmissen, sei dann zur Bundeswehr, habe dort das Abi nachgeholt, später studiert und das Karriereleiterchen erstiegen.
Ob es die Stimme des Mannes war oder der Inhalt des Gesprochenen, jedenfalls verurteilte die Zuhörerin innerlich schon bald die Aussagen des selbstverliebt (wie sie fand) daherredenden (wie sie fand) Karrierefuzzis, wie ihr der Mann erschien.
Dann sei die (wie die Hörerin fand) sehr einfühlsame Gesprächsmoderatorin auf den Afghanistaneinsatz zu sprechen gekommen, den der Mann abgeleistet habe.
Sie habe gefragt, was er erlebt habe und was ihm am unvergesslichsten geblieben sei.
Er habe im gleichen Tonfall wie zuvor gesagt: Die Augen der Kinder, die nicht weglaufen konnten und zusehen mussten, wie aus allen Richtungen schwerbewaffnete Männer um sich schossen und vor ihren Augen Mütter und andere Menschen töteten.
Und dann sei sie dagestanden, sagte die Radiohörerin, und habe nichts mehr gehört und habe angefangen zu weinen.
In diesen Tagen fliegt der US-amerikanische Präsident nach China zum Dialog. Für den Dialog nimmt er ein paar Leute mit: Elon Musk von Tesla und SpaceX, Tim Cook von Apple, Jensen Huang von NVIDIA, Larry Fink von BlackRock, Stephen Schwarzman von Blackstone, Kelly Ortberg vonBoeing, Jane Fraser von Citigroup und einige CEOs von Meta, Mastercard, Visa, Qualcomm und Micron.
Die westlichzen Giganten auf dem Weltmarkt mit den östlichen Giganten auf dem Weltmarkt im Dialog.
Wie die alle ins Straucheln kämen, wenn sie miteinander den verlangsamten Dialog im Sinne des US-Amerikaners David Bohm (1917-1992) erkundeten 😎
Fragst Du manchmal auch: Was war am heutigen Tag für mich ganz besonders schön?
Geht es Dir dabei auch so, dass Du auf diese einfache Frage keineswegs immer gleich eine Antwort parat hast?
Heute war die Antwort für mich ganz leicht:

Ich habe den Kompost, der verrottet ist, Schaufel für Schaufel über ein grobes Sieb geworfen und die feine, schwarze Erde vom Gröberen getrennt. Eins der beiden Rotkehlchen, die im Garten leben, hat mir dabei Gesellschaft geleistet.
Es gab sich so entwaffnend zugewandt, dass es auf dem Schaufelstiel landete und ich mit der Weiterarbeit warten musste, bis es direkt vor meinen Füßen nach Essbarem suchte, was mich erneut am Weiterarbeiten hinderte.
Was ist doch dieser kleine Vogel für ein übergroßes Wesen! Absolut nicht in Worte zu fassen, doch dass es da war, nah war, ganz hingewandt zu mir war, das kann ich sagen.
Das war am heutigen Tag besonders schön, bewegend, erhebend.

Wenn ich lange keine Tagesgedanken eintrage, liegt es mal an meiner teilweise unpolitischen Existenz, teils auch mal an meiner Abwesenheit.
Ich war in letzter Zeit tatsächlich abwesend und somit auch abgezogen.
Deshalb die Stille auf meiner Website.
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Das mit dem unpolitischen Leben ist so eine Sache. Eigentlich führt kein Mensch ein unpolitisches Leben, denn solange wir Dienstleistungen in Anspruch nehmen, essen, arbeiten, uns am Leben erhalten, partizipieren wir in vielfältigster Weise am allgemeinen Leben, und das ist durch Gesetze, Handelsbeziehungen, globale und regionale Netzwerke IMMER POLITISCH.
Das Gefühl unpolitisch zu sein ist eine Art Isolation oder, genauer, ein: Nicht-Mehr-Mitreden-Können-Und-Auch-Gar-Nicht-Mehr-So-Wirklich-Mitreden-Wollen. Das ist das Gegenteil von einem Akt der Freiheit, vielmehr ist es Bandage, recht sehr ein Unwohlgefühl, das sich nicht so leicht abschütteln lässt, auch nicht durch Lektüre, Schreiben und andere Rückzugsgefechte.
Wie dem auch sei – in nächster Zeit werde ich mit meinem öffentlichen Denken fortfahren.
Herzlich 