Leitersturz

Leitern sind Übergänge. Sie verbinden Orte, die sonst nicht in Verbindung stehen. Hinter Leitern walten manchmal große Veränderung. Den Tenor Fritz Wunderlich ereilte beim Sturz von der Leiter in seinem Garten der Tod.

Nicht ganz so schlimm waren zwei Leitererlebnisse für eine alte Frau, die ich kürzlich im Heim besuchte. Ich fragte sie nach schlimmen Erlebnissen in ihrer Familienzeit. Sie erzählte zwei Erlebnisse, beide hatten mit ihren Söhnen und Leitern zu tun. Der Schreck über diese Ereignisse sitzt der Frau noch heute in den Knochen.

Der eine Sohn hatte sich als Kind in der Krone einer hohen Douglasie vor ihrem Haus verstiegen. Feuerwehr holen? Nein, die Mutter holte die alte, lange Holzleiter hinter dem Schuppen, stieg hoch und holte das Kind. Einige Stufen über dem Boden brach beim Runtersteigen eine Sprosse. Klassischer Schwachpunkt bei alten Holzleitern. Das Kind plumpste zu Boden und war unverletzt. Sie selber kippte nach hinten, verlor das Gleichgewicht, plumpste ebenfalls. Auch sie war unverletzt. Doch die alte Frau bewahrte von diesem Tag so etwas wie ein Nahtoderlebnis in ihrer Erinnerung auf.

Ein andermal war der andere Sohn dran. Er stand auf der obersten Sprosse einer Leiter, vielleicht derselben alten Holzleiter, auf der schon sein Bruder unterwegs war. Sie war zu steil an den Baum gestellt und der Junge brachte es fertig, so weit zurückzulehnen, dass er mitsamt der Leiter nach hinten wegsank. Langsam segelte das ungleiche Paar durch den halben Garten. Die Mutter an der Küchentür sah zu und dies ohne Möglichkeit einzugreifen. Auch dieser Schreck wurde zur ewigen Erinnerung, die sogar einen Engel beinhaltet, der bei der Leiter erschienen sei und das Ende mit dem klammernden Jungen daran sanft über den Komposthaufen gezogen habe, wo das Kind weich und lachend gelandet sei.

In beiden Fällen war nichts Schlimmes geschehen, kein Unfall, nichts, doch die Frau erzählte mir nur diese beiden Leitergeschichten, als ich sie nach wirklich schlimmen Erlebnissen befragte.