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Reden über den Fortschritt

Als ich vor vielen Jahren mit Rupert Neudeck zu tun hatte, erzählte er eine nette Geschichte von einem Bürgermeister in Afghanistan, der ihm ein Dokument von seinem Heimatort nach Deutschland schicken wollte und zu Neudeck gesagt habe, die Sendung müsste dann und dann bei Neudeck in Köln ankommen, «vorausgesetzt die Deutsche Post ist pünktlich.»

Damals war das noch ein Lacher. Heute ist es so eine Sache, oft auch einfach ein Jammer, diese Sache mit der Deutschen Post. 

Noch jammeriger wird es, wenn ich von Deutschland aus Post in die Schweiz schicke. Zum Beispiel ein Buch. Das Porto ist manchmal teurer als das Buch, das ich verschicke. Post von Deutschland ins nichteuropäische Ausland, wie die Schweiz hierzulande genannt wird, kostet bis zu zehn mal mehr als Post im Inland. 

Und das Unangenehmste neuerdings ist, dass du immer mehr damit rechnen musst, dass die Sachen in der doch eigentlich so nahen Schweiz nicht mehr ankommen. 

Ich jedenfalls bin immer froh, wenn ich ein Zeichen aus der Schweiz bekomme, dass meine Sachen, beispielsweise, wie unlängst geschehen, ein nett eingepacktes Taschenbuch, das ich hier abgeschickt habe, auch tatsächlich am Bestimmungsort angekommen ist.

Tja, da reden sie überall von Fortschritt und neuer Technik, auch von diesem magischen Höher-Schneller-Jederzeit-Jetzt. Was die Post betrifft, ist dieser Fortschrittszug längst abgefahren.

 

Königsberg Kaliningrad

Die Begriffe Königsberg und Kaliningrad bezeichnen dieselbe Stadt in unterschiedlichem historischem und politischem Kontext. 

Die Stadt war 850 Jahre deutsch gewesen. Nach der Kapitulation der Nationalsozialisten wurde sie russisch. Seit 1946 heißt sie Kaliningrad. 

Hans Graf von Lehndorff war unweit Königsberg auf die Welt gekommen und schrieb nach dem Krieg das Ostpreussische Tagebuch. In diesem Buch schildert er auf über 300 Seiten das Grauen in den Tagen der Zerstörung und Übernahme der Stadt durch die aus Osten nach Deutschland vorrückenden Russen. Die geschilderten Szenen erinnern an den untersten Kreis der Hölle in Dantes Göttlicher Komödie. 

Lehndorffs Augen-Öffner-Buch hat über 35 Auflagen erlebt. Wo sind all die Leser*innen dieses Buches? Warum gehen sie, gehen wir – ich habe jede Zeile des Buchs gelesen und nach jedem Absatz nach Luft gerungen – nicht auf die Straßen in Deutschland und sagen, dass die Lösung, Deutschland wiederaufzurüsten und wieder deutsches Kriegsgebrüll ertönen zu lassen, keine Lösung ist, sondern die Wiederholung dessen provoziert, was von Lehndorff in seinem literarisch hochwertigen Tagebuch niedergeschrieben hat. 

Die Lösungen, die hermüssen, sind nicht einfach, doch dass die zähneklirrende Aufrüstung Deutschlands keine Lösung sein kann, das ist gewiss und sollte deshalb nicht nur überdacht, sondern fallengelassen werden. 

Mensch, diese Tiere

Mensch und Tier sind Natur. Diese natürliche Einschätzung unseres Lebens ist gar nicht so selbstverständlich. 

Gestern war ich in einer Kunstausstellung. Der Titel der Ausstellung lautete Natürlich.

Auch das ist nicht selbstverständlich, ich meine, dass sich bildende Künstler*innen mit der Natur und der Frage der Natürlichkeit beschäftigen. 

Und dann begrüßten mich am Samstag in der Früh auf meinem Blitzwalk hinauf zum Herkules auf den Steintreppen unterhalb dieses eigentümlichen Steinmonuments die Augen eines Grünspechts, ganz nah.

Er schaute mich so menschlich, wissend, forsch, selbstwirksam, kraftvoll an – in diesem Natur-Kraft-Moment hatte ich keinen Moment die Frage, was denn bitte natürlich sei und was denn eher nicht, noch nicht oder nicht mehr?

Er war einer wie ich, er oder sie, das kann ich nicht sagen.

Jedenfalls hatten wir beide eine begegnungsfreudige, ganz in unser Leben gestellte Begegnung jenseits der Sprache, doch voller Gedanken.

Mehr oder weniger oder nichts davon

Ich beobachte, wie borniert viele Menschen mit sich selbst umgehen. Sie stellen sich unter den Scheffel oder riechen nach latentem Größenwahn. Und sie überhöhen ihr Gegenüber oder schauen auf es hinunter. 

Wieso ist die Begegnung auf Augenhöhe so schwer? Die Begegnung, die Räume öffnet? Die eigenes zurückstellt, ohne dass das Eigensein verlorengeht? Die das andere an den Ort stellt, wo es hingehört? Ohne Überbewertung? Ohne Abwertung? Ohne alles, was da so schnell dazwischen schießt und die Atmosphäre verdunkelt?

Braucht es für die goldene Mitte, die groß und alles andere als eine langweilige Mitte ist, braucht es dazu mehr als die wertvolle Ressource «gesunder Menschenverstand»? 

Und, letzte Frage, warum geht diese Ressource seit einigen Jahren so dermaßen den Bach hinunter?

 

 

Website Hermann Kükelhaus

Heute waren Berenike und ich in Soest im Hugo-Kükelhaus-Haus. Es ist eine Wucht, dieses sehr persönliche Museum. Es ist für mich eine Mischung aus Studierstube von Doktor Faust und Goethe-Wohnhaus in Weimar, eben wirklich sehr persönlich. Und der ganze Lebensduktus von Hugo Kükelhaus ein permanentes Forschen, Ausprobieren, Produzieren, Loslassen – er war nicht ein Querdenker, sondern ein Rundumdenker und weniger Universalgelehrter als Universalsuchender und Urformer und Lebensperformer. 

Und dann gibt es da eben noch diesen Hermann, den 20 Jahre jüngeren Bruder, der sechzig Jahre weniger lang lebte als Hugo.

Was hätte aus Hermann Kükelhaus noch alles werden können, wenn er nicht mit 23 Jahren gestorben wäre.

Mich freut es, dass, mitausgelöst durch meine Werk- und Lebensbiografie über Hermann, in absehbarer Zeit eine Website nur für ihn entstehen wird. Es gibt schon wieder neue Dokumente, und die werden dann auf dieser Website hochgeladen. 

Das Thema macht die Musik

Das Thema macht die Musik – das gilt für das Schreiben genauso wie für das Kompomieren. 

Ich komme gerade aus meinem Provinzbuchladen aus der Wolfhagerstraße. Dort liegt neben der Kasse – genau dort, wo man den Geldbeutel mit der Scheckkarte hinlegt, um zu bezahlen, genau dort, wo man ohne zu überlegen das Buch, das zufällig dort liegt, nimmt und mitbezahlt und sich zu Hause fragt, wie ist dieses Buch zu mir gekommen, ganz genau dort, wo in allen kleinen und großen Buchläden zur Zeit ebendieses Buch liegt und blindlings unter die Leute gerät – ein gelbes Buch, Büchelchen könnte man schon fast sagen. 

Thema des Buches: Wie können wir friedlich miteinander leben? Ein kleiner Junge lernt Demokratie. Wenn das kein wichtiges, gutes, entscheidendes, geradezu überfälliges Thema ist.

Autor des Buchs: Ferdinand von Schirach. Er hat wieder einmal das Thema getroffen.

Und daneben ich mit meinen Themen, hm …

Gerade eben habe ich mich gefragt, ob es Antisemitismus wäre, wenn ich schriebe, die Regierung und das Militär in Israel sollten sich dringend was abschneiden von der bedingungslosen Menschenliebe jener wunderbaren Jüdin namens Simone Weil.

Das ist kein schirachsches Thema – für mich ist es trotzdem eins.

Flugzeuge und Regenwürmer

Nach grippigen Ostertagen ist seit heute ein kleines Auferstehungsgeschehen ingang: Der Frühling ist wieder etwas, das in meinem Inneren schafft, nicht nur draußen, wo es an allen Ecken frühlingelt.

Früh am Ostermorgen waren wir mit schniefenden Nasen in einer Waldlichtung und ließen ergriffen das Sonnen-Aufgangs-Geschehen (ein großes Auferstehungsgeschehen) auf unsere Gemüter wirken. 

Mittendrin schaute ich senkrecht über mich in den Himmel und dachte: «Ostern? In Kassel ist Ostern, wenn es mehr Kondenzstreifen am Flugzeughimmel gibt als Regenwürmer auf (genauer: in) der Erde.»

 

 

Sinkflug, ok

A: Solange sich gewisse Leute einfach weiterhin das holen, was sie für sich brauchen …

B: Sie schaden auf lange Sicht der Wirtschaft …

A: Und die ist langsam auch durch Steuern nicht mehr zu steuern.

B: Es ist keine Änderung in Sicht. Ein Sinkglug ohne Ende wird kommen.

A: Sinkflug wäre gut, nur ein Absturz wäre schlecht, das haben schon die alten Bauern in den Bergen gesagt. Manche von ihnen wollen nicht immer mehr Subventionen, sondern wieder Produktionsverhältnisse, die dem Leben entsprechen.

B: Manche vielleicht. Die meisten wollen mehr haben …

A: … und provozieren dadurch sowohl den Sinkflug als auch die Gefahr eines TOTALABSTURZES.

B: DU WEIßT JA GAR NICHT, WAS DU REDEST.

A: WARUM NICHT?

B: WEIL SICH NIEMAND DEN TOTALABSTURZ AUSMALEN KANN …

Nur Akten, nicht das Leben selbst

Bei den Epstein Files handelt es sich um Akten, Unterlagen, Dokumente.

Wieso sprechen sie nicht von den Epstein Taten?

Es ist leichter, über Akten zu reden als über wirkliche Lebensvollzüge, Akten sind ja doch nur Papier, und Papier ist geduldig. 

Das Leben selbst hingegen kann unendlich weh tun, es verschlägt einem manchmal den Atem, beraubt einen der Worte, schafft oft Gefühle der Ohnmacht, Trauer, Wut.

Deshalb Epstein Files, weil das, was Epstein mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alles getan hat, macht schwer und hinterlässt Schmerzspuren. 

Stell dir vor …

Stell dir vor, deine Eltern wurden an Flüssen geboren, etwa die Mutter an der Lippe und der Vater an der Liebe. Solche Details sind prägend für das Leben und vererben sich transgenerational an die Folgegenerationen. 

Meine Eltern wurden nicht am Wasser, sondern im Gebirg geboren.

Auch das überträgt sich, egal ob man am Ort der Herkunft bleibt oder, wie ich es getan habe, das Weite sucht.